Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1885)
- Date
- 1885-03-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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"Allgemeine Zeitung -es Zudenlhunls. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Di*. Ludwig Philippso« in Gönn. GXpeöition: Leipzig, Hioßpkcrh 18. In redacrionellen Angelegenbeilen wende man sich an Dr. L. Pbilippsvn in Bonn direct, in allen übrigen an die BerlagShandlni'g. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an le&tere einzusenden. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Sir. 111) und Oesterreich bei allen Postämtern, anherde» durch den Buch. Handel. 49. Kahrgrug. Leipzig, den 24. März 1885. Ko. 13. Inhalt. Leitende Artikel: Einige Betrachtungen über die Weltlage. — Rückblick auf die Kämpfe des letzten halben Jahrhunderts. IX. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Grotzbrrttaaien: London. — Rußland: Petersburg, Warschau. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Geschichte des Städtchens Sczybow. — Vermischtes. Bonn, 18. März. Einige Detrachtuugea über die Weltlage. So berechtigt der nationale Geist und Gesichtspunkt und so nothwendig er für die Entwickelung der Kraft einer Nation und die Lösung ihrer Aufgabe ist: so kann doch der Zusammenhang, der äußere wie der innere, der zwischen sämmtlichen Gliedern der Menschenfamilie besteht, von Niemandem, auch von dem verbiffensten Nationalfanatiker nicht geleugnet werden. Sowie die Völker und Staaten in Freundschaft verbunden sein oder in Feindschaft aufeinanderstoßen können; wie keine, selbst auch nur halbcivilisirte Nation, des Austausches der Erzeugnisse mit anderen Nationen zu ent. behren vermag: so umfaßt auch ein geistiges Band, das Band der Cultur, der Bildung und Gesittung, des wisienschaftlichen, sittlichen und religiösen Lebens alle Völker, alle Bewohner dieser Erde, und durch die Weltgeschichte geht sichtbar die Tendenz, in diese Verbindung immer mehr Völkerschaften hereinzuziehen, bis dereinst kein Glied der großen Kette fehlen werde. Es ist daher nützlich, von Zeit zu Zeit von diesem objektiven Standpunkte aus den Inhalt unserer Gegenwart zu bettachten, und dies haben wir in diesem, der Politik fremden Blatte immer wieder versucht. Es ist Friede in ganz Europa. Wir fühlen uns glücklich, diesen Satz voraussetzen zu dürfen. Zwischen sämmtlichen Staaten Europas ist seit dem Berliner Congreß der Friede bewahrt geblieben, und es stehen am Horizonte Europas, wie man zu sagen pflegt, keine dunklen Wolken, aus deren Schooße sich ein Kriegsunwetter entladen könnte. Alles deutet darauf hin, daß dieser Friede dauerhaft sein werde, und kein geringer Beweis hierfür liegt darin, daß fast alle europäischen Staaten sich in außereuropäische Unternehmungen eingelaffen haben, die ihre Kräfte mehr oder weniger in Anspruch nehmen. Man wird uns entgegnen: Was hilft das? Im Innern der Staaten gährt es um so mehr; die Parteien stehen in schroffen Gegensätzen sich gegenüber und bekämpfen einander aufs Heftigste. Ist der Friede nach Außen da, so fehlt doch der Friede im Innern. Dies scheint uns durchaus übertrieben. An Parteien und Patteikämpfen hat es in einem Staate, der in lebhafter Entwickelung begriffen ist, niemals gefehlt, außer etwa in Tagen großer Gefahren von Außen. Unsere Zeit ist eine UebergangSperiode. welche eine Menge von theils neuentstandenen, theils aus der Vergangenheit überkommenen Fragen und Verhältnisse, und zwar nicht blos theoretisch, sondern auf dem Boden der Wirklichkeit zu lösen, resp. umzugestalten hat. Hier sind Parteiungen gar nicht zu vermeiden; sie ergeben sich von selbst ebenso ans geistigen, wie aus materiellen Jntereffen; der eine soll aufgeben, was er besitzt und vertheidigt cs; der andere ist angewiesen, einen neuen Standpunkt einzunehmen und muß ihn gewinnen. Die Meinungen gehen auseinander. Der Eine hält für gefährlich, was der Andere nicht nur für nützlich, sondern für unumgänglich nothwendig erachtet. Man thut Schritte vorwärts, und sieht sich genöthigt, zurückzukehren. Man kehrt zurück, und sieht sich bald wieder genöthigt, wenn auch in veränderter Weise, voranzugehen. Wer daher die Entwickelt