Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1885)
- Date
- 1885-03-24
- Page
- Seite 207 (sequence 7)
- Language
- German
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verbreiten und zu fördern, einer weit verbreiteten Gleichgiltigkeit gegenüber Interesse für dieses Studium zu erwecken. Denn Schule und Universität stehen bisher diesem Zweige der humanen Wisienschaften fast theilnahmlos gegenüber, insofern nicht den Fachbestrebungen gedient werden soll. Von diesem enggefaßten Gesichtspunkte sehen wir die jüdische Geschichte und Literatur nicht an; vielmehr sind wir von dem Bestreben beseelt, dieser Kulturwiffenschaft zu allgemeinerer Anerkennung und Werthschätzung zu verhelfen. Wir sind darum weit entfernt, lediglich eine Bereinigung von Fach- und Berufsgenosien zu sein, ebenso wie wir nach keiner Richtung hin eine exclusive Stellung einnehmen." — Die in dem Vereine gehaltenen Vorträge aus dem Bereiche der jüd. Geschichte und Literatur sind außer vom Herrn vr. D. Casiel von Studirenden selbst gehalten, und zwar auch von Medizinern und Juristen, was gewiß sehr erfreulich ist. Der Verein veranstaltete auch sehr zahlreich von Gästen besuchte Feierlichkeiten zu Ehren Montefiore's und vr. Zunz. Wir wünschen lebhaft das Wachsthum des Vereins und mit diesem das seiner Wirksamkeit. — Die beiden hiesigen konservativen Wahlvereine, der Stöcker-Kreuzzeitungs-Verein und der Becher'sche stehen in vollem Hader einander gegenüber und dementiren und denunziren sich gegenseitig. Der eine nennt sich „Wahlverein der deutschen Conservativen", der andere „Berliner conservativer Wahlverein". Bei dieser Verbitterung wird eine Wiedervereinigung unwahrscheinlich und die Zahl der Anhänger Stöcker's abgemindert. — In der am 28. Februar c. stattgehabten Generalversammlung des Hilfsvereins für jüdische Studirende wurde beschlosien, dem Herrn enuä. med. Theodor Sommerfeld aus Dt.-Crone für seine Arbeit: „lieber die diagnostischen Schlüffe, welche die makroskopische und mikroskopische Untersuchung des Spektrum gestattet" den Preis zu ertheilen. Es waren fünf Concurrenzarbeiten eingelaufen, die von Herrn Bros. Senator und Prof. Joseph Meyer recensirt wurden. — Die hier veranstaltete Feier zum 25 jährigen Bestände der AU. isr. univ. hat vielen, nicht bloß antisemitischen Blättern — denn wer sieht eine Erstarkung des jüdischen Geistes und eine Unterstützung der Juden in nichtjüdischen Kreisen gern! — Blättern Gelegenheit zu mißliebigen Aeußerungen über die Alliance gegeben, der sie eine „ bedeutende internationale Macht" zuschreiben. Nicht überall blieb man ihnen die Antwort schuldig. So begegnen wir tüchtigen Erwiederungen z. B. in der „Köln. Ztg." von Rabbiner vr. Frank und im „Anzeiger für Landau" (amtliches Organ, vom 10. März. Berlin, 15. März. (Privatmitth.) Bei der Etatsberathung, das landwirtschaftliche Ministerum betreffend, spielte sich durch Prof. Wagner ein kleiner antisemitischer Zwischent fall ab. Wagner sprach über die Getreidezölle und warf seinem Gegner „wüstes Geschrei" vor, wofür er nachträglich vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wurde. Abg. Büchtemann sprach seine Verwunderung darüber aus, daß Wagner, „der selbst Führer des Antisemitismus ist, von wüstem Geschrei einer anderen Partei sprechen könne." Hierauf erwiderte Wagner: „Ich bin kein Führer des wüsten Antisemitismus, das ist eine Unwahrheit." Büchtemann antwortete: „Herr Wagner ist in Berlin wiederholt in Versammlungen für die antisemitische Bewegung warm eingetreten. Mag er sich zu den Führern rechnen oder nicht, jedenfalls ist er stark an dieser Bewegung betheiligt (Beifall links)." Hierauf replicirte Wagner noch einmal: „Die letzten Behauptungen des Abgeordneten Büchtemann find unrichtig (Lachen links). Ich bin allenfalls einer der Führer der christlich-socialen Bewegung, die freilich auch etwas Antisemitisches an sich, aber nicht im Antisemitismus ihren Hauptkernpunkt hat. Wäre ich übrigens ein Führer der antisemitischen Bewegung, so würde ich mich nicht scheuen, das zu sagen; denn 99 pCt. der dieser Bewegung zu Grunde liegenden Gesichtspunkte sind richtig; ein Procent vielleicht mag es nicht sein. (Unruhe links. Beifall rechts.) Abgeordneter Büchtemann: Ich constatire, daß Herr Wagner gesagt hat, meine Behauptung über seinen Antisemitismus sei unrichtig, während er selbst zugiebt, daß er mitten in einer Bewegung steht, die zwar christlich-social, aber auch antisemitisch sei. (Zustimmung links.)" — Immerhin ist es bemerkenswerth, daß Prof. Wagner, der dock von den Antisemiten auf den Schild erhoben worden und ihr Candidat war, auch recht herzhaft auf die Juden geschimpt hat, jetzt seinen Antisemitismus möglichst abzuschwächen sucht. Berlin, 15. März. Am 9. d. M. hielt der „Verein jüdischer Handwerker und Künstler" seine 39. Generalversammlung ab. Nach dem erstatteten Geschäftsbericht belief sich der Fonds der Krankenkaffe derselben auf 25100 Mk. Die Einnahmen und Ausgaben balancirten 5993,85 Mk. An Unterstützungen wurden 3657 Mk. gezahlt. Die Hilfsanstalt für Wittwen und Waisen zählt jetzt 333 Mitglieder und besitzt ein Kapital von 52416» Mk. Der Jubelfonds der Gesellschaft verfügt über ein Kapital von 10250 Mk. und über 7000 Mt.; in Specialstiftungen. (Man sieht hieraus, wie grog die Anzahl der jüdischen Handwerker in Berlin ist.) — Ein sensationeller Prozeß wird hier binnen Kurzem vor sich gehen. Die Anklagesache wider die „Freie Zeitung" wegen Beleidigung des Hofpcedigers Stöcker ist so weit gediehen, daß demnächst Termin zur Hauptverhandlung angesetzt werden wird. Es handelt sich um zwei Artikel unter der Ueberschrift „Hofprediger, Reichstagscandidat und Lügner"; und „ Denkwürdigkeiten des Herrn Grüneberg". Der Ver-