Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-17 · Heft 12 (17.3.1885) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 12 (17.3.1885)
Date
1885-03-17
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227568--42475-3311034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

188 Bedrängniß und Kummer fand ich: da rief ich den Namen des Ewigen an: Ach, Ewiger, errette meine Seele! Gnädig ist der Ewige und gerecht und unfer Gott Erbarmer: ich war in Nöthen und er half mir. Kehre, meine Seele, zu deiner Ruhe wieder, denn der Ewige that dir wohl. Denn Du rettetest vom Tode meine Seele, mein Auge vom Weinen, meinen Fuß vom Gleiten." So bewährt sich auch am Hiob: „Dein Späteres wird mehr sein, als dein Früheres." — Vielfach ventilirt wird die Frage über die göttliche Vergeltung. Daß jede schwere Sünde ihre Strafe nach sich zieht, und insbesondere der verstockte Sünder dem Verderben zueilt, wird überall anerkannt. Nun verschärfte sich aber diese Ansicht dahin, daß jedes Unglück, jedes Leiden als Folge böser Handlungen betrachtet ward, scheinbar gestützt durch die richtige Vorstellung, daß kein Mensch sündenlos sei. Hiergegen erhoben sich aber die Unglücklichen selbst, die auf diese Weise außer ihrem Mißgeschick noch den Borwurf arger Schuldhaftigkeit zu tragen gehabt hätten. Dieser Streitftage ist bekanntlich das Buch Hiob gewidmet, das dann in der letzten glänzenden Rede (Kap. 32 ff.) und in einer hochpoetischen Naturschilderung ausführt, daß, wie in der Schöpfung Gottes jedes Werk, Belebtes und Unbelebtes, seinen Selbstzweck für sich hat (ganz abgesehen von seiner Beziehung zum Menschen, die meist gar nicht vorhanden ist), so auch in jedem menschlichen Geschicke Gott einen höheren Zweck hat, den, „den Menschen zum Lichte des Lebens zu führen", ihn zu prüfen, seine sittliche Kraft zu entwickeln, ihn zu läutern. — Daß jede Sünde durch reuige Umkehr, durch Ersatz des zugefügten Schadens, durch gute Handlungen und treue Erfüllung der Pflichten vor Gott gesühnt werde, spricht schon das Gesetz aus, welches — mit Ausnahme schwerster Verbrechen — ein Vergehen durch das Bekenntniß, in gewiffen Fällen ein Aufgeld und ein Schuldopfer gesühnt erklärt. Von bloßem Formalismus kann hier nicht die Rede fein, da immer Bekenntniß und Ersatz dem Opfer vorangehen muffen. Und so erklärt denn auch der Prophet (Ezechiel 14, 12 ff. Kap. 18), daß der Sünder, wenn er zur Gerechtigkeit zurückkehrt, gerettet und seiner Schuld nicht mehr gedacht werde. Ueber allen Wechsel des Geschickes aber erhebt und in allem Sturm hält auftecht den Menschen die freudige und unerschütterliche Zuversicht auf Gottes Schutz und Hülfe. Dies ist das Thema vieler, aus den innersten Bewegungen der Volksseele heraustönenden Psalmen. So singt der Dichter des 91. Psalms: „Wer, im Schirm des Höchsten sitzend. In des Allmächtigen Schatten übernachtet — Zum Ewigen sprech' ich: meine Zuflucht, Meine Burg, mein Gott, aus den ich ttaue! Denn er, er rettet dich aus Voglers Schlinge, Bor der Bosheit Pest; Mit seinem Fittig deckt er dich. Und unter seinen Flügeln find'st du Schutz, Schild und Schirm ist seine Wahrheit. Nicht fürchte dich vor'm Schrecken der stacht, Bor dem Pfeile, der flieget des Tages, Bor Pest, die schreitet im Dunkel, Bor Seuche, die tödtet am Mittag. Denn Du, Ewiger, bist meine Zuflucht." Und so ruft Jakob noch in seiner Sterbestunde: „Auf Deine Hülfe hoffe ich, o, Ewiger!" — Dem israelitischen Leben lagen deshalb Freude, Fröhlichkeit und Genuß des gerechten Gutes durchaus nicht fern. Dies beweisen insonders die vom Gesetze instituirten Feste, welche, Berbrüderungsseste der Nation, zu gemeinsamer Freude ausdrücklich aufrufen. Und selbst der mit Zweifeln, und mit den Vorstellungen der Vergänglichkeit und Nichtigkeit alles Irdischen ringende Koheleth ruft aus (11, 9): „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und laff' dein Herz ftöhlich sein in den Tagen deiner Jugendkrast und wandele in den Wegen deines Herzens und wohin deine Augen blicken: doch wiffe, daß über alles dieses dich bringet Gott in das Gericht! Und schaffe Kummer aus deinem Herzen und entferne Leid von deinem Leibe: aber ' gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugendkraft." Ja, wenn der Prophet in die Zukunft schaut, wenn er Israel wieder hergestellt und im Besitze ungetrübten Friedens sieht, dann gewahtt er, wie es „seine Pauken schmücket, daß es im Reigen der Scherzenden auszieht, Weinberge pflanzt, cs pflanzen die Pflanzer und genießen den Ettrag." Dies ist die Anschauung unsrer h. Schrift über das! menschliche Leben in seinen Höhen und Tiefen, in seinen Aufgaben und deren Lösung. Sie, diese Anschauung, ist mehr oder weniger das geistige Eigenthum der Menschenwelt -geworden, der feste Boden, aus dem sie sich aufbaut und allen Stürmen widersteht. Rückblick avf die Kämpfe des letzte« halben Iahr- , Hunderts. vm. Kaiser Nikolaus war von dem Principe beseelt: alle 'Nationalitäten und Confessionen Rußlands zu unisizircn,! also zu russisiziren und zur griechisch-orthodoxen Kirche zu; bringen. Wie sehr dieses Prinzip theoretisch zu verwerfen ' und praktisch unausführbar ist, hat die Geschichte längst entschieden. Die Hauptfrage ist aber, auf welchem Wege diese Unisizirung angestrebt wird — da die äußersten Härten, ja Grausamkeiten für den nicht fernliegen, der ein solches Ziel 12'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.