Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1885)
- Date
- 1885-03-24
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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203 ersten Male auch die Deutschen Antheil. Es giebt da große schüft nicht zu erwehren: so fragt es sich doch, ob dies für Küstenstriche, die bis jetzt von Niemandem in Anspruch ge. immer so bleiben werde? Das Uebergewicht der Europäer nommen worden, wahrscheinlich doch weil sie allzuwenig begehrenswerth erschienen. Nachdem aber die für ihre Ueberproduktion überall hin nach Absatzplätzen suchende Industrie auch dahin gedrungen, folgt, um jene zu schützen, die staatliche. Besitzergreifung. Mit den Eingeborenen wird man schnell! fertig. Für einige Füßchen Branntwein, einige Waffen und ein kleines Trinkgeld treten die Häuptlinge ungeheure Landstriche ab, namentlich solche, deren Bewohnbarkeit und Ertragsfähigkeit recht zweifelhaft ist. Zugleich aber sucht man auch ins Innere einzudringen, und die Pforte hierzu soll das! große Congo-Gebiet eröffnen. Die europäischen Mächte waren! einsichtsvoll genug, sich hier wie auf einem neutralen Boden: zu begegnen, und unter der Hut einer internationalen Gesellschaft Freiheit des Handels und der Niederlaffung zu! proklamiren. Wie dem aber auch sei: ein Land, wie einst Cortez und Pizarro fanden, wo die Europäer mächtige Ansiedelungen machen und die Eingeborenen verdrängen konnten, ist dieses Mittelafrika nicht, für Europäer so gut wie unbewohnbar, also nur zu Handelsfaktoreien paffend, so daß man auf die Eingeborenen angewiesen ist. Die Zukunft wird lehren, ob diese Landschaften der Mühen und Kosten werth sind. Weshalb find sie denn auch bis jetzt von Europäern unberücksichtigt geblieben? warum sind die Engländer und Holländer von Süden aus nicht weiter nach Norden vorgedrungen? ... Wir sprachen von dem Kampfe des Occidents gegen! den Orient und von der Herrschaft jenes über diesen. Aber! dieser große Vorgang hat noch eine ganz andere Bedeutung. j Er ist zugleich der Kampf des Christenthums gegen den Js- > lam. Die Verhältnisse liegen hier ganz anders, wie in der! sogenannten neuen Welt, in welcher die europäischen An-! siedler und mit ihnen das Christenthum in den vollen Besitz; der beiden Welttheile gelangten. Ties ist in Asien und, Afrika nicht der Fall. Außer der Cap-Colonie giebt es in! den genannten Welttheilen kein Stück Landes, aus welchem! die eigentlichen Bewohner geschwunden und das Christenthum - zur völligen Herrschaft gelangt wäre. Mit Ausnahme der' abysfinischen Christen herrscht in diesen ungeheuren Gebieten > theils der Islam, theils der Buddhismus in seinen sehr ver-! schiedenen Schattirungen, theils der Fetischismus. Alle diese > höchst zahlreichen Völker find fanatisch für ihre Religionsbe-| kenntnisse eingenommen und zeigen äußerst geringe Neigung, sich dem Christenthume zuzuwenden. Wenn also die Verbreitung des Christenthums bei den Asiaten und Afrikanern, wie z. B. Indien und Algerien so recht erweisen, in eine unabsehbare Zukunft gerückt ist, so handelt es sich also nur um die weltliche Herrschaft. Liegt nun hicrUin^unsercr Zeit der Islam durchaus darnieder und weiß sich der christlichen Herrbesteht wesentlich in der Güte ihrer Waffen und in ihrer Kriegskunst. Bei der Handelsweise der Europäer werden aber die Völkerschaften Asiens und Afrikas nicht lange mehr ohne die europäischen Waffen verbleiben und zum Theil sind die europäischen Herrscher genöthigt, wie in Indien und Algerien, jene Völker auch in militärischer Hinsicht auszubilden. Es käme dann darauf an, inwiefern der Geist der Unabhängigkeit und des Fanatismus in diesen Völkern geweckt werde, um den Europäern furchtbare Feinde entgegenzustellen. An Menschenmaterial fehlt es nicht, wenn man z. B. an die 350 Millionen Chinesen denkt. Der Aufstand der Sapoys in Indien war für die Engländer eine schwerwiegende Warnung. Die Fortschritte, welche jüngst der Mahdi gemacht, bieten ihnen ein abermaliges Beispiel. Soweit die Nachrichten gehen, gewinnt der Islam in Indien, China und Jnnerafrika reißend an Boden. Somit ist es gewiß, daß dieser! Kampf der christlichen Herrschaft über die Länder des Islam! und der übrigen asiatischen und afrikanischen Religionen noch lange nicht zu Ende ist und noch vielen Schwankungen ans- > gesetzt sein kann. > Ueber alle diese Fragen erhebt sich aber die: loie steht , es um den Kampf der Kultur und Humanität gegen die j Barbarei und die Halbbarbarei? In der Beantwortung dieser Frage Pflegt man viel zu ungeduldig, zu vorschnell zu sein. Man bedenke, welch' großen Zeitraum die Kullur brauchte, um in Europa selbst Wurzel zu faffen. Blicken wir z. B. auf das sechste Jahrhundert nach der Entstehung des Christenthums, so gewahren wir nach den Schilderungen, welche z. B. der zeitgenössische Bischof Gregoire von Tours von dieser Zeit entwirft, im ganzen Occident eine solche Rohheit, Grausamkeit, Tyrannei, einen solchen Mangel an sittlicher und gesetzlicher Ordnung, daß selbst Byzanz mit all' seiner Verderbtheit eine Oase in der Wüste scheint. Und sehen wir nun auf das sechszehnte und sogar siebzehnte Jahrhundert mit den Greueln ihrer Religionskriege, ihrer Inquisition, greulicher Gerichtsbarkeit und Unwissenheit des Volkes: so müssen wir uns über den langsamen Weg, den die Kultur zurückzulegen hatte, klar werden. Ein Glück ist es zu nennen, daß Amerika und Australien einen so großen und leicht zugänglichen Spielraum für die Kulturvölker geboten, und so zur Verbreitung und Festigung der Civilisation bedeutend beizetragen haben. Ein wesentlicher Einfluß durch Waffengewalt ist in den übrigen Welttheilen nicht zu erwarten, da die besiegten Völker sich gegen das europäische Wesen eher abschließen als zuwenden. Viel mehr ist von dauerndem friedglichen Contakt zu erhoffen, wie es sich z. B. in Indien er-; weist. Nicht minder jedoch wirkt der Handel, der Austausch i der Produkte, der bei allen Völkern neue Äülturbednrfnisse i\>*