Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1885)
- Date
- 1885-03-17
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 zu erreichen sucht. Auch die Juden wurden hierbei ins Auge gefaßt. Anfangs gewann der hochgebildete und humane Minister der Bolksaufklärung Uwaroff den Kaiser für den Gedanken, die Juden auf dem Wege der Civilisation für das russische Wesen zu bilden. Es sollten in allen Provinzen, in welchen Juden wohnen durften. Schulen angelegt und zu deren Besuch die jüdische Jugend angehalten werden. Eine besondere Anregung hierzu hatte das gute Beispiel der Ebräer- Gemeinde zu Riga gegeben, welche unter vr. Lilienthals Leitung mit der Errichtung einer trefflichen Schule und regelmäßiger Predigt vorangegangen war. Der genannte Minister trat mit jüdischen Gelehrten in Deutschland, wie Dr. Jost und dem Schreiber dieses in Verbindung, um Vorschläge für die Schulen entgegenzunehmen und deutsche Lehrer zu engagiren. Ehe jedoch die nöthigen Schritte gethan waren, wobei sich allerdings die durch den Chassidismus und die Orthodoxie bereiteten außerordentlichen Schwierigkeiten herausstellten, änderte der Kaiser seine Ansichten. Es wurden vielmehr Audienz beim Kaiser, schließlich aber die Antwort, daß die Verhältnisse der russischen Juden im Auslande unbekannt seien. Mit dem unerwartet eingetretenen Tode des Kaisers und der Thronbesteigung Alexander 2. schöpften auch die Juden im Zarenreiche neue Hoffnung. In seinem ersten Manifeste erklärte Alexander als seinen Wahlspruch: ^Gerechtigkeit für Alle!" Seine ersten Regierungshandlungen zielten auf die Wiederherstellung des Friedens mit den Westmächteu und der Türkei ab. Es hatte sich in Rußland die Erkenntniß Bahn gebrochen, daß es zunächst auf eine innere Entwickelung im russischen Volks- und Staatsleben ankomme und auf allen Gebieten Reformen nothwendig seien. Es kam daher darauf an. unter diesen günstigen Conjuncturen die allgemeine Aufmerksamkeit auch auf die Zustände der russischen Juden zu lenken und für ihre srbreckliche Lage die Augen der maßgebenden russischen Kreise zu öffnen, und zwar indem dieselbe gewissermaßen zu einem europäischen Interesse erhoben würde. überaus harte Maßregeln gegen die Juden beschlossen, um j Von diesem Gedanken ausgehend, verfaßten wir ein Memoire, sic immer mehr zu beschränken und zu vermindern. Das j in welchem wir die sämmtlichen Ausnahmegesetze, unter denen Mindeste war in dieser Richtung der Befehl, sich europäischste russisch-polnischen Juden schmachteten, zusammenstellten zu kleiden; die Beschränkung auf ihre bisherigen Wohnsitze | unb ihre traurigen, ja verheerenden Wirkungen veranschauwurde durch das Verbot vergrößert, innerhalb 50 Werste von allen Grenzen zu wohnen; der Erwerb von Grundstücken lichten. Da wir erfahren hatten, daß Kaiser Alexander II. die Independance beige, damals eines der verbreitetsten und wurde streng untersagt, Juden durften nur steinerne Häuser! angesehensten Blätter, lese, bewirkten wir in persönlicher Ankäufen, erständen sie ein hölzernes, so sollten sie es binnen j Wesenheit bei der Redaktion dieses Brüsseler Blattes die Aufeiner bestimmten Frist durch ein steinernes ersetzen; Schank-! nähme des Memoires und von da aus in die Dimes, die wirthschaften zu halten, wurde ihnen nicht gestattet; mit Augsburger Allgemeine, die Kölnische Zettung und viele an schweren Abgaben waren sie belastet, alle Staatsämter ihnen verschlossen, in der Armee konnten sie nur bis zum Unteroffizier avanciren. Jndeß das Schlimmste war die Rekrutirung. Während in einem Jahre die Rekruten in den Ost- Provinzen, im anderen in den Westprovinzen ausgehoben an. dere (s. das Memoire in 9h:. 31 des Jahrgs. 1856). Auf diese Weise war dem gedachten Schriftstück die allgemeinste Verbreitung gegeben und eine weitgehende Wirkung ermöglicht. Bald langten denn auch erfreuliche Nachrichten aus Rußland In dem Manifeste, welches der Kaiser bei seiner Kröwurden, waren die Juden der Rekrutirung in jedem Jahre unternung erließ, war auch der Juden wohlwollend gedacht. Die worfen und mußten statt von Tausend Seelen fünf, wie bei den Christen, sieben stellen. Waren Gemeinden das Kopfgeld rückständig, mußten sie für jede 600 Rubel einen Rekruten sämmtlichen Ausnahmevorschriften bei der Rekrutirung wurden aufgehoben und fortan in dieser Beziehung die Juden den Christen gleich behandelt. Der Staatsdienst wurde ihnen mehr stellen; trafen die neuen Rekruten nicht rechtzeitig ein, > eröffnet, zunächst den Aerzten, und zwar wurden sofort einige mußten sie für jeden verspäteten Soldaten vier stellen, u. s. w.! Anstellungen jüdischer Aerzte ausgeführt. Später wurde den Bei der dadurch bewirtten schrecklichen Verheerung der jüdi-? Kaufleuten erster Gilde und den jüdischen Handwerkern die schen Familien wurden acht- und zehnjähige Knaben aus den! Niederlassung im Innern Rußlands gewährt, und den Juden Armen ihrer Eltern gerissen, in den Depots von den Popen 1 gestattet, sich in Sibirien anzufiedeln; auch die Uebernahme getauft und Bauern zur Erziehung übergeben! Es ist ervon Schankwirthschaften wurde ihnen wieder erlaubt, und noch sichtlich, daß diese grausamen Maßregeln bei langer Dauer andere Erleichterungen und namentlich Reformen im Unterdie Ausrottung des jüdischen Stammes in Rußland herbeij richtswesen wurden getroffen. Kaiser Alexander II. bewährte geführt hätten. Auf eine Aenderung unter der Regierung | sich auch hier als einsichtsvoller und hochherziger Befreier, des Kaisers Nikolaus war nicht zu hoffen. Dennoch unters wie er diesen schönsten Beinamen namentlich durch die Ausnahm es Sir Mos.'s Montefiore, nach Petersburg zu gehen l Hebung der Leibeigenschaft sich erworben hat. So war denn und dem Kaiser Nikolaus Gesuche vorzutragen. Bon Engauch für die nächste Zukunft dieser drückende Alp zu einem land aus aufs Nachdrücklichste empfohlen, erhielt Sir Moses großen Theile gehoben. —