Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1885)
- Date
- 1885-03-10
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
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w 169 wie in der asiatischen Türkei waren einer großen Vollkommenheit anheimgefallen; sie lebten in der größten Unwissenheit, sowohl in den hebräischen wie in den profanen Fächern; ihre Bildung stand eher unter, als über dem Grade des umgebenden Volkes, und sie hatten sich auch in gewerblichen Beziehungen aus allen ihrenPositionen verdrängen laffen. Das dringendste Bedürsuiß war, sie aus dieser Indolenz zu wecken und sie der europäischen Bildung zu nähern, um sie aus dem tiefen Elend zu retten, in welchem sie schmachteten und verkamen. Durch zahlreiche Original-Correspondenzen hatten wir das Interesse für beide Momente zu wecken gesucht. Was in der etwaigen Gleichberechtigung mit den Christen günstig war. bestand in dem eigenen Interesse der türkischen Regierung, ihre jüdischen Unterthanen als gehorsame und trcuergebene jedenfalls in gleicher Weise zu berücksichtigen. Was nun die Hebung der türkischen Juden betrifft, so gehört der Bericht über die angestrengten Bemühungen nach dieser Richtung hin nicht in unsere heutige Aufgabe, die wir aus die äußeren Kämpfe beschränkt haben. Wir wandten uns zunächst an das englische und französische Haus Rothschild, das damals große Anleihen für die kriegführenden Mächte zu besorgen hatte, und erhielten vonihm unter dem 29.MärzdieNachricht, daß diePforte im fünften Artikel eines provisorischen Traktats die Gleichheit vor dem Gesetze und die Zulassung aller türkischen Unterthanen ohne Unterschied des Glaubens zu allen Aemtern zugestanden habe. Dasselbe versicherte uns später die türkische Gesandtschaft in Paris, als wir dahin im Interesse der beiden, in der Türkei zu erreichenden Zielpunkte gereist waren. So erfreulich dies mar, so hatte man doch Erfahrung genug gemacht, wie wenig auf die Zugeständnisse der türkischen Regierung zu geben sei, die im Augenblicke des Conflikts in alle Forderungen cinwilligt, hernach jedoch in der Ausführung zurückbleibi. Wir mußten andere Garantieen haben, und diese waren noch schwer zu erringen. Am 8. April Unterzeichneten England, Frankreich, Preußen und Oesterreich ein Protokoll, in welchem als dritter Puntt „die Befestigung der religiösen und bürgerlichen Rechte der Christen in der Türkei" ausgeführt war. Stand also von dieser Seite auch für die Juden etwas zu hoffen? Im Anfang des Jahres 18.5.) sollte in Wien ein Congreß der Mächte stattfinden, um wo möglich den Frieden herzustcllen. Als Gesandter der Königin von England sollte Lord John Russell, der damalige englische Colonialminister, der Mann, der so große Anstrengungen für die völlige Emanzipation der englischen Juden gemacht hatte, fungiren. Wir benutzten die Gelegenheit, zur Begrüßung des edlen Lords aus deutschem Boden ein Schreiben an ihn zu richten, in welchem cs hieß, daß es sich in diesem Friedenswerke vorzüglich um die Rechte der Raja's in den Staaten des Sultans hantle, -Vt; wir befürchten, die herrschenden Mächte würden nur für die christlichen Raja's eintreten, so daß in jenen Ländern unsere Glaubensgenossen noch tiefer in den Staub sinken würden. Seine Lordschaft wisse aber besser als jeder Andere, daß, wo ein Prinzip nur zur einen Hälfte ausgesührt wird, nichts die Sicherheit bietet, daß diese Hälfte auf die Dauer auch im Besitze ihrer Rechte bleibt. Nur durch die völlige Herrschaft der bürgerlichen Gleichberechtigung für alle Unterthanen eines Staates wird das System der Intoleranz für Alle beseitigt. Unter dem 28. Februar war dieses Schreiben an Lord John Russell abgegangen, und schon am 1. März erhielten wir, aus Berlin datirt, eine eigenhändige Antwort, in welcher es hieß: „Die Regierung Ihrer britischen Majestät wird beharrlich besorgt sein, daß die jüdischen so gut wie die christlichen Unterthanen des Sultans die Wohlthaten gleicher Rechte und unparteiischer Verwaltung erhalten." Leider zerschlugen sich die Verhandlungen dieses Friedenscongresses. Dagegen erschien am 9. Mai in Constantinopel eine Proklamation des Sultans, durch welche sämmtliche Raja's der Kopfsteuer enthoben und zürn Kriegsdienste zugelassen erklärt werden. — Plötzlich am 2. März (1855), um 1 Uhr 10. Min. verschied der Kaiser Nikolaus. Sein Nachfolger, Alexander II., der schon als Großfürst den Ruf eines edlen, humanen Prinzen besaß, neigte sich dem Frieden zu. In Paris sollte die Friedensconserenz ftattfinden. Dies war für uns eine Veranlassung, an den Kaiser Napoleon III. das Gesuch zu richten, sich bei den Friedensverhandlungen der schutzlosen jüdischen Rajas anzunehmen, und ihnen dieselben Rechte, wie den christlichen Unterthanen des Sultans zu verschaffen. Ta wir uns schon früher, wie oben berichtet worden, an die englische Regierung gewandt hatten, so war damals der französische Monarch der einzige in Europa, von dem man voraussetzen konnte, daß er ein Interesse für die Juden haben könne. Diese Bemerkung machen wir, weil man uns damals und später von gewisser Seite cs übel vermerkte, daß wir uns an den fra nzö si scheu Herrscher gewandt, der übrigens damals mit Preußen und Deutschland in Freundschaft stand. Am 22. Februar war diese Adresse abgegangen und am 28. schon erfolgte aus dem kaiserlichen Cabiuet die Anzeige, daß unser Gesuch dem Kaiser vorgelegt worden. Während man aber in Paris über den Frieden verhandelte, fanden in Constantinopcl selbst Berathungen über die zukünftige Stellung der Raja's statt, und hier war es, wo eine vollständige Erfüllung unserer Wünsche erfolgte. Am 21. Februar ließ der Sultan Abdul Meschid einen Ferman veröffentlichen, der die vom Hattischnmayuu von Gülhane und den Tansimat-Gesetzen verheißenen Garantieen „aus alle Unterthanen ohne Unterschied der Classeu und des Cultus" ausdehnte und befahl, sie zu ihrer vollen Wirksamkeit zu bringen. „Jede Unterscheidung, die darauf ausgeht, irgend eine Classe der Unterthanen wegen der Religion, der Sprache oder Abkunft unter eine andere Classe zu stellen, ist für immer aus den Pro-