Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1885)
- Date
- 1885-03-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227567--42456-3311014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
"Uttgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Philipplon in Bonn. GXpeöiLion: Leipzig, WotzpLah 18. redacnonellen Anqklcqenlititen wendk man sicd an I>r.L. Bdilivpion in Bonn direck, in allen übriqen an die Berlagshandlu-g. Beilagen (Gebühr 12«.) sind gleichfalls an letztere einzufenden. Diese Zeitung erschein: wöchentlich. Breis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Bostzeitungsliste Nr. 111) und Oesterreich bei allen Bostämtern, außerdem durch den Buchhandel. 49. Jahrgang. Leipzig, den 10. März 1««5. .No. 11 Inhalt. Leitende Artikel: Die Anschauung der heiligen Schrift vom menschlichen Leben. I. — Rückblick auf die Kämpfe des letzten halben Jahrhunderts. VII. - Aus dem ungarischen Abgeordnetenhaus?. VI. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Aus Rheinhessen, Fürth. — Oesterreich-Ungarn: Pest. AusBöhmen. — Amerika: New Zsork. - Bonn: Notizen.— Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Geschichte des Städtchens Sczybow. Bonn, 25. Februar. Die Anschauung der heiligen Schrift vom menschlichen! Leben. | i. | Sie richten, werther Freund, die Frage an mich: Seit-! dem Schiller die Götterwelt der Hellenen als heiter und anmuthig besungen hat, wird uns, wo immer nur davon die Rede ist, die Lebensanschauung der Hellenen als eine fröhliche, heitere und liebenswürdige, gegenüber allen andern Nationen und ihren Geistesanlagen, hervorgehoben. War sie dies wirklich, und welche Anschauung kann man als die in unserer h. Schrift gezeichnete betrachten? Denn so viel auch schon, in alter Zeit wie in der unsrigen, über die letztere geschrieben worden, ist mir doch keine Darstellung aufgestoßen, welche in bestimmten und zusammenfassenden Zügen die Borj stellungen der h. Schrift vom menschlichen Leben klar ent-; würfe. Eher sagt man uns, daß die Schrift ein trübes,! düsteres Bild von den Verhältnissen des Menschen nach allen Richtungen hin entrolle. Es schien mir immer, als ob man! hierbei dem biblischen Schriftthum des alten Israels die Ideen und Gefühle einer späteren Zeit, der mittelalterlichen Kirche, unterschiebe. Sie würden mich verpflichten, wenn Sie mir^ über diese doch wohl wichtige Frage einigen Ausschluß geben , könnten. — In der Thal stellen Sie mir da, lieber Freund,! eine würdige Aufgabe, und ich will versuchen, sie zu lösen. Allerdings erscheint uns die Anschauung der Hellenen j vom Leben als eine von einem heiteren und muthigen Geiste getragene, die es mit dem Ernste des Lebens nicht allzu ernst nimmt und alle Lebensverhältnisie genuß- und freudenreich gestalten will. Es spiegelt sich dieser Geist in der Mythologie der Hellenen, den Fabeln und Legenden wieder, mit welchen die Götter- und Heldenwelt durchwirkt ist; er stndet seinen Ausdruck in der hohen Blüthe aller Künste, welche die Griechen in der schönsten Fülle entfaltet und ausgebildet haben, in den schönen, wenn auch verhältnißmäßig nicht großen Tempeln und den zahllosen Werken der Plastik, die sie über das ganze Land verbreiteten; er charakterisirt sich in den bedeutsamen und doch harmlosen Volksfesten, in welchen — man vergleiche sie nur mit den blutigen Gladiatoren- und Thicrkampsspielen der Römer — die Sieger im Ringkampf, Diskuswerfen, Wettlaufen und Rennfahren bekränzt, von ihren Landsleuten mit Ruhm überschüttet, von den größten Dichtern in Hymnen besungen, von Meistern in Statuen verewigt wurden; endlich giebt er sich zu erkennen in dem Principe, das die Griechen der bestern Zeit als das Höchste erkannten: dem v.alo/.ayaüov, der v.atov.ayaiHcc, d. i. dem „Schönen-Guten", indem sie mit der Tugend die Schönheit verbunden forderten, nichts als gut anerkannten, das nicht zugleich schön wäre. Fragen wir, wie diele Anschauung in dem hellenischen Volke erstanden und sich ausgebildet habe, so müffen wir zwar auf die Schönheit des Landes achten, das sie bewohnten und das von allen Seiten von dem, Klima und Temperatur ermäßigenden, überall tief einbuchtenden großen Binnenmeere umflosien war, und natürliche Geistesanlagen in diesem Stamme voraussetzen, welche zu einer ii