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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-04-07 · Heft 15 (7.4.1885) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 15 (7.4.1885)
Date
1885-04-07
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
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*36 bemängeln gesucht. Abgesehen davon, daß dies uns, denen es um den Geist dieses Schreibens, um die Principien fich handelt, die es ausspricht, sind diese Zweifler unschwer zu widerlegen. Denn erstens paßt es durchaus in die gegebene Situation. Jeremias steht die Wohlfahrt, die Existenz des in seinem Lande noch übriggebliebenen Volkes allein von der ruhigen Unterwerfung unter die chaldäische Herrschaft abhängend an, die ja selbst den König und den Tempel, also das nationale und das religiöse Wesen bestehen ließ. Er ist empört über die Jntriguen, die Zidkijah mit den übrigen Völkern anspinnt, um mit Egypten im Bunde gegen Nebuchadnezar aufzufiehen. Er fürchtet, daß die Exulanten, durch falsche Propheten aufgeregt, fich in Babel selbst in solche Jntriguen einlasien und sich hiermit der unerbittlichen, aber gerechten Strafe, aussetzen und überhaupt in eine schiefe Stellung sich bringen könnten. Wie er deshalb offen im Tempel und vor den Fürsten und Priestern die Treue gegen Babel als einziges Rettungsmittel, als Gebot Gottes mit größtem Nachdruck, mit Wort und Symbol verkündet, so mußte er auch sein Wort an die Exulanten richten und sie zur Ruhe und Pflichttreue ermahnen. Dann aber auch spricht die weitere Geschichte dieses Briefes für besten Authenttcität. Diejenigen, welche in Babel auf die Aufwiegelung der jüdischen Exulanten fpeculirten, schickten, über die Zuschrift Jeremias' ergrimmt. Schreiben an den damaligen Hohen Priester Zephanjah und machten ihm Borwürfe, daß iie den Jeremias jenen Brief nach Babel zu schreiben nicht verhindert hätten, da sie ihn vielmehr „in die Stock- und in die Handfeste!" hätten legen sollen. Dem Jeremias wurde dieser Brief vorgelesen, aber unerschrocken erhob er seine Rede von neuem und warf seinen Gegnern, so mächtig sie auch waren, laut „den Abfall von Gott" vor. Diesen Muth hatte Jeremias vorher und nachher mit schweren Leiden zu besiegeln, da man ihn mehrere Male in das Gefängniß, in die Grube warf und der König die ihm zugesandte Rolle zerschnitt und auf dem Kohlenbecken verbrannte. Endlich ist nicht zu übersehen, daß die Ausdrucksweise dieses Briefes völlig mit der unsres Propheten, auch in charakteristischen Redeweisen und in Anklängen an die Sprache des Pentateuchs übereinstimmt, worüber man unseren Commentar zur Stelle Nachlesen möge.- Unsere Weisen unterscheiden das Peßach der Vergangenheit (cmsD hdd), das Peßach der Gegenwart (nrrn 's) und das Peßach zukünftiger Zeiten (ni:£ "rny^ 's). Das Peßach der Vergangenheit ist uns die Bürgschaft für den Erlösungswillen und die Rettungskraft Gottes, der Gerechtigkeit und Freiheit will und Knechtung und Gewaltthaten nicht duldet und so eine unerschöpfliche Trostquelle für uns. Das Peßach der Zukunft bietet uns die Hoffnung auf die dereinflige Erfüllung des Gottesreiches, und das Peßach der Gegenwart ist die Wirklichkeit, auf deren Boden wir uns bewegen. Es war dies die Feier des Beginns der Ernte, daS erste und bedeutendste Berbrüderungsfest in Jerusalem, wo fich oft über eine Million Israeliten versammelten und endlich brachte an ihm jede Familie das Peßachlamm dar zur immer wieder erneueten priesterlichen Weihe aller Bekenner des einzigen Gottes. Und hierin liegt ja auch die Verwirklichung des jeremijanischen Gedankens: für das bürgerliche Leben ein arbeitsames, thatkräftiges, für das polittsche ein strebsames, der Wohlfahrt der Gesammtheit begeistert zugeneigtes, für das religiöse ein treu ergebenes, der Lehre und den Vorschriften der Religion gewidmetes Leben zu führen Mögen wir Alle hiervon durchdrungen werden: dann wird der Herr „das Werk unsrer Hände festigen!" (Psalm 90,17.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 25. Marz. In der neuesten Zeit hat fich die Philosophie wieder viel mit dem Problem der menschlichen Willensfteiheit beschäftigt. Sie unterscheidet fich aber hierin sehr wesentlich von der früheren Behandlungsweise dieser Frage. Die moderne Philosophie richtet ihre Untersuchungen vorzugsweise und mit Hülfe der Naturwissenschaft auf die physiologischen und psychologischen Momente des Gegenstandes, während die älteren Philosophen und Theologen vielmehr die Frage erörtern: in wiefern die göttliche Vorsehung und Borausbestimmung mit der menschlichen Willensfteiheit zu vereinbaren sei? Eigenthümlich ist es nun, daß die Resultate beider Betrachtungsweisen analog ausfallen. Wie auf dem religionsphilosophischen Gebiete der Fanattsmus und Determinismus die Willensfteiheit des Menschen geradezu leugneten, während sie andererseits aus der göttlichen Omniscienz (Allwissenheit, Borauswisten) erklärt wurde — so kommt ein Theil der Physiologen und Psychologen dazu, den menschlichen Willen aus physiologischen und psychologischen Gesetzen entspringen und verlaufen zu sehen, so daß sie die Willensfreiheit verneinen, während andere die letztere als eine unzweifelhafte Thatsache anerkennend, die Einseittgkeit und zum Theil Willkür in der Annahme jener Gesetze und deren Thätigkeit Nachweisen und den Willen aus einer Zusammenwirkung von Gesetz und Freiheit in der geistigen Bewegung zu erklären versuchen. Uns erscheint das Resultat jener Untersuchungen, das der Zusammenhang und die Aufeinanderwirkung der leiblichen und seelischen Kräfte durch jene in ihrer Erkenntniß gegen die früheren Anschauungen sehr vereinfacht und der Jncidenzpuntt klarer gelegt worden, ohne jedoch das Problem wirklich lösen zu können; die Frage über das Entstehen und den Verlauf des Denkens, Fühlens und Wollens bleibt immer wieder an demselben Punkte stehen, an dem für uns unerklärlichen Uebergang des Leib-

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