Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1885)
- Date
- 1885-03-31
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
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22» für das laufende Jahr zur Förderung seines Zweckes behilflich sein sollen. Beide Antrüge hatte Herr Banquier Mancl, der sich schon vorher die Unterstützung zahlreicher Delegirter gesichert hatte, eingebracht. In längerer Rede hob Herr Wohlmuth, Mitglied des Gemeinde-Ausschusses (Stadtverordneten-Versammlung) und des Bezirksschulrathes, der zugleich Vice- Präfident des Kuratoriums ist, als dessen Präsident der Reichsraths-Abgeordnete v. Gomperz fungirt, die Notwendigkeit hervor, eine solche Anstalt zu gründen. Der allgemeine Unterricht genügt nicht dem Bedürsniffe eines künftigen Religionslehrers oder Cantors und ebenso wenig der Vorbildung, welche ein jüdischer Theologe auf die Hochschule mitbringen soll. Biele Eltern von Gymnasiasten und Realschülern beklagen den traurigen Umstand, daß ihren Kindern die Gelegenheit entzogen ist, sich in ihrem hebräischen Wissen zu vervollkommnen, daher muß die Metropole unseres Landes dafür sorgen, dem Bedürfnisse zu genügen. Beide Anträge wurden mit großer Majorität angenommen und so ist zu hoffen, daß, wenn die Leitung in die richtige Hand gelegt wird, die dazu beitragen wird, unsere Jugend dem religiösen Jndifferentismus zu entreißen und unseren künftigen Cultusbeamten die nöthige Abrundung in ihren theologischen Kenntnissen zu verschaffen, Leute heranzuziehen, die für ihren Beruf Vorliebe mitbringen, die nicht erst dann sich dazu entschließen, wenn sie in allen möglichen Existenzen Schiffbruch gelitten haben. Ist das erreicht, so wird zugleich an die Gemeinden die Nothwendigkeit herantreten, die äußere Stellung ihrer Beamten besser zu gestalte», denn sie werden einsehen, daß unter den oft traurigen Verhältnissen der Cultusbeamten auf dem Lande keinem jungen Maune der Antrieb kommen wird, sich einem gleichen Loose auszusetzeu. Endlich wird auch die Regierung, welche ja seit Langem sich mit einer Regelung der äußeren Rechts- Verhältnisse der jüdischen Religionsgenoffenschaft beschäftigt, einsehen, daß es hier ebenso noth thut, eine Ordnung zu schaffen, wie auf dem Gebiete des Lehrlings- und Arbeiterwesens. Doch ein ernstes Wort wird man einem Manne nicht verargen, der, wie der Schreiber dieser Zeilen, gewiß ein warmes Herz der Sache entgegenbringt. Omiie» homines, qni de rebus dubiis Consultant, ab odio et araicitia vacuos esse deeet — Nüchternheit in dem Anfireben des Zieles ist vor Allem erforderlich. Die großen Worte find eine Krankheit unserer Zeit, nicht zum mindesten in Oesterreich, dem Lande des Nationalitäten Haders. Unklarheit im Wollen ist die nächste Folge davon. Wie wäre es sonst möglich, daß der deutsche Schulverein, dessen Präsident im Reichsrathe von dem Schreckensgespenst so zahlreicher jüdischer Unterofficiere spricht, gerade unter Juden so warme Förderer finden könnte. Also nur keine allzu großen Worte. Hier kann keine Akademie bestehen. Der Lehrer muß unterrichten und darauf sehen, daß die Schüler den Inhalt der ersten Propheten kennen, daß sie die hebräische Grammatik auf wissenschaftlicher Basis erlernen; ehrliches Streben, und keine Windmacherei. Daun wird das Unternehmen ein großes Werk sein. .pi rrz hv? mpirn bv or»*s b*2V2 *bs ürpnc o^nyn;\n Frankreich. Paris, 12. März, lieber die Verfolgungen, welche die Juden in Marokko wieder einmal zu erdulden haben, haben wir bereits wiederholt berichtet. Der dortige Vertreter Frankreichs, Herr Ordega, der jetzt von dort abberufen und als Generalconsul für Rumänien nach Bukarest versetzt worden, sprach sich dahin aus, daß ihn in seiner Thätigkeit für die unglücklichen Juden gewisse andere Consularagenten beschränkt hätten, so daß er in jedem einzelnen Falle zuvor die Instruktionen seiner Regierung hätte abwarten müssen, wo dann oft die angemessenste Zeit vorüber gewesen. Er fügte hinzut »Auf dem neuen Posten, auf den ich jetzt berufen bin, zweifle ich nicht, daß meine Initiative weniger reservirt sein wird. Die Israeliten in Rumänien bilden eine beträchtliche Gemeinde, deren Lage im allgemeinen nicht die beste ist. Ich werde in Zukunft eine größere Freiheit im Handeln haben und meine Sympathien für die Juden werden Gelegenheit finden sich zu bethätigen. Als Abkömmling einer polnischen Familie, Sohn eines hervorragenden Republikaners, habe ich seit meiner Kindheit den Haß gegen jede Unterdrückung eingesogen, ein Haß, dem nur mein Bestreben für alle Unterdrückten gleich kommt, ohne Unterschied der Race oder des Glaubens." Herr Ordega hat übrigens seinen Nachfolger Feraud, bisherigen Generalconsul in Tripolis, ersucht, sich lebhaft für die marokkanischen Juden zu interesfiren. Belgien. Brüssel, 6. März. Man schreibt von hier der »Boss. Zeitung": »Da die Gerichte des Landes fortfahren, mit großer Strenge alle Uebertretungen der Beerdiguugsvorschriften durch klerikale vom Klerus aufgehetzte Bürgermeister zu ahnden, so fordert die klerikale Partei von dem Ministerium die schleunige Erlassung eines Gesetzes durch welches die Freiheit der Beerdigung in der Weise sicher gestellt wird, daß jede Sekte ihren eigenen Kirchhof hat und Jeder sich nach seinen Anschauungen beerdigen lassen kann. Dos ministerielle »Brüsseler Journal" stimmt dem zu und erklärt dieses Gesetz für durchaus nothwendig." — Wir brauchen nicht erst zu bemerken, daß hieran auch die jüdischen Gemeinden Belgiens betheiligt find. So sehr n»r klerikalen Tendenzen abgeneigt find, so liegt hier doch ein Stück Re-