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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-31 · Heft 14 (31.3.1885) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 14 (31.3.1885)
Date
1885-03-31
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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220 in irgend einer anderen römischen Provinz ein kräftiger Ausbruch stattgefunden haben, wäre die jüdische Natton gerettet gewesen. So aber sandte Nero seinen ausgezeichnetsten Feldherrn Vespasian mit 60.000 Mann Legionäre gegen das empörte Judäa (67). Der römische Feldherr sah ein, daß er selbst mit dieser großen Macht im Angriffswege nichts auszurichten vermöchte. Er plante deshalb, die einzelnen Landschaften zuvor wieder zu erobern und so nach und nach Jerusalem einzuschließen. Dies gelang ihm zunächst mit Galiläa, der bevölkertsten Provinz, die bereits vorher durch die Ränke des Josephus und seinen Kampf gegen die Entschiedenen halb wehrlos geworden. Da ergab sich bald die eine Stadt, wärend die andere mit stürmischer Hand genommen wurde. Dann bezogen die Römer Winterquartiere. Im Frühjahr 68 unterwarf Vespasian Peräa- Dann zögerte er, als in Rom wegen der Kaiserwahl Unruhen stattfanden. Da wurde er selbst von seinen Truppen zum Kaiser ausgerufen. Er verließ deshalb den Kampfplatz, indem er seinem Sohne Titus die Beendigung des Krieges übertrug. Titus kam im Jahre 70 aus Alexandrien mit neuen drei Legionen und zahlreichen Hilfsheeren, Egyptern und Syrern, an und rückte vor Jerusalem. Simon vertheidigte die Stadt mit 15,000 und Johannes den Tempelberg mit 6000 Kriegern. Jeder Schritt vorwärts mußte von den Römern theuer erkauft werden. Die Belagerten machten Ausfälle, bei wel, chen die Römer große Niederlagen erlitten. Hiergegen zog Titus eine Mauer um die ganze Stadt. Am 0. und 10. Ab fand der letzte Kampf statt. Die Bertheidiger strengten ihre letzten Kräfte an, um den Tempel zu retten. Da warfen die Römer Bränder in das Heiligthum und bald stand es in lichten Flammen. Ueber eine Million Menschen waren seit dem Anfang des Krieges getödtet und 97,000 Gefangene geworden. Sie erlitten theils den Tod, theils wurden sie auf die Sklavenmärkte gebracht. Nachdem Herodium und Machäus genommen worden, wurde das Land von den zersprengten Kriegern gesäubert. Nur Masiadah stand noch zwei bis drei Jahre und wurde nur durch Berrath eingenommen. Der Sieger fand nur Leichen, die Besatzung hatte sich selbst den Tod gegeben. Die Ländereien Judäas wurden verkauft und meist von Syrern erworben. So war das Schicksal des Nationalbestandes des jüdischen Volkes besiegelt. Der jüdische Staat war untergegangen, das heil. Land den Juden entrissen, und diese über die Oberfläche der Erde zerstreut. Aber dieses tragische Geschick war von einem leuchtenden Ausbruch der nationalen Widerstandskraft, von einem ruhmvollen Ende begleitet. Diese letztere sollte sich noch in einem großartigen Aufstande bethätigen. Trotz dieser furchtbaren Niederlage, trotz der Einäscherung des Tempels, Jerusalems und vieler Städte, trotz der Verschleppung von Hunderttausenden in andere Länder, lebte noch in den Resten des jüdischen Stammes eineunverwüstliche Widerstandskraft, ein unerschöpfliches Verlangen nach Freiheit vom römischen Joche, nationaler Selbst?, ständigkeit und Wiederherstellung der religiösen Institutionen. Daher waren auch nach dem Falle Jerusalems, sobald sich die jüdischen Colouien von ihrem Schrecke» erholt hatten und irgendwo der Druck der Römer ihnen besonders fühlbar wurde, die Aufstände der Jude» sehr häufig. Als der Kaiser Trajan die parthjschen und babylonischen Landschaften mit Krieg überzog, am sie gänzlich zu unterwerfen»: waren es die dort höchst zahlreich ansässigen Juden, die ihm die größten Schwierigkeiten bereiteten und namentlich die Städte hartnäckig vertheidigcn halfen. In Folge dessen verfuhr Trajan hart gegen die Juden in den verschiedenen Theilen des Reiches und plötzlich brachen in Alexandrien, Libyen und Cyrene, und besonders auch in Cypern, gewalttge Aufstände der Juden aus, die wegen ihrer Gleichzeittgkeit auf einen gemeinsamen Plan Hinweisen. Trajan bedurfte seiner tüchtigsten Legionen und bewährtesten Feldherren, um die empörten Juden, die anfangs bedeutende Bortheile errungen hatten, zu unterdrücken, wobei ungeheure Massen von Juden niedergemetzelt und große Gemeinden völlig ausgerottet wurden. Und doch waren diese unglücklichen Versuche nur die Vorspiele eines neuen umfassenden Dramas, das in Palästina selbst wieder spielte. Es war dies der Aufstand des Bar-Kochba unter dem Kaiser Hadrian, 62 Jahre nach dem Falle Jerusalems, von 132 bis 135 nach d. gew. Ztr., von der Dauer von 3'/2 Jahren. Wir haben hier vor Allem zwei Eigenthümlichkeiten hervorzuheben. Zuerst, daß, während wir von jenen beiden ersten Begebenheiten ausführliche Nachrichten besitzen, über diesen dritten und letzten umfassenden Kampf für den jüdischen Nattonalbestand nur spärliche Nottzen auf uns gekommen find, die wir aus des griechischen Geschichtsschreibers der Römer Dio Cassius (155—229) Fragmenten und aus talmudischen und midraschischen Stellen zu sammeln haben. Der unglückliche Ausgang, der die Flammen der Energie völlig zum Erlöschen brachte, war wohl schuld, daß der verlorene geschichtliche Sinn sich nicht wieder erhob, um diesen merkwürdigen Kampf in seinem Verlauf und seinen Einzelheiten unserer Kenntniß zu erhalten. Die zweite charatteristische Erscheinung ist, daß, während der Makkabäer- und der Römerkrieg keine Spur messianischer Ideen und Hoffnungen als mitwirkend aufweisen, sondern in ihnen Alles in geschichtlicher Weise verlief, in der Erscheinung des Bar-Kochba das messianische Element hervortrat. Da nun in der Zeit vor dem Römerkriege mehrmals Männer auftraten, die sich für den Messias ausgaben, bald aber dem Henkerbeile der Römer erlagen, und trotzdem in dem Kriege gegen die Römer nichts von solchen Pseudo-Messiaffen zum Vorschein kam, können wir folgern, daß eben damals die Vorstellung eines

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