Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1885)
- Date
- 1885-03-17
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227568--42483-3311042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Wrocław 1× ep/1002369
OCR text
191 furt a. M. ein Telegramm ein, welches die Nachricht brachte, j daß Professor Weigert zum Prosector sämmtlicher dortiger^ Krankenhäuser erwählt sei. W. erhält in Frankfurt a. M.! die Stelle am Senckenberg'schen Institut, welche Lucae bis | zu seinem Tode inne hatte. Furth, 26. Februar. (Privatmitth.) Das Judenthum! hat schon unzählige Mal bewiesen, daß die von ihm ausgegangene Lehre allgemeiner Menschenliebe zu allen Zeiten und allerwärts von ihm bethätigt worden ist. In Humanitären Bestrebungen nehmen die Juden den ersten Rang in der menschlichen Gesellschaft ein. Die Rothschild'schen Stiftungen in Frankfurt, Paris, Wien rc.; die Königswarter'schen Stiftungen in Wien, Frankfurt, Paris, Fürth, die Stiftungen von Leja in Altona, von Goldschmidt in Mains, von Ree in Hamburg von circa 4 Millionen Mark, von Heymann in Kopenhagen, Joffe in Posen, Baron Günzburg in Petersburg, Reichenheim in Berlin, Heine in Hamburg, Baron Hirsch in Paris, Plaut in Nordhausen, Kraft inBerlin, Oppenheim in Köln, Frankel in Breslau, Brodsky in Odessa, Sir Jsaac Lyon Goldsmid und Baron Worms in London, Marburg in Altona und viele hundert andre, welche von Juden begründet, theils confessionellen, theils interconfesfionellen Zwecken dienen, — die bestehenden jüdischen Krankenhäuser, Alterversorgungsanstalten, Taubstummeninstitute, Waisenanstalten u. s. w. liefern einen glänzenden Beweis von jüdischer Wohlthätigkeit. Nicht nur, wo es gilt, gemeinnützige Institute zu schaffen, fördern die Juden eine musterhafte Willens- und Thatkraft zu Tage, wie die Gründung der Hochschule für! die Wissenschaft des Judenthums in Berlin, des Deutsch- Israel. Gemeindebundes, der Alliance israelite universelle, der Wiener und Londoner Allianz u. s. w. beweist, — die Universität in London verdankt ihre Existenz theilweise der Freigebigkeit Goldsmid's; auch wo es gilt. Privatwohlthaten zu üben, bekunden sie eine Opferfteudigkeit und Schaffungskraft, die ihresgleichen sucht. Die Liste, in welche in den Jahren 1866 und 1870 die Spenden zu dem Nationalfonds cingezeichuet wurden, welcher dem Könige von Preußen zur! Verfügung gestellt wurde, war mit jüdischen Namen gefüllt, j ebenso die Liste für die unglücklichen Ueberschwemmten in verschiedenen Gegenden. Für die durch Erdbeben Verunglückten in Spanien geben Juden reichliche Spenden, die Erinnerung an das schreckliche Loos der früheren Juden in Spanien vermag das wohlthätige Herz nicht im Geringsten umzustimmen. Mit vollem Recht preisen schon unsre alten Weisen die echt menschliche Dcnkungs- und Handlungsweise als eine der hauptsächlichsten Nationaltugenden der Israeliten und unparteiische Nichtjuden, Renan und tausend Andre, bezeugen gern die volle Wahrheit derselben. Diesen allgemein gewürdigten Humanitätssinu vorausgesetzt, wird es ein leichtes sein, durch zeit- und sachgemäße Anregungen in der jüdischen Presse die Herzen der Glaubens, genossen für eine Anstalt zu gewinnen, die seit ihrem Bestände vater- oder mutterlosen Kindern als Elternhaus dient, nämlich für die israelitische Waisenanstalt in Fürth, eine Anstalt, welche von wahrer Menschlichkeit und Brüderlichkeit Zeugniß ablegt. Sie erweist, wie aus kleinem Anfänge durch eifrige Fürsorge segensreiche Veranstaltungen zur Blüthe kommen. Als ein Beispiel, was Menschenfteundlichkeit, gepaart mit Thatkraft, zu vollbringen vermag, selbst in kleineren Orten und beim Mangel an Mitteln, (wir sprechen hier vom Jahre 1863) verdient die Geschichte obiger Anstalt in weiteren Kreisen gekannt zu sein. Der Zweck der Waisenanstalt ist: 1) Die Versorgung hiesiger und auswärtiger, jedoch inländischer, in gesetzlicher Ehe erzeugter, einfach oder doppelt verwaister Knaben israel. Confession, während der Jugendjahre; es wird denselben sowohl in physischer als moralischer Hinsicht die gehörige Pflege und Erziehung ertheilt, damit sie zu nützlichen, würdigen Gliedern der menschlichen Gesellschaft herangebildet werden. 2) Beten für das Seelenheil der Mitglieder während der Krankheit und im Sterbejahre, sowie auch an ihrem I Sterbetage durch Beten des Kaddisch und Lernen eines! Mischna-Abfchnitls. Die Gründung des Instituts erfolgte im Jahre 1763 durch Israel Lichtenstädter mit einem Kapitale von fl. 500. Dem guten Beispiele folgten auch andere Gemeindeglieder und so konnte die Stiftung mit fl. 4100 in's Leben treten. Bon 1763 bis 1868 befand sich die Anstalt in der sog. Markgrafengasse in einem und demselben Hause. Die Administration erkannte, daß das seit der Gründung benützte Local bezüglich der Lage und Räumlichkeit viele Mängel aufzuweisen hatte und daß der Mangel an reiner, freier Luft in Verbindung mit einem Hofe und Garten insbesondere fühlbar wurde. Warum sollte auch unsere moderne Zeit, welche mit so bedeutenden Mitteln des Verkehrs, der socialen und merkantilen Verhältnisse ausgestattet ist, mit Wohlstand so großer Art, gegen die nun über ein Jahrhundert frühere Zeit der Gründung Zurückbleiben? Kinder, welche im zarte-! sten Alter so herbe Schicksalsschläge, wie den Tod eines der! Eltern oder beider, zu erleiden haben, werden in ihrer körperlichen oder geistigen Entwickelung ohnedies gehemmt, sie I bedürfen der körperlichen und geistigen Kräftigung desto dringender. Tie Verwaltung erwarb am 4. September 1866 einen Bauplatz für fl. 6500 und führte ein neues Gebäude auf, welches fl. 30 000 erforderte und am 11. September 1868 cingeweiht wurde, worauf wir noch zurückkommen werden. i Dem Zwecke der Anstalt gemäß haben sich die bisher , aus ihr Geschiedenen, je nach Fähigkeiten und Neigung, de»! 12*