Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1885)
- Date
- 1885-03-31
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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21$ Tribut und Soldaten forderte, sonst aber dem inneren Leben des Volkes freie Existenz und Bewegung gewährte. Auch die macedonische und ägyptische Oberherrschaft (unter den Ptolomäern) änderte hierin nichts; aber von einer anderen Seite bereitete sich eine Gefahr für den nationalen Bestand vor. Es war dies — die Auswanderung. Ein Uebelstand war es schon, daß aus dem Exil nur ein Theil des Volkes nach Palästina zurückkehrte, und eine große Menge in den innerafiatischen Ländern zurückblieb. Bon vornherein wurzelte dadurch der Gedanke, daß es genüge, einen Stamm im Mutterlande zu haben, um den Individuen zu gestatten, den Wohnsitz nach Belieben zu wählen. Hierzu kam nun zweitens, daß die erobernden Dynasten in den neuerworbenen Ländern große Städte gründeten, wohin sie ihnen ergebene Colonisten überfiedelten, und hierzu auch große Massen der Juden verwandten: so in Alexandria, Antiochia. Seleucia (am Tigris), wo die Juden die gleichen Rechte mit den Griechen, Syrern und Aegyptern erhielten. Endlich hatten die langwierigen verheerenden Kriege zwischen den Aegyptern und Syrern, die insbesondere Palästina heimsuchten, und dazu die inneren Zwistigkeiten zwischen Jason und Menelaus die Folge, daß es zahllosen Juden im Mutterlande unerträglich wurde und sie den Wanderstab ergriffen. So kam es, daß sich zahlreiche Judengemeinden nicht blos in den innerafiatischen Ländern bis nach Arabien und Indien, später sogar bis China verbreiteten, sondern auch in Aegypten, Cyrene, auf den Inseln des ägäischen Meeres, in Griechenland und Italien. Längst ist es begriffen worden, daß sich hierin ein providentieller Act vollzog, weil nur auf diese Weise nach der Berjagung aus dem Mutterlande die Erhaltung des jüdischen Stammes ermöglicht war. Aber an sich bedeutet doch diese übermäßige Auswanderung und Bertheilung eines geringen Volksstammes nichts anderes, als die Auflösung des Nationalbestandes. Denn diese Colonien standen mit dem Mutterlande selbst nur in geringer Verbindung; sie begnügten sich mit dem Gedanken, daß der Tempel noch besiehe, und daß Jedermann sein Scherflein dahin sandte, um zur Erhaltung desselben zu dienen. Bon allen westlichen Colonien wissen wir, daß sie sich sogar dem jüdischen Wesen sehr entfremdeten, die griechische Sprache und Sitte annahmen, und des Hebräischen unkundig wurden. Dies hinderte jedoch die im Mutterlande Verbliebenen nicht, dem drohenden Verfall des Nationalbestandes mit aller möglichen Widerstandskraft entgegenzutreten, und hier ist es, gerade in der Periode des finkenden Nationalbestandes, wo die palästinensischen Juden glänzende kriegerische Thaten vollbrachten, und die in ihnen lebende Energie in drei großen Waffengängen zu bleibendem geschichtlichen Ruhme erhärteten: wir meinen die makkabäischen Kämpfe, den Krieg gegen die Römer und den gewaltigen Ausstand unter Bar-Kochba. Um diese Kämpfe richtig zu verstehen, muß man erwägen, daß sie allerdings aus dem leidenschaftlichen Verlangen, den nationalen Bestand und den Besitz Palästina's zu erhalten, entsprungen find, dennoch zugleich durch die Begeisterung für die väterliche Religion mottvirt wurden, welche durch die Feinde bedroht und verletzt worden. Obschon es sich später herausstellte, daß das Judenthum durch die Schöpfung der Synagogen neben dem Tempel und den Ersatz des Opfercultus durch den Gebetcultus, sowie durch den Fortbestand des Sanhedrin außerhalb Jerusalems in seiner Existenz gesichert worden: so erkannte man doch, so lange der Tempel und Jerusalem bestanden, in diesen den wesentlichen Mittelpunkt der Religion, die hochheilige Stätte der kultuellen Verbindung mit Gott, den Sammelpunkt des religiösen Wissens und der Entscheidung in allen religiösen Fragen. Die Vertheidigung des Heiligthums und im letzten Kampfe die Wiederherstellung desselben war deshalb eine wirksame Triebfeder zur Anfachung dieser Kriegsflammen. Religion und naüonale Freiheit vereinigten sich in ihnen, den Arm des Volkes zu bewaffnen, und zur Hingebung bis zum Tod zu begeistern. — Wir können die Geschichte der makkabäischen Kämpfe und des Krieges gegen die Römer als allgemein bekannt voraussetzen, da wir glücklicher Weise über die ersteren die „Bücher der Makkabäer" und den Bericht des Josephus, über den zweiten das Geschichtswerk des Josephus und die Berichte des Tacitus besitzen. Wie wenig kriegerisch gebildet das jüdische Volk in den heldenmäßigen Kampf gegen die große syrische Macht eintrat, ergiebt sich aus dem Umstande, daß in der ersten Zeit noch der Wahn vorherrschte, daß man am Sabbath die Waffen auch nicht zur Vertheidigung führen dürfe, was von den Feinden benutzt ward, jüdische Schaaren am Sabbath zu überfallen, und, da sie i sich nicht zur Wehre setzten, niederzumetzeln — bis der greise Matthatias selbst die Vorschrift erließ, auch am Sabbath den Kampf zur Vertheidigung aufzunehmen. Jederman weiß, j wie der Syrerkönig Antiochus Epiphanes über die Juden erbittert, weil ein Theil derselben es mit den ägyptischen Ptolomäern hielt, in Jerusalem einrückte, unter dem wehrlosen Volke ein ungeheures Blutbad anrichtete, in den Tempel und selbst in das Allerheiligste eindrang, auf dem Brandopfer »Altar eine Sau schlachten und eine goldene Bildsäule des Jupiter aufrichten ließ. Allerorten zwang er das Volk, das jüdische Gesetz zu übertreten und heidnische Götter anzubeten. Da erhob sich der greise Priester Matthatias mit seinen fünf Heldensöhnen, sammelte flüchttge Schaaren um sich, und insbesondere Juda Makkabi gelang es, durch verzweifelten Muth und umsichtige Führung mit dem kleinen Heere die großen syrischen Armeen zu schlagen, Jerusalem wieder einzunehmen, und den Tempel zu reinigen und wieder zu weihen. Das jüdische Volk gab damals ein glänzendes