Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1885)
- Date
- 1885-03-31
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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519 Beispiel, wie eine kleine nationale Macht, ohne kriegerische Ausrüstung und Uebung durch todesverachtenden Heldenmuth und Begeisterung für Religion und Freiheit die großen Heere eines tyrannischen Herrschers zu besiegen und niederzuschmettern vermag. Was jedoch weniger allgemein bekannt, ist, daß nach diesem ersten Erfolge Judas in den Jahren 166 und 165 vor d. gew. Ztr., der Kampf gegen die Syrer noch lange fortdauerte und erst nachdem Eleasar, Juda und Jonathan den Heldentod erlitten, durch Simon im Jahre 139 glücklich beendet ward, in welchem Jahre am 18. Ellul Simon vom gesammten Volke zum Hohenpriester und Fürsten ernannt wurde, so daß von dieser Zeit an wieder ein freier jüdischer Staat bestand. — Je glänzender der Erfolg dieses ersten der drei Waffengänge war, desto unglücklicher der Ausgang des zweiten, des Krieges gegen die Römer. Gerade deshalb müssen wir ihn von dem richtigen, dem höheren Standpunkte aus beurtheilen. Er war der Berzweiflungskampf einer durch unsägliche Tyrannei und Grausamkeiten mißhandelten und zuletzt durch Verletzung ihrer Heiligthümer empörten Nation, in deren Herzen noch das trotzige Gefühl der Selbständigkeit und Unabhängigkeit Pulfirte. Merkwürdige Heldenthaten im Großen und im Einzelnen wurden vollbracht, und der Kampf bis zum Tode, bis zum Untergang mit der äußersten Heftigkeit geführt. Man ergab sich nicht, man begrub sich unter den Trümmern der Festungen und des Heiligthums. Allein schon die Namen Jotapat, Jerusalem und Nassadah bleiben für immer in der Kriegsgeschichte merkwürdig. Daß der Ausgang ein so trauriger war, daß in diesem Kampfe der Nationalbestand des jüdischen Volkes sein Ende erreichte, Jerusalem und der Tempel in Trümmer sanken, ungeheure Massen des Volkes durch Hunger und Schwert sielen, und ein anderer großer Theil desselben theils verjagt, theils zu Sklaven verkauft wurde, dazu wirkten mehrere Ursachen zusammen. Zuerst: Judäa war eine unterworfene Provinz, vielfach von den Römern schon ausgesogen und ihre Bewohner durch Blutbäder decimirt, ohne organisirte Waffenmacht, ohne kriegerisch eingeübte Soldaten, ohne Ausrüstung und Waffen, und stellte sich dennoch dem weltbeherrschenden Rom und dessen tapfern und kriegsgewohnten Legionen mit ihren erfahrenen und bewährten Feldherren entgegen. Hierzu kam die völlige Jsolirtheit der Juden, der gänzliche Mangel an Bundesgenossen und Hilfe, ein Zeitpunkt, wo die Römer keinen anderen bedeutenden Kampf zu bestehen hatten. Was aber drittens den Kampf von vornherein äußerst gefährdete, das war die Zerrissenheit in mehrfache, sich feindlich befehdende Parteien, welche nicht allein keine einheitliche Oberleitung zuließ, deshalb jeden Bertheidigunsplan ausschloß und den Kampf zu Einzelkämpfen auflöste, sondern auch wiederholt blutigen Streit zwischen den Parteien hervorrief, so daß nicht unbeträchtliche Schaaren und bedeutende Vorräthe in diesem Bürgerkriege verloren gingen, der gerade am heftigsten entbrannte, wenn ein Bortheil über die Römer gewonnen worden. Hierbei ist nicht zu übersehen, daß wir die Beschreibung des Krieges der Feder eines Parteigängers zu verdanken haben, des Josephus, der, zum Anführer über Galiläa gewählt, hier schon eine zweideutige Rolle spielte, dann sich als Römerfreund erwies, und, von Bespafian und Titus reichlich beschenkt, in Rom selbst seine Schriften perfaßte, während die Gegenschriften, die wider ihn gerichtet waren, verloren gingen. Wenn derselbe doch für seine Religion und Nation eine tiefe Empfindung hatte, die ihm mißliebigen Parteien aber aufs Heftigste beschimpfte: so find wir genöthigt, mitten aus seinen Schilderungen nach dem rechten Maße und richtiger Würdigung zu suchen. Die Parteien waren wesentlich politischer Natur und zwar verlangte die eine die unbedingte Unterwerfung unter die Gewalt der Römer, die sie doch nicht bezwingen könnten; die andere Partei, die gemäßigte, wollte den einmal entbrannten Kampf bis nach Erlangung einiger Bortheile, um dann mit den Römern zu paktiren; die dritte endlich wollte von allem dem nichts wissen, sondern den Kampf bis zum Sieg oder Untergang mit Aufbietung aller Kräfte führen. Man nannte sie die „Zeloten", und Josephus, welcher zur zweiten Partei gehörte, betitelt sie „Räuber und Mörder", während sie das Extrem des Bolkswillens und das Ergebniß jeder aufrichtigen Begeisterung darstellten, aber allerdings im Verfolgen ihrer Ziele keine Rücksichten kannten. Diese Mittelpartei sah in dem weiter geführten Kampfe den Untergang der Nation, während sie voraussetzte, daß unter billigen Bedingungen der Fortbestand ermöglicht sei. Dieses letztere erscheint jetzt als Chimäre. Einerseits hätten die Römer, durch die Erfahrung gewitzigt, sicherlich alle Quellen der eigenthümlichen Nationalexistenz verstopft und bei wieder erlangter Herrschaft auch die religiösen nicht im Geringsten geschont. Der Untergang des nationalen Bestandes und jeder Art von Selbständigkeit wäre dennoch gewiß gewesen. Im Gegentheil aber hätten sich alle diese Parteien geeinigt, alle ihre Kräfte energisch verbunden und den thatkräftigen Führern sich untergeordnet, so wäre es sehr zweifelhaft gewesen, ob die Römer sie besiegt hätten. Auf der einen Seite lag ein feiges Zerbröckeln, auf der anderen ein heldenmüthiger Sieg oder Untergang. In Wirklichkeit waren die Anfangs errungenen Erfolge günstig. Der Landpfleger Florus zog von Jerusalem ab (65 nach der gew. Ztr.); die römische Besatzung in Maffadah wurde niedergemacht; Cesttus Gallus mit 10,000 Mann geschlagen, das ganze Land von Römern befteit. In Jerusalem machte man riesenhafte Anstrengungen; die Mauern wurden erhöht und befestigt; unaufhörlich wurden Pfeile, Wurfspieße, Schwerter und Panzer in Unzahl geferttgt und die Jugend auf den freien Plätzen geübt. Würde damals 14*