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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-17 · Heft 12 (17.3.1885) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 12 (17.3.1885)
Date
1885-03-17
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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187 feit) Möge, insolange die jüdische Religion feine Staatsreligion sein wird (Lang anhaltende, stürmische Heiterfeit), ich will sagen, feine vom Staate rezipirte Religion sein wird, unter gar feiner Bedingung ein Rabbiner ins Oberhaus f ommen. (Heiterkeit; Eljenruse der Antisemiten.) Zu Beginn der zweiten Sitzung fündigte der Calviner Albert Kiß im Namen mehrerer seiner Gefinnungsgenossen deren Votum gegen das gar nicht existirende jüdische Oberhaupt an. Nun erhob sich Franz Chorin, um in einer wirfungsvollen Rede für den Punft d des § 5 zu plaidiren. Der Unterschied zwischen Juden und Christen, sagte er, ist durch das Emancipationsgesetz aufgehoben und die Legislative hat seit 1867 auch nie einen Unterschied in dieser Beziehung gefannt. Wenn die jüdische Religion vor 17 Jahren nicht recipirt wurde, so liegt der Grund eben darin, daß die Legislative damals zu dem Prinzipe der Religionsfreiheit und Religionsgleichheit übergehen wollte. Wenn sie noch nicht organisirt ist, so liegt die Schuld an dem Parlamente. Die Vorlage geht sonach korrekt und liberal vor, wenn fie 600000 Staatsbürgern, die im Lande leben und getreue Bürger des Landes find, deren Kirche niemals im Gegensatz zur ungarischen Staatsidee stand, das Recht einräumt, durch ein Mitglied, welches die Regierung auswählt, im Oberhause vertreten zu sein. Daß das den geehrten Herren Antisemiten nicht behagt, das begreife ich. Die ganze politische Thätigfeit dieser Herren Abgeordneten ist darauf basirt, gegen die jüdische Religionsgenoffenschaft und deren Gläubige zu hetzen. (Wahr! So ist's! rechts. Rufe links: Wir hetzen nicht!) Sie hetzen gegen die Anhänger der jüdischen Religion fortwährend, hier im Hause und außerhalb derselben (Rufe rechts: So ist's! Links: Es ist gar nicht nöthig zu Hetzen!), ohne fich darum zu kümmern, daß sie dadurch den inneren Frieden des Landes schädigen und die liberalen Institutionen des Landes kompromittiren, welche nur so lange bestehen können, als man aus denselben nicht Waffen schmiedet gegen den inneren Frieden und die Ruhe des Landes. (Sehr wahr! rechts. Widerspruch links.) Bei Gelegenheit der Generaldebatte suchten sie im Lande dadurch Stimmung zu machen, daß sie jenen Rabbi an die Wand malten, der in die Reihen der glanzvollen Mitglieder des Oberhauses gelangen soll. Nun denn, geehrtes Haus, im Sinne der Vorlage wird die verantwortliche Regierung dieses eine Mitglied erwählen und Sr. Majestät zur Genehmigung und Bestätigung Vorschlägen. Sonach bin ich überzeugt, und ich glaube, es kann Jedermann davon überzeugt sein, daß dieses eine Mitglied welches in's Oberhaus hineinkommt, sowohl was seine wissenschaftliche Bildung, als was seinen Charakter anbelangt, vollkommen in das neu zu organifirende Oberhaus hinein laugen wird. Uebrigens, daß es unter den jüdischen Rabbinen auch unwissende Leute giebt, das hat niemals Jemand geleugnet; in dieser Hinsicht macht auch die jüdische Religion feine Ausnahme, ebensowenig als andere Consessionen. Es giebt auch unter den jüdischen Rabbinen Leute, welche hinter dem Zeitgeiste zurückgeblieben sind; aber, daß es unter den jüdischen Rabbinen wissenschaftlich gebildete, gerechtigkeitsliebende Männer giebt, welche das Wort Gottes ebenso verkündigen, wie die Geistlichen anderer Consessionen und die in den Reihen dieser Letzteren mit Fug und Recht Platz nehmen können, das wird, glaube ich. Niemand leugnen. (Wahr! So ist's!) Zum Schlüsse hebt Redner noch hervor, daß die Asfimiliruug seit siebzehn Jahren mit einer erstaunlichen Raschheit geschehen, daß die Bürger israelitischer Consession durch Thatsachen bewiesen haben, daß sie reis waren, für das, jedem Menschen zustehende Recht der rechtlichen Gleichstellung. Daß sich die Juden aus dem Gebiete des Handels und der Industrie Verdienste erworben haben, das wird Niemand leugnen, der die Entwicklung des Handels und der Industrie im Lande mit Aufmerksamkeit verfolgt. Da haben wir aber weiter das Gebiet der Literatur; sehen Sie fich die Preisarbeiten der Akademie, die wissenschaftlichen periodischen Schriften, die Fachblätter an, und wer unbefangen über den Fortschritt auf dem Gebiete der Literatur und der Wissenschaft urtheilt, wird anerkennen, daß die ungarische Judenschaft daran beträchtlichen Antheil hat. Uebrigens, geehrtes Haus, glaube ich, daß es vollkommen überflüssig ist, die Majorität des Hauses in dieser Frage zu kapazitiren. (So ist's! rechts.) Die Minorität zu kapazittren ist unmöglich. Ich bin davon überzeugt, daß die ungarische Legislattve — wenigstens von diesem Hause bin ich davon überzeugt — mit riesiger Majorität diesen Parapraphen annehmen wird, welcher dem Prinzip der Billigkeit, der Rechtsgleichheit und Gerechtigkeit entspricht, indem er einem Vertreter von 600000 Individuen dort einen Platz giebt, wo alle im Lande existirenden Consessionen vertreten sein werden. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Rach der von dem ganzen Hause sympathisch aufgenommenen Rede Chorin'S — daß er von den Antisemiten durch fortwährende höhnische Zurufe unterbrochen wurde, ist selbstverständlich — erzählte der Antisemit Nendtvich, wie er eigentlich Antisemit geworden und sprach so confuses Zeug, daß der Präsident ihn darauf aufmerksam machte, alles das gehöre denn doch nicht zur Specialdebatte. Ihm folgte der evangelische Pastor Veres, der im Namen seiner antisemitischen Gesinnungsgenossen erklärte, daß die jüdische Religion recipirt werden müsse, ehe die Juden eine Vertretung im Oberhause finden können, daß aber der Reception eine gründliche Untersuchung der jüdischen Glaubenslehren vorausgehen

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