Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1885)
- Date
- 1885-04-07
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
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235 Priester und an die Propheten und cm das ganze Volk, welches N. von Jerusalem nach Babel hinweggeführt hatte". Er benutzte hierzu zwei Gesandte, welche Zidkijah an Nebuchadnezar sandte, um ihn seiner Treue zu versichern. Der Brief lautet: „Also spricht der Ewige der Heerschaaren, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich aus Jerusalem nach Babel weggeführt: Bauet Häuser und wohnet darin und pflanzet Gärten und verzehret ihre Frucht. Nehmet Weiber und zeuget Söhne und Töchter und nehmet Euren Söhnen Weiber und Eure Töchter gebet Männern, daß sie Söhne und Töchter gebären und mehret Euch dort und mindert Euch nicht. Und suchet das Heil der Stadt (des Staates), wohin ich Euch geführt und flehet für sie zum Ewigen: denn in ihrem Heile wird Euch Heil sein". Er ermahnet sie hierauf, auf diejenigen nicht zu hören, welche falsche Hoffnungen in ihnen erwecken, denn nicht nach Jerusalem würden sie jetzt gelangen, sondern dieses, der König und das Volk, da sie gegen Gott sündigen, würden bald vor Nebuchadnezar fallen. Erst in späterer Zeit, wenn die Exulanten Gott aufrichtig suchen und sich ihm zuwenden, würden sie wieder gesammelt und nach dem Lande ihrer Väter gebracht werden. — Der Prophet legt es also den exilirten Israeliten als eine Pflicht auf, von deren Erfüllung ihr Heil abhänge, sich ganz als treue Anwohner des Landes zu verhalten, in welches sie geführt worden. Es konnte dies nicht nachdrücklicher ausgesprochen werden, als dadurch, daß sie Häuser bauen, Gärten und Weinberge bepflanzen, also keinen flüchtigen Erwerb betreiben, sondern ihren Besitz und ihre Kräfte auf den Erwerb von Grund uud Boden und auf deffen Bearbeitung verwenden sollten. Sie sollen feste Ansiedler werden und hier in ganzem Umfange dem Familienleben sich widmen. Aber noch weiter: sie dürften nicht, in falschen Hoffnungen sich wiegend, etwa mit Feinden des Staates und der Stadt sich verbinden, um einen Umsturz zu bewirken, der ihnen die Aussicht eröffnete zur Rückkehr nach dem h. Lande; sondern sie sollten mit allen Kräften das Wohl des Landes zu fördern suchen, und dieses nicht etwa aus blos politischen Gründen, sondern aus innigster Ueberzeugung und Gesinnung. Dies spricht der Prophet in den Worten aus: „Und flehet für sie zum Ewigen." Dies ist bei dem Propheten keine bloße Formel. Das Gebet zum Ewigen ist ihm, wie er öfter andeutet, der Erguß des Herzens, die Aussprache der Wünsche und Hoffnungen, die den Menschen in den Tiefen seiner Seele erfüllen; es ist die Erhebung des Geistes unmittelbar zum Gottgeiste, also in voller Wahrheit und Treue. Und alles dies faßt er in dem Schlußworte zusammen: „Denn in ihrem Heile wird Euch Heil sein;" also das Heil der Exulanten und des Staates, in welchem sie lebten, ist dasselbige, von seinem Frieden und seiner Wohlfahrt haben sie Frieden und Wohlfahrt zu erwarten. Gerade wenn man die eigenthümlichen geschichtlichen Verhältnisse betrachtet, die zu jener Zeit obwaüeten, wird man einsehen, daß der Prophet hier ganz objektive Grundsätze für alle exilirten Juden aufstellen, Vorschriften zu sorgfälttger Beobachtung geben, in ihnen das Bewußtsein der wahren Pflichten wecken wollte, die ihnen obliegen. Er stellt keine Bedingungen, wenn er auch voraussetzen muß, daß der Staat und das Volk, in deren Mitte jene wohnten, ihnen gestatten, diese Pflichten zu erfüllen. Jeremias mußte eben wissen, daß es den Exilirten frei stand, Grund und Boden zu erwerben, Häuser zu bauen, Gärten und Weinberge anzulegen und Familien zu gründen.') Aber das Prinzip, das er ausspricht, hat seine Geltung doch auch unter den mißlichen Umständen, welche in späteren Zeiten auf den Juden lasteten, innerhalb der Beschränkungen und Ausnahmegesetze, denen sie unterworfen wurden. Die Cultur des Bodens entsprach den Gewohnheiten und Fähigleiten der Juden, die soeben aus ihrem Lande, von ihren Feldern, ihrer Obst- und Viehzucht hinweggeführt worden. Zwangen andre Zeiten die Nachkommen dieses Volkes zu anderen bürgerlichen Erwerbzweigen zu greifen, so war doch damit das Princip nicht geändert: sich als feste Bewohner des Landes zu betrachten, als Glieder des Staates, und als solche ihre Pflichten vom bürgerlichen und politischen Standpuntte getreulich zu erfüllen, das Heil des Staates nach Kräften zu suchen und für dasselbe zu Gott zu beten. So sind die Worte des Propheten beim Beginn des Exils gleichsam ein Wegweiser, eine Gedenktafel mit unverlöschlicher Inschrift, aufgerichtet für alle Zeiten und Orte, „wohin die Fügung Gottes sie führen werde." Vergessen wir nicht, daß diese Lehren und Vorschriften von einem Propheten ausgingen, welcher von der Gewißheit der dereinstigen Rückkehr und Wiederherstellung tief durchdrungen war und ihr in großen Reden den lebendigsten Ausdruck gab. Aber alle solche, in der Volksseele geweckten und gepflegten Hoffnungen sollten der pflichtgetreuen Handlungsweise der jüdischen Exulanten keinen Abbruch thun und sie in der Ausübung jener Vorschriften durchaus nicht behindern. Sah doch der Prophet auch ein, daß hiervon die Erhaltung des jüdischen Stammes abhängen werde, daß er sich in keine Feindseligkeiten gegen Staat und Herrscher einlaffe, und durch sein friedfertiges und arbeitsames Verhalten immer das Recht und die Gerechtigkeit auf seiner Seite erhalte. Das Wort des Propheten! Jeremias ist das Grundgesetz für die hinweggeführten Israels! für alle Zeiten und bis zur Gegenwart geblieben, denn in ihm ist die Ausgleichung der bürgerlich-politischen und der > religiösen Interessen gegeben.! Einige Kritiker haben die Echtheit dieses Briefes zu 1) Wie Ezechiel (34,6) audeutet, verbreiteten sich auch wirklich die , Exulanten immer mehr über das ganze Land. 15*