Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1885)
- Date
- 1885-04-07
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
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2-4 und du es besitzest und er dir wohlthut und dich mehret I mehr als deine Väter". Desgleichen halten die Propheten Reden über die dereinstige Wiederherstellung Israels, schildern} mit glühenden Farben diese glückliche Zukunft und die dereinstige Größe. — Da mußte nun die Frage entstehen: wie haben sich die Exulanten in den Ländern der Verbannung zu verhalten? Sollen sie daselbst, von der steten Hoffnung baldigster Zurückführung erfüllt, sich vom Leben der Völker, unter die sie zerstreut worden, zurückhalten und abschließen, auf eine dauernde Aufiedlung verzichten — oder sollen sie diese Hoffnung zwar als ein Moment ihres religiösen Denkens und Fühlens bewahren, jedoch sie auf ihr wirkliches Leben keinen Einfluß üben lassen, sondern sich völlig dem bürgerlichen Leben, ja selbst auch dem politischen, mit Herz unp Hand anschließen? Es versteht sich von selbst, daß diese Frage nicht im Voraus und theoretisch sich aufdrang und zu beantworten war, sondern erst als die Exilirung actuell geworden. Da ist es nun eine höchst bedeutsame Erscheinung, daß uns ein Dokument überliefert worden, daß nach der ersten eigentlichen Wegführung aus der Feder eines Propheten stammt und die eben aufgeworfene Frage beantwortet. Wir meinen das Schreiben des Propheten Jeremias an die ersten Exulanten in Babel Kap. 29. Dasselbe ist gewiß von der größten Bedeutung, für eine Zukunft des jüdischen Stammes, wie sie so lang dauernd und so weithin sich erstreckend der Prophet selbst sich nicht vorgestellt hat, während er die Frage in einer Weise löst, die für alle Zukunft ihre Geltung hat, für alle Zeiten und Orte. Erwägen wir zunächst die geschichtlichen Verhältnisse, unter denen der Brief entstanden ist. Aus Osten die Chaldäer, welche die Affyrer überwunden hatten, und von Westen die Egypter, rangen mit einander um die Herrschaft über Vorderasien. Zwischen beiden Weltmächten lagen die kleinen Staaten Juda, Moab, Edom, Amon, Tyrns und Sidon, die noch alle selbständig waren, eingekeilt, und mußten die Wahl treffen, welcher von jenen beiden sie sich anschließen mochten, um ihre Existenz zu sichern. Hierbei war gewöhnlich ihre Politik, sich mit der zeitweise weniger siegreichen Macht zu verbinden, um sich der unbedingten Herrschaft der anderen zu erwehren. Diese Politik mußte zum Verderben führen, sobald die gegnerische Partei siegte. So schloß sich der fromme und kräftige König Josias dem babylonischen Herrscher an, gegen welchen Pharao Necho mit einem gewaltigen Heere heranrückte. In der Schlacht bei Megiddo wurde der König getödtet und sein Heer geschlagen. Das Volk fetzte in Eile seinen jüngsten Sohn Äoachas zum Könige ein, aber Necho kam nach Jerusalem und setzte den Joachas ab (611 vor d. gew. Ztr.), vielmehr ließ er den zweiten Sohn Jojakim den Thron besteigen. Dieser hielt nun, im Gegensatz zu seinem Vater, am egyptifchen Bündniß fest. Hierdurch entstand eine Spaltung im Bolle, zwischen der egyptifchen Partei, welcher der König, die Fürsten und viele Priester sowie einige Männer, die sich als „Propheten" gerirten, angehörten, und der babylonischen, an deren Spitze der Prophet Jeremias stand. Dieser ging von der Einsicht aus, daß die Egypter gegen die Chaldäer und deren König Nebuchadnezar nichts vermöchten, und sich immer wieder, wenn geschlagen, nach ihrem Lande zurückziehen würden, so daß die kleinen vorderasiatischen Staaten der Gewalt der Chaldäer anheimfielen. Er verlangte die Unterwerfung unter Nebuchadnezar, weil dadurch das Volk ungestört im Besitze seines Landes und in der Uebung des Gesetzes bleiben werde, wohingegen die Feindseligkeit gegen die Chaldäer den Zorn Nebuchadnezars heraufbeschwören und ihn zur Zermalmung des jüdischen Staates bewegen würde. In diesem Sinne richtete Jeremias nicht blos an den König Jojakim, sondern auch an die Fürsten der oben angeführten Völker Ansprachen, um sie vor dem Bündniß mit Egypten zu warnen. Diese jedoch hörten nicht darauf, und erst als Nebuchadnezar die Egypter geschlagen und bis an die Grenzen ihres Gebietes verfolgt hatte, unterwarf sich ihm Jojakim und er begnügte sich mit einigen Geißeln und einem Theil der Tempelgeräthe. Im Jahre 599 starb Jojakim und ihm folgte sein 18 jähriger Sohn Jojachin, auch Jechonja genannt. Er hatte die Zustimmung Nebuchadnezars nicht abgewartet und widersetzte sich den Truppen desselben, bis Nebuchadnezar selbst mit einem Heere heranzog und Jojachin nach drei Monaten sich ergeben mußte. Nebuchadnezar ließ ihn, seine Mutter, seine Hofbedienten, die vornehmsten Jünglinge und Krieger, alle Zimmerleute und Schmiede, zusammen über 10000 Köpfe nach Babylon abführen. Er ernannte den Bruder Jojakims unter dem Namen Zidkijah zum Könige. Trotz dieser, nach den damaligen Sitten großmüthigen Behandlung zeigte Zidkijah bald die Neigung, wieder mit den Egypteru zu intriguiren. Ebenso im vierten Jahre seiner Regierung empfing er in Jerusalem Gesandte der Könige von Moab, Edom und Ammon, Tyrus und Sidon, um sich zu einem Bündniß mit Egypten zu vereinigen. Hiergegen erhob sich Jeremias und verwarnte sie vor dem Schicksale, dem sie entgegengingen, da Gott alle diese Völler in die Hände Nebuchadnezars gegeben. Wir wissen, daß dadurch der Abfall Zidkijah's nur verzögert ward, daß er sich (im 8. Jahre) mit dem egyptifchen Könige Apries verband, und die Zerstörung Jerusalems die Folge war. Vorher hatte Jeremias auch gehört, daß in den Exulanten zu Babel von Männern, die sich für „Propheten" ausgaben, die Hoffnung erregt ward, der Sturz von Babel sei nahe, und die fortgeführten Israeliten würden mit den Tempel- : geräthen, die Nebuchadnezar aus Jerusalem mit sich genommen, > dahin zurückkehren. Deshalb richtete er ein Schreiben „an j die übrig gebliebenen Aeltesten der Weggeführten und an die f