Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1885)
- Date
- 1885-03-10
- Page
- Seite 177 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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177 Um die Lippen des Hersch spielte ein verächtliches Lächeln, blickt und es ihm nachspricht, obgleich es nichts davon ver- und als das Volk in dichten Schaaren nach dem Tempel steht. Nu! und woher soll es auch etwas verstehen? drängte, ihm voran Reb Nochim, immer noch die gelben Haben die Todros es je gelehrt, das Böse vom Guten Hände über dem grauen Haupte bewegend, und noch an der zu unterscheiden, und das was war, von dem was sein wird. Schwelle des Heilizthums mit lauter Stimme das für die Stunde der Gefahr vorgeschricbene Gebet beginnend, als schließlich die dunklen Mauern des Bethauses von dem ungeheuren thränenerstickten Rufe wiederhallten: „Herr, rette dein Volk! Bewahre vor dem Verfall die letzten Reste Israels!" — stand der junge Kaufmann regungslos in tiefe Gedanken versunken; dann ging er langsamen und bedächtigen Schrittes über den weiten Platz und verschwand in den Tiefen des gegenüberliegenden, weiten und ansehnlichen Gebäudes. Das völlig neue, von Hersch selbst erbaute Haus war das geräumigste und schönste des Ortes, hatte einen hellgelben Anstrich und blitzende Fensterscheiben. Im Innern desselben, in der großen Stube, saß Hersch lange Zeit auf der sehr einfachen Holzbank mit zu Boden gesenkten Blicken, die Stirn auf die Hand gestützt. Plötzlich hob er das Haupt und rief: Frejda! Frejda! Auf diesen Ruf öffnete sich die Thür des Nebenzimmers, und von dem goldenen Scheine des dort brennenden Feuers beleuchtet, erschien auf der Schwelle ein junges schlankes Weib. Ihren Kopf bedeckte eine große weiße gewundene Binde, vom Halse herab, den mehrere kostbare Perlrcihcn schmückten, fiel eine weiße Schürze bis zum Saume oes großblumigen Rockes. Große schwarze Augen blickten heiter und strahlend aus dem sanften ovalen Antlitz. zu trennen? Nach einem neuerlichen Augenblicke des Schweigens be gann Hersch wieder: Frejda! Was Hersch? Hast du noch nicht vergessen, was ich dir von Michael Senior erzählte? Das Weib faltete andächtig die Hände. Warum sollte ich vergessen? rief sic aus. Du hast mir schöne Geschichten von ihm erzählt. Das war ein sehr großer Mann! Die Todros haben ihn vernichtet. Hätten sie ihn nicht vernichtet, daun hätte er große Tinge für die Juden gethan. Doch das will nichts sagen. Ich werde ihn befragen, wie er es machen wollte, er wird es mich lehren, und ich werde es vollbringen. Frejda erbleichte. Und wie willst du ihn befragen, flüsterte sie besorgt, da er schon so lange tobt ist? Ein gcheimnißvolles Lächeln flog über die schmalen Lippen des Kaufmanns. Ich weiß schon, wieso! Manchmal fügt es Gott also, daß auch diejenigen, die seit Langem verstorben sind, reden und ihre Nachkommen belehren können. Frejda, sprach er nach einer Weile, weißt du, was Sie blieb vor dem Gatten stehen, den Blick fragend aus Michael Senior that, als er fühlte, daß die Todros ihn verihn gerichtet. Hersch wies mit den Augen auf die Bank, auf der sie alsbald Platz nahm. Frejda! begann er, hast du vernommen, was sich heute in unserm Städtchen zugetragen? nichten würden, und daß er sterben werde, bevor andere Zeiten kommen? Nu, was hat er gethan? Er hat sich in seine Stube ganz allein eingeschloffen,! hat nicht gegessen, nicht getrunken und nicht geschlafen und Ja wohl, antwortete sie leise, mein Bruder John war nur — geschrieben. Und was hat er geschrieben? Das hat bei mir und erzählte mir, daß du mit Rabbi Nochim schwe- | noch Niemand erfahren, denn er hat seine Schriften irgendren Streit gehabt. , wo in der Tiefe verborgen. Und als es schlecht um ihn Er will mich verschlingen, wie sein Urahne den meinen j stand und er sein Ende herannahen fühlte, sprach er zu seiverschlungen. , nen Söhnen: Ich habe Alles ausgezeichnet, was ich wußte. In den schwarzen Augen des Weibes malte sich tiefe; was ich fühlte und was ich thun wollte, aber ich habe meine Besorgniß.; Schriften vor Euch verborgen, denn es find Zeiten gekommen, Hersch! rief sie aus, streite nicht mit ihm. Er ist groß wo sie nichts nützen würden. Tie Todros herrschen und und heilig! Zu ihm werden Alle halten. werden Euch noch lange beherrschen, und werden bewirken. Nu, erwiderte nach kurzem Schweigen lächelnd der Gatte, daß weder Ihr, noch Eure Kinder, noch Eure Enkel nach sei ruhig! Jetzt kommen andere Zeiten, er kann mir nichts diesen meinen Ausschreibungen verlangen werdet. Und kämen anhaben. Und ich kann meine Lippen nicht schließen, wenn sie ans Tageslicht, so würden sie zerrissen und den Winden zur Vernichtung anheimgegeben werden, und man würde sagen, Michael Senior war ein Kofer (Ungläubiger), und man das Herz laut in mir ruft, daß ich reden soll, und ich kann nicht stumm bleiben, wenn dieser Mensch sagt, daß das, was gut, schlecht ist, und das dumme Volk ihm in die Augen! würde ihn verfluchen, wie man den zweiten Moses verfluchte