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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-24 · Heft 13 (24.3.1885) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 13 (24.3.1885)
Date
1885-03-24
Page
Seite 208 (sequence 8)
Language
German
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208 theidiger Rechtsanwalt Sachs hatte sich erboten, aus zahlreichen Vorgängen, welche sich sämmtlich in der Oeffentlichkeit abgespielt hätten, den Wahrheitsbeweis für die Behauptungen der incriminirten Artikel zu führen und wegen der Weitfchichtigkeit des vorzubringenden Materials die Eröffnung der Voruntersuchung beantragt. Dieser Antrag war von der ersten Strafkammer abgelehnt worden. Der Vertheidiger hatte dagegen die Beschwerde erhoben, welche jedoch vom Kammergericht zurückgewiesen ist. Es ist nun in Kurzem die gerichtliche Verhandlung zu erwarten, für welche seitens der Bertheidigung ein umfangreicher Entlastungs- resp. Wahrheitsbeweis vorbereitet ist. — Die Antisemiten suchen sich wieder in das Gedächtniß der Menschen zurückzurufen. Wir sehen dies aus einer Bemerkung der „Voss. Ztg.": „Bon mehreren Abonnenten sind uns Beschwerden darüber zugegangen, daß ihnen in der „Boss. Ztg." als Einlage Einladungen zu einer Versammlung des „D. A. SB," (Deutschen Antisemiten - Bundes) für eine Versammlung zugegangen sind, in der Herr Pickenbach über die „Judenfrage und die Thätigkeit des D. A. B." sprechen will. Wir ersuchen die Abonnenten, denen dergleichen Einladungen als Einlagen der „Boff. Ztg." zugegangen sind, uns freundlichst den Spediteur anzuzeigen, bei dem sie die Zeitung bestellt haben." BreSlau, 12. Marz. In einer — nicht öffentlichen — Versammlung des „national-liberalen Wahlvereins" unter Vorsitz des Prof. Röpell wurde beschloffen, zu den bevorstehenden Landtagswahlen sich mit dem antisemitisch - conservativen Wahlverein zu verbinden. Also auch hier erweisen — zum tiefen Bedauern Vieler — die Nationalliberalen, daß sie sich der liberalen Ansichten und Grundsätze entschlagen haben und nur noch mit einem Namen sich decken, der inhaltlos geworden. Breslau, im März. (Privatmitth.) Sie haben zur Zeit kurz berichtet, daß der Berbandstag der deutschen Thierschutzvereiue, der im September v. I. in Dresden abgehalten worden, Schritte bei dem Reichstage und eine desfallsige Agitation gegen das rituelle Schächten beschloffen hat. Jetzt hat der hiesige „Schlesische Centralverein zum Schutz der Thiere" seinen 33sten Jahresbericht veröffentlicht und darin über jenen Berbandstag referirt. Borausbemerken wollen wir, daß seitdem die nachdrücklichsten Bedenken vieler christlicher Fleischermeister gegen den Gebrauch der „Schlachtmaske" (Bouterole) laut geworden, indem sie gewichtige praktische Uebelstände mit sich führt. Der Bericht besagt: „Es erstattete der Hosthierarzt A. Sondermann-München das Referat über einen Antrag der Vereine Altona, Breslau und Köln auf Erlaß eines Reichsgesetzes, durch welches angeordnet wird: 2. daß Schlachtthiere nicht anders, als nach vorhergegangener vollständiger Betäubung gelödtet werden dürfen; b. daß diese Betäubung bei größeren Thieren nur mittelst Anwendung der Schlachtmaske (Schlußmaske, Bouterole) geschehen darf. Ein vom Correferent Beterinärassessor vr. Ulrich-Breslau zu dem vorliegenden Gegenstände der Tagesordnung vorgetragener, an ihn eingegangener Protest eines schlesischen Rabbiners, vr. Cohn-Kattowitz, gegen das seit dem Wiener Congreß angestrebte Borgehen der Thierschutzvereine bezüglich des Schächtens erblickte darin eine Art Religionsverfolgung und deutete an, daß dieser jüdische Ritus gerade auf humanitäre Principien sich stütze, welcher Auffassung der sachverständige Redner auf Grund eigener Wahrnehmung entschieden entgegentrat. Im Uebrigen schloß sich der Correferent den gestellten Anträgen allenthalben an. Director Marquart-Dresden empfahl möglichste Schonung der religiösen Gefühle und zweifelte einem Vorredner gegenüber, daß nur eine geringe Minorität der Juden gegen eine an sich wohl wünschenswerthe Reform in der angedeuteten Richtung eingenommen sei. vr. Schäfer - Darmstadt wünschte namentlich Anstellung geprüfter Schächter, wodurch der Thierquälerei entschieden vorgebeugt werde. Hofrath Stroh-Stuttgart empfahl vielmehr, darauf sein Augenmerk zu richten, ob nicht die Vorbereitungen zum Schächten sich abändern ließen, ohne den von Millionen gehegten religiösen Bedenken schroff entgegen zu treten. Ein süddeutscher Delegirter hielt es materiell zwar mit den Vorschlägen einverstanden, doch für schwer, hier einen erheblichen Eingriff in bestehende religiöse Gebräuche und Vorschriften zu machen und befürwortete, sich an den Reichstag um ein bezügliches Gesetz zu wenden.! vr. Kürten warnte vor Annahme, daß es sich hierbei j etwa um einen Schritt gegen eine große Glaubensgenossenschaft handle, es sei vielmehr nur um Wahrung eines großen; Princips zu thun. Nach Schluß der Discusfion erfolgte mit Stimmeneinheit j die Annahme der Vorschläge der Referenten." Oesterreich-Ungarn. Wien, 12. März. Als in der vorgestrigen Sitzung des! Abgeordnetenhauses bei der Budgetberathung die Position i „Universitäten" zur Sprache kam, unterließ es der bekannte,! aller wiffenschaftlichen Bildung, also auch den Gymnasien und Universitäten feindliche Tyroler Abg. Pater Greuter unter anderen Gehässigkeiten nicht, sich gegen die Anstellung jüdischer! Dozenten auszulasien. Er rechnete aus, daß in Oesterreich auf 100 Einwohner j 4 Juden kommen. ('.!) Man sollte also glauben, daß dieses Berjljältmfj sich im ganzen öffentlichen Leben erhalten würde. Nein'. Unter 150 Professoren und Dozenten der juridischen j und medicinischen Fakultät in Wien giebt es 64 Juden. (!!)

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