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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-10 · Heft 11 (10.3.1885) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 11 (10.3.1885)
Date
1885-03-10
Page
Seite 168 (sequence 4)
Language
German
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168 Ich jauchzte, daß ihn Unheil traf — Doch nicht zu sündigen ließ ich meiner Zunge zu, Im Fluch zu fordern seine Seele. Wenn nicht die Männer meines Zeltes sprachen: Wer wurde nicht an seinem Tische satt! — Kein Fremdling übernachtete mir draußen. Und meine Thüren hielt ich offen auf die Straße — Wenn ich nach Menschenbrauch verhüllte meine Fehle, Im Busen bergend meine Schuld, Weil ich den großen Haufen scheute. Mich schreckte der Geschlechter Schmähung: Wie müßt' ich jetzt verstummen. Und vor die Thüre dürft' ich nimmer gehen. Wenn über mich mein Acker schreit, Und seine Furchen klagen allzumal, Wenn unbezahlt ich seine Kraft verzehrte. Und seinen Herrn verschmachten ließ: Statt Weizens müßte Dorn aufgehen. Statt Gerste Lolch!" — Dieses treffliche, ebenso poetische, wie fein psychologische Gemälde zeigt uns, Zug um Zug, die realistisch-ideale Auffaffung, welche in der biblischen Atmosphäre das arbeitsvolle, erfolgreiche Leben mit seinen lauteren sittlichen Motiven in seiner ganzen Gestaltung birgt. Jndeß dürfen wir nicht vergeben, daß Hiob diese Schilderung mit folgenden Sätzen beginnt (23, 2 ff.): „Wer schafft mir Monde den vergang'nen gleich. Da Gott mich hütete. Als seine Leuchte über meinem Haupte schien. Durch Dunkel ich bei seinem Lichte schritt; So wie ich war in meines Glückes Tagen, Als Gottes Freundschaft über meinem Zelle, Als der Allmächtige noch mit mir war, Rings um mich meine Kinder; Als meine Schritte badeten in Rahm Und mir der Felsen Ströme Oels ergoß." Aber es war anders gekommen und Verlust, Mißgeschick und Siechthum über Hiob hereingebrochen. Dies führt uns zu der zweiten Seite des menschlichen Lebens, dem Wechsel des Geschicks, dem es unterworfen. In dieser Beziehung giebt uns wiederum das 1. Buch Mos. 2 gewissermaßen typische Sätze. Es heißt (24, 1): „Und Abraham war alt, kam in die Jahre, aber der Ewige hatte ihn gesegnet in Allem", und (25, 8): „Und Abraham verschied und starb in glücklichem Greisenalter, alt und lebenssatt." Dagegen spricht Jakob zu Pharao (47, 9): „Wenig und trübe waren die Tage meiner Lebensjahre und reichen nicht an die Tage meiner Väter in ihren Wanderjahren." Sie geben die zwei Devisen für die verschiedenen Wege des Geschicks, die wir zu wandeln haben. Machen wir uns daher klar, wie die h. Schrift auch dieses zweite große Moment des menschlichen Lebens anschaut. (Schluß folgt.) Rückblick auf die Kampfe -es letzten Halden Jahrhunderts. VII. Wir müssen zum Jahre 1854 zurückgehen. Es war die Zeit, wo durch den Angriff des Kaisers Nicolaus auf die Türkei die orientalische Frage das allgemeinste Interesse Europas wieder einmal in Anspruch nahm. Bor dreißig Jahren hatte diese Frage noch eine ganz andere Bedeutung als nach dem letzten Kriege. Die Türkei besaß damals noch über die sämmtlichen Länder an der unteren Donau, über Rumänien, Bosnien, Serbien u. s. w. theils die Souveränität, theils die Suzeränität und die Bevorrechtung der türkischen Nationalität war noch unbeschränkt. Die russische Polittk ging konsequent dahin, die europäische Türkei sich zu unterwerfen, namentlich Konstantinopel in Besitz zu nehmen, die Türken nach Asien zu jagen, ihnen auch dort große Provinzen abzunehmen und was ihnen bliebe, zu einem russischen Vasallenstaate zu machen. Es war kein Zweifel, daß die russische Macht diese Ziele zu erreichen im Stande war; der Krieg von 1828 hatte dies schon bewiesen. Die Türkei in ihrer Erschlaffung, ihrer schlechten Verwaltung, ihren völlig verwahrlosten inneren Zuständen und in der verhältnißmäßigen Geringzähligkeit des türkischen Stammes war zu dauerndem Widerstande unfähig. Die übrigen europäischen Großmächte konnten und durften aber diese ungeheure Erweiterung der russischen Macht nicht zugeben. In dieser Rivalität lag und liegt noch jetzt der Fortbestand des türkischen Staates. So entstand der Krimkrieg, in welchem Frankreich, England und Sardinien auf Seiten der Türkei gegen Rußland standen, während Oesterreich und Preußen sich nicht betheiligten. Das Ziel der erstereu mit ihrer Hilfeleistung konnte aber nicht allein in der Bettheidigung der Türkei bestehen: sie mußten zugleich die Befreiung der Christen in den türkischen Ländern zu erwirken haben. Hier war der Punll, welcher auch die Aufmerksamkeit der europäischen Juden wecken mußte. Standen bis dabin die sehr zahlreichen türkischen Juden in gleicher Behandlung mit den dortigen Christen würden sie nach erfolgter Emanzipation der Christen allein als bloß Geduldete und unter Ausnahmegesetzen stehend bettachtet werden, von Türken wie von Christen auf gleiche Weise verachtet und von dem Haß und Fanatismus Beider verfolgt. Es galt also dahin zu stteben, daß bei dem zukünfttgen Friedensschlüsse alle Raja's, also auch die Juden, gleichgestellt würden. Allerdings hatte die jüdisch-orientalische Frage noch eine andere Seite. Die Juden in der europäischen 9 1

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