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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-10 · Heft 11 (10.3.1885) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 11 (10.3.1885)
Date
1885-03-10
Page
Seite 166 (sequence 2)
Language
German
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166 solchen heiteren Anschauung führten; aber wir können uns! auch der Einsicht nicht entziehen, daß die Möglichkeit solcher Lebensverhältnisse dadurch bedingt war, daß von den Bewohnern des Landes ein kleiner bevorrechteter Theil obenauf stand und von der Arbeit der übrigen Bevölkerung und insbesondere von der der Sklaven lebte. Selbst in Athen gab es nur 2o,0CX> freie Bürger, die aller schweren Arbeit fremd waren, während 4ö0,000 Beisassen ohne Bürgerecht (Paröken) in Attika und eine ungezählte Schaar von Sklaven alle Arbeiten verrichteten und die materiellen Lasten für den Staat und den Bürgerstand trugen. So auch in Sparta 9000 Spartiaten gegen 30,000 Lakedämonier und die Sklaven (Heloten); so verhielt es sich in allen hellenischen Staaten, und selbst die höchsten Denker der Hellenen legten sich dieses Berhältniß theoretisch zurechte, d. h. sie konnten eine andere Lebensgestaltung als die von Herrschern und Beherrschten, von Herren und Sklaven, von Arbeitsfreien und Arbeilsbelasteten gar nicht denken. Hierdurch allein war die Möglichkeit gegeben, daß innerhalb jenes oberen Bürgerstandes ein heiterer Genuß des Lebens, also auch eine solche Anschauung erstehen und sich entfalten konnte. Sobald wir uns die Berhältniffe anders denken, sobald wir den Boden der h. Schrift betreten, wo mit großem Nachdruck von vornherein die Gleichheit aller, aus einem Paare entsproffenen Menschen geltend gemacht wird, wo in der mosaischen Gesetzgebung alle Stangeht überall von der Wirklichkeit aus, sie zeichnet die wirklichen Verhältnisse des Menschen, wie sie sind, ohne etwas zu verdecken oder zu übertünchen. Dann aber trägt sie einen idealen Geist in sie hinein, den Geist der höchsten Sittlichkeit, des innigsten Zusammenhangs mit Gott, der Erhebung zu Gott. Wie sie auf ihren ersten Blättern dem Menschen zuruft: „Vom Staube bist du gekommen und zum Staube kehrst du zurück* (1. Mos. 3, 13), in dieses Gebilde von „Staub" aber den Odem Gottes hauchen und so den Menschen „im Ebenbilde Gottes" erschaffen sein läßt: so faßt sie alle Verhältnisse des Menschen nach ihrer wirklichen Beschaffenheit auf und erfüllt sie dann mit idealem Geiste. Vergegenwärtigen wir uns dies im Einzelnen. — Die Schrift sieht vor Allem den Menschen als zur Arbeit bestimmt an. Nicht ein „Recht auf Arbeit", wohl aber eine Pflicht zur Arbeit proklamirt sie. Sie kennt hierin keinen Unterschied des Standes und des Besitzes; jedweder nach ihr soll und muß arbeiten. Auch dies ist eine ihrer ersten Verkündigungen, und schon zu Adam sagt sie: „Mit Beschwerde sollst du vom Erdboden essen alle Tage deines Lebens" und „im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brod verzehren" (1. Mos. 3, 17. 19). Und warum? Weil die Natur unter allen Erdgeschöpfen dem Menschen am wenigsten bietet, was im natürlichen Zustande für ihn genießbar und nutzbar ist. Die Pflanze zieht aus dem Boden und der Luft ihre Nahrung; des unterschiede und Vorrechte verschwinden, alle Glieder der das Thier verzehrt die Pflanze, und die fleischfressenden Nation mit einem gleichen Antheil an Grund und Boden; Thiere suchen und finden ihre Beute. Aber der Mensch versehen und die Sklaverei in eine zeitliche Verdingung der muß dem Erdboden mit schwerer Arbeit die für ihn genieß- Dienste umgewandelt wird, sobald wir, sage ich, diesen Boden j baren Früchte abgewinnen und muß dieselben bearbeiten und betreten, können wir jenes hellenische Wesen nicht mehr als > zurichten, um sie verzehren und gebrauchen zu können. Nicht möglich anerkennen. Um gerecht zu sein, müssen wir bemereinmal mit dem Fell der Thiere kann er sich bekleiden, ohne ken, daß es ähnliche Zustände gegeben hat, welche dennoch! es präparirt zu haben. Dies drückt auch die Schrift in ihrem eine so süße Frucht nicht gezeitigt haben. Auch in den mit-! Lapidarstyl mit den Worten ans: „Dorn und Distel soll der telalterlichen Feudalstaaten gab es nur Herren und Leibeigene, i Erdboden dir sprießen lassen" (das. B. 18). In dem großen jene eine kleine Menschenzahl, die vom Schweiße der Masse lebten > Schöpfungsgemälde, welches der 104. Psalm aufstellt, heißt und praßten, und dabei der äußersten Rohheit und Barbarei J e»: „Nacht wird's — da regt sich all Gewild des Waldes, anheimgefallen blieben, bis das aufftrebende Städtewesen das die jungen Leuen, nach Raube brüllend und fordernd ihren Wiedererwachen der Wissenschaft, Kunst und Bildung bewirkte Fraß von Gott. Auf strahlt die Sonne: sie ziehen sich zu- und die Menschheit allmählig zu erlösen begann. Es geht rück und lagern sich in ihre Höhlen, es geht der Mensch zu also daraus hervor, daß sich mit den gezeichneten Verhältseinem Werke aus, an seine Arbeit bis zum Abend" <V. 20 — nissen der Geist des hellenischen Volkes vereinigen mußte, um jenes Product hervorzubringen. Immer jedoch wird sich dem wahren Menschenfreunde jene Kehrseite des hellenischen Lebens aufdrängen. Bestand also jene hellenische Lebensanschauung nur in der höhergestellten, bevorrechtigten Schickt des Volkes, so 23). In den Sprüchen Salomonis wird an vielen Stellen das Lob des Fleißes gesungen, und der Faule verwarnt, dessen Trägheit Armuth, Entbehrung, Elend und Schande nach sich zieht. Wiederholt wird die Ameise zum Vorbild gestellt: „Ihr ist kein Fürst, kein Vogt, kein Herr: sie rüstet doch im Sommer ihre Nahrung, sammlet zur Erndte ihre Speise" (6, müssen wir uns zum Berständniß der biblischen Anschauung 6—8). Also freiwillig, aus eigenem Antriebe, zur eigenen auf den Boden der Gleichheit aller Menscken in Recht und j Befriedigung soll der Mensch arbeiten. Auch zwischen dem Pflicht versetzen. Hier, um es kurz auszudrücken, erscheint! männlichen und weiblichen Geschlechte kennt sie in der Arsie uns als eine realistisch-ideale. Unsere heil. Schrift beitsamkeit keinen Unterschied: man lese das Lob des „Bie-

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