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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-24 · Heft 13 (24.3.1885) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 13 (24.3.1885)
Date
1885-03-24
Page
Seite 209 (sequence 9)
Language
German
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209 Wo sei da die ausgleichende Gerechtigkeit zu finden? Wenn! das so fortgeht, wird die Wiener Universität bald nicht mehr! eine Stätte abendländischer Cultur sein, sondern eine zweite — orientalische Akademie. (Schallendes Gelächter.) Die; Staatsgrundgesetze sprechen wohl die Gleichberechtigung der Staatsbürger aus, was hier vorgehe, sei aber Bevorzugung des semitischen Elementes. Doch seien die Universitäten zu-; meist aus katholischen Fonds errichtet worden. Durch ein I derartiges Vordrängen und Bevorzugen der Juden werde die antisemitische Bewegung nur genährt, und es werde sich rächen, daß man das Christenthum, die Herzwurzel aller | Civilisation, sv mißhandle und mißachte." — Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß die angegebenen Zahlen falsch und weit über das wirkliche Maß hinaus übertrieben sind, was wohl auch bald richtig gestellt werden wird. In der gestrigen Sitzung sprach nun der Unterricktsminister zur Widerlegung der Angaben und Behauptungen Greuter's. „Wenn der Herr Abgeordnete sich weiters mit den Ernennungen für die Lehrkanzeln an der Wiener Universität beschäftigt und dabei besonderes Gewicht auf die Confession der Ernannten gelegt hat, so sind die meisten unter uns gewiß empfänglich für den Humor, mit dem der Herr Abgeordnete uns vorausgesagt hat, daß die Wiener Universität, wenn man auf diesem Wege fortfahre, in eine orientalische Akademie verwandelt werde, allerdings auf dem sonderbaren Wege j der Ernennung einzelner Lehrkräfte von nicht christlicher Con-! fesfion. Allein die wohlmeinende freundliche Warnung, welche der Herr Abgeordnete an diese Darstellung geknüpft hat, kann ich leider nicht benützen, und zwar aus dem einfachenj Grunde, weil ich die ziffermäßigen Daten, die der Herr Ab- > geordnete bezüglich der Confession der Lehrkräfte angeführt; hat, gar nicht zu controliren im Stande bin, denn ich führe kein Verzeichniß über die Lehrkräfte der Anstalt nach: Confessionen getheilt, und ich bin auch heute noch nicht in Kenntniß von der Confession der einzelnen Lehrkräfte, weil! bei der Ernennung auf Lehrtüchtigkeit und wissenschaftliche Verdienstlichkeit gesehen wird, aber nicht auf die Confession, und ich würde sogar die Erwägung darüber ausgeschlossen finden durch den ganz klaren Wortlaut der Staatsgrundgesetze. Wie gesagt, ich kann jene Warnung des Herrn Redners in dieser Richtung nicht benützen, und ich kann nur zur Beruhigung des Herrn Abgeordneten die Versicherung geben, daß bei gleichen Verhältnissen eine Entscheidung zu Gunsten eines der christlichen Religion nicht angchörigen Candidatcn zu fällen, eine Uebung ist, die nie bei Unterrichtsverwaltung stattgefunden hat und das aus dem Grunde, weil um die Confession nicht gefragt wird, außer wenn es sich um einen Leiter einer Volksschule oder um den Lehrer des Religionsunterrichts handelt." — Die Erklärung war gewiß sachgemäß und den Grundsätzen des Schulgesetzes entsprechend, bekam aber dem Untcrrichtsminister Conrad schlecht. Der „Club der Rechten" sandte eine Deputation an den Ministerpräsidenten Taaffe mit der Erklärung, daß, wenn der Unterrichtsminister nicht widerrufe, die Rechte das Unterrichtsbudget nicht votiren werde. Wirklich leistete Herr Conrad den Widerruf in der heutigen Sitzung. Der Minister sagte: Er wolle nicht mißverstanden werden, man dürfe ihn nicht des religiösen Jndifferentismus zeihen, denn er habe den Grundsatz als alter österreichischer Beamter, daß „alle staatlichen Institutionen religiös durchgeistigt sein müssen", und dieser Grundsatz trete auch scharf und deutlich aus allen Vorlagen hervor, welche er seit seiner Amtswirksamkeit im Hause eingebracht habe. Wenn Juden zu Professoren der Medicin oder der Naturwissenschaften ernannt wurden, so waren sie die tüchtigsten in ihrem Fache; I dort aber, wo es sich um Direktoren oder Religionslehrer j handelte, seien nur Christen ernannt worden. Auf die antisemitischen Bemerkungen Greuter's übergehend, meint der Minister, daß der größte Theil der Lehrkräfte jüdischer Abstammung nur Docenten wären, auf deren Zulassung die! Unterrichtsverwaltung keinen Einfluß habe, das seien übrigens i zufällige Erscheinungen, aus die man keinen Werth legen dürfe. Die Hauptsache sei, daß die Unterrichtsverwaltung und die ganze Beamtenschaft überhaupt von wahrhaft christlichen Grundsätzen und Ueberzeugungen beseelt sei und danach handle. Durch diese schwächliche, nach keiner Seite befriedigende Erklärung hat der Minister augenblicklich die Lage beruhigt, seine Stelle jedoch nicht gebessert, denn von allen Seiten des Hauses wurde er verhöhnt. — Uns aber giebt dieser Vorgang manches Licht. Wien, 12. März. Dem „Pest. Ll." telegraphirt man: Der Antisemitismus in Oesterreich dürfte seine Periode der uneingeschränkten Hetzagitation hinter sich haben, da den Polizeikommiffariaten der Hauptstadt von der Vorgesetzten Behörde die strikte Weisung zuging, jede Versammlung, in wel- | cher die Antisemiten ihre Verhetzungen gegen Mitbürger versuchen, sofort zu sistiren und die zur Propaganda bestimmten antisemitischen Druckschriften zu confisciren. j Pest, 13. März. Wie wir im „Oroshäzi Közlöny" lesen, ist der Jnspector der dortigen evangelischen Kirche, Dr. Alexius Lrißlo, von seiner Stelle zurückgetreten und motivirt er diesen Entschluß hauptsächlich damit, daß im Gemeindeleben und auch auf kirchlichem Gebiete eine Richtung sich geltend macht (der Antisemitismus), die mit seinen Prinzipien und seinen Ansichten hinsichtlich der Kirche, sowohl aus allgemein menschlichem, wie aus dem Gesichtspunkte des Protestantismus in Widerspruch steht. In einem längeren, an die Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde gerichteten Schreiben, woj rin er seinen Rücktritt begründet, heißt es: J3

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