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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-24 · Heft 13 (24.3.1885) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 13 (24.3.1885)
Date
1885-03-24
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 lung will, wer nicht Erstarrung und Verknöcherung und endlich den Tod dem Leben und der Krastentfaltung vorzieht, der muß einsehen, daß auch im Innern der Nationen und der Staaten die Parteien nothwendig find und das Parteiringen eine Kraftäußerung und zugleich eine Bedingung des Lebens ist. Freilich, in der Hitze der Kämpfe wird dies übersehen; man hält jeden Gegner für einen Erbfeind des Ganzen, während er doch dazu da ist, die Einseitigkeiten des Anderen zu mindern und zurückzuhalten, woraus die Wohlfahrt der Gesammtheit entspringt. Wir meinen daher, daß das Vorhandensein von heftig einander befehdenden Parteien noch lange kein Beweis ist, daß es diesem Staate oder dieser Nation an innerem Frieden gebricht. Erst wo eine große Partei thatsächlich zu Ruhestörungen schreitet und den gewaltthätigen Umsturz des Bestehenden faktisch plant und unternimmt, ist der innere Friede gefährdet. Als in Preußen der sogenannte Culturkampf aufs Heftigste entbrannt war, ist auch nicht die geringste Ruhestörung vorgefallen. Als der Antisemitismus Miene machte, zu Plünderungen und Mißhandlungen zu schreiten, wurde er alsbald niedergeschlagen. So lange eine Partei sich darauf beschränkt, durch die Wahlurne, Parlamentsreden und die Presse für sich zu wirken, so lange kann sie nicht als Friedensstörer angesehen werden. Was man auch von der Socialdemokratie halte, so kann man ihr in Deutschland wenigstens einen größeren gesetzwidrigen Akt nicht Nachweisen und die Art, wie sie sich jüngst in das parlamentarische Leben hineinzufinden sucht, könnte immerhin als ein Zeichen besseren Geistes zu betrachten sein. So bleibt also nur jene scheußliche Anarchistenbande übrig, welche jetzt in allen Staaten ihre Verbrechen durch Dynamit, Revolver und Dolch häuft. Aber gerade in dieser äußersten Verkommenheit und Entartung, in ihrem Fanatismus oder Wahnsinn liegt die Bürgschaft, daß diese Bande immer nur nach Einzelnen zählen wird. Sie gehört zu den Auswüchsen der Gesellschaft, die zu keiner Zeit fehlten, und von Zeit zu Zeit unter besonderen Umständen anschwellen und gegen welche der Staat alle ihm zu Gebote stehenden Mittel, wie zu aller Zeit gegen Mord, Raub, Diebstahl u. s. f. verwenden muß, ohne daß er im Stande wäre, sie gänzlich aus der Welt zu schaffen. Die Erfahrung lehrt, daß mit der wachsenden Gefährlichkeit einer Sache auch die Mittel gefunden werden, sie zu bekämpfen, einzudämmen und auf den möglich geringsten Grad der Schädlichkeit einzuschränken. — Wir vermögen daher nicht anzuerkennen, daß der Friede der europäischen Völker durch diese inneren Parteizwiste gestört sei, sobald man nur nicht so sehr in Parteianfichten und Parteiintereffen eingebannt ist, daß jede Aeußerung des Gegentheils als eine öffentliche Gefahr angesehen wird. Sobald wir aber unsere Blicke über die Grenzen Europas hinausrichten, liegen die Verhältnisse ganz anders. Es werden Kriege geführt, aber eigenthümlich genug: sie sind nur von europäischer Seite angefangen. Bei genauerer Erwägung ist es noch immer der uralte Kampf zwischen Orient und Occident. Wie er sich vorbildlich im Argonautenzuge und dem trojanischen Kriege darstellt, wie er geschichtlich geworden seit den Perserkriegen und dem Eroberungszuge Alexanders von Macedonien, wie ihn nachher die Römer und dann der Islam mit all' den Völkerschaften und Horden übernahmen, die er gegen den Occident führte, und wie nun seit Jahrhunderten der Occident die orientalischen Elemente aus Europa hinwegzufegen und Asien und Afrika sich zu unterwerfen sucht, ist dieser Kampf eine alte Erbschaft, um deren Ergebniß noch lange gestritten werden wird. In diesem Kampfe werden völkerrechtliche Rücksichten nicht genommen. Von hüben wie drüben wird die Hand auf Alles gelegt, was sie zu erreichen und fefizuhalten vermag. So auch in der jüngsten Zeit. Nachdem am Schluffe des letzten Krieges die Türkei in Europa wie Asien um beträchtliche Landstriche verkürzt worden ist, ging Frankreich mit dem Beispiele voran und eignete sich ohne Rücksicht auf die Souveränetät des Sultans Tunesien an, England bemächtigte sich Aegyptens und Italien nimmt die Hafenstädte an der Westküste des Rothen Meeres in Besitz, wie die Engländer bereits an der Ostküste desselben ansässig sind. Dasselbe Spiel wurde nun auch gegen China eröffnet: man besetzt das demselben unterworfene Tonkin und macht Siam, Anam, Cochinchina, Cambodja zu Vasallenstaaten, um sie, nach der Methode der Engländer in Vorderindien, bei dem ersten Widerstreben zu Unterthanen zu machen. Ob es den Franzosen gelingt, auch einige Theile des eigentlichen chinesischen Reiches zu besetzen, und ob ihrem Beispiele die Engländer und Amerikaner zu folgen sich genöthigt sehen werden, ist eine Frage der Zeit. Ebenso rückt Rußland immer tiefer in Centralafien hinein und schon steht es an der Grenze von Afghanistan, als dem Punkte, wo Rußland und England in eine blutige Fehde gerathen würden, wenn sie sich nicht verständigten und vertrügen. So werden die Grenzen der europäischen Mächte aus Europa in die übrigen Welttheile verlegt. Außer Japan, China, Tibet. Persien und dem Rest der asiatischen Türkei steht also bereits Asien unter der Herrschaft der Russen, Engländer und Fronzosen. Außer Marokko und Tripolis untersteht ganz Nordafrika den europäischen Mächten. Daß auch diese Reste, Marokko, Tripolis, die Türkei und Persien keinen Angriff einer der europäischen Mächte widerstehen könnten und bei einer Verständigung jener alsbald zur Bertheilung und Besitznahme kämen, ist einleuchtend. Es bleibt also nur Jnnerafrika übrig, da Südafrika längst im Besitz der Engländer und Holländer ist. Nach diesem Jnnerafrika strecken sich nun jetzt die Hände aus, die Westwie die Ostküste werden in Besitz oder, wie man sagt, unter Schutz genommen. Hieran nehmen zum

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