Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1885)
- Date
- 1885-03-10
- Page
- Seite 178 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Aber cs wird eine Zeit kommen, wo mein Urenkel sich nach meinen Schriften sehnen wird, um sich aus ihnen Rath zu! holen, wie er denken und wie er handeln soll, um die Ju-j den aus der Gefangenschaft der Todros zu befreien und zu | jener Sonne zu geleiten, an der sich andere Völker wärmen. Dieser mein Urenkel, der sich mächtig nach meiner Schrift sehnen wird, wird sie auch finden, Ihr aber Alle sagt in Eurer Todesstunde Euren ältesten Söhnen, daß sie Vorhang den ist, und daß in ihr sehr kluge Dinge verzeichnet stehen. So soll es geschehen von Geschlecht zu Geschlecht. So befehle ich es Euch. Bewahret den Gehorsam Demjenigen, j dessen Seele das Recht der Unsterblichkeit erworben hat. | Hersch schwieg, Frejda saß regungslos, den gespannten Blick fest auf das Antlitz des Gatten gerichtet. Du wirst diese Schrift suchen? fragte sie leise. i Ich werde sie suchen, wiederholte er, und ich werde sie? finden, denn ich bin jener Urenkel, von dem Michael Senior in seiner Todesstunde gesprochen. Ich werde die Schrift finden. Du Frejda wirst mir suchen helfen. Die Frau erhob sich stolz und freudestrahlenden An-! gefichts. Du bist gut, Hersch, rief sie aus der Tiefe der Brust, Du bist sehr gut, daß Du mich, das Weib, zu so wichtigen Dingen und so großen Gedanken heranziehst. Und warum sollte ich Dich dazu nicht heranziehen? Bist Du mir keine sorgsame Hausftau, oder achtest Du nicht meiner Kinder? Du machst alles gut, Frejda, und Deine Seele ist so schön wie Dein Auge. Purpurröthe bedeckte das bleiche Gesicht der jungen Jüdin. Sie schlug die Augen nieder, aber die rothen Lippen flüsterten leise, kaum vernehmbare Worte der Liebe und Dankbarkeit. Hersch erhob sich. Wo werden wir diese Schrift suchen? begann er nachdenklich. Ja, wo? wiederholte sinnnend die Frau. Frejda, sprach er, Michael Senior hat seine Schriften nicht der Erde anvertraut, denn er wußte, daß sie dann den Würmern zum Fräße dienen oder sich in Staub verwandeln würden. Sind diese Schriften in der Erde? Nein, antwortete das Weib, sie sind nicht in der Erde. Und den Mauern hat er sie auch nicht übergeben, denn er wußte, daß Mauern zerbröckeln und daß man sie einreißt, um neue aufzurichten. Ich habe die neuen Mauern selbst erbauen laßen und habe in den alten gewühlt, aber die Schriften habe ich nicht gefunden. Nicht? klang es traurig herüber. Und auf dem Dachboden hat er sie auch nicht aufbewahrt, denn er wußte, daß das Dach verfault, daß es zerstört und durch ein neues ersetzt wird. Als ich geboren wurde, legte man auf unser altes Haus gewiß zum zehnten Mal ein neues Dach, aber ich glaube nicht, daß die Schriften jemals auf dem Boden waren. Glaubst Du es nicht? klang es wieder entgegen. Wo aber mögen sie sein? Beide schwiegen gedankenvoll. Plötzlich, nach einer langen Weile, ries die Frau: Hersch, nun weiß ich es, diese Schriften sind dort! Der Mann erhob sein Haupt. Die Frau wies mit dem ausgestreckten Finger auf einen großen verglasten Schrank in der einen Ecke der Stube, der von oben bis unten mit mächtigen Büchern in alten verschlisienen Einbänden vollgepfropft war. Dort? fragte Hersch mit bebender Stimme. Dort! antwortete mit Bestimmtheit die Frau. Hast Du mir nicht selbst gesagt, daß dies die alten Bücher des Michael Senior sind, und daß sie von allen Ezofowicz hier zu seinem Andenken aufbewahrt werden, daß sie aber nie Jemand gelesen hat, weil die Todros das Lesen solcher Bücher untersagten. Hersch strich mit der Hand über die Stirn, sein Weib fuhr fort. (Fortsetzung folgr.) Anzeigen. T«» CAT>0 werden mit 20 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet and müssen für die nächstxLLOv/1 Ui IC folgende Wochennommer bis spätestens Donnerstag eingehen. Dieselben sind ausschliesslich an die Annoncen-Expedition von Bndolf Mosse in Leipzig oder deren Filialen in Berlin etc. zu adressiren. Jacobson-Schule. Seesen a. Harz. Brüssel Jsr. Handelsu. Tprach-Fnstttut, Pensionat I. Ranges, gegr. 1863. 168.—170. Chaussee d’ Etterbeck, Brüssel, dem Park Leopold gegenüber geleitet von Prof. L. Kahn, F. 8. 8 L. Das neue Schuljahr an unserer mit einem Alumnat verbundenen, zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährigen freiwilligen Dienst berechtigten Realschule beginnt am 14. April. Auskunft über Aufnahme von d^or"der^Anstalt.^ *** unterzeichnte Das Sommersemester beginnt am 14. April. — Um frühzeitige Anmeldungen Dr. Arnheim.! wird gebeten. [L. 728 Ehren-Genofse der k Gesellschaft der Wiffensch., Literatur und Kunst zu London.