Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1885)
- Date
- 1885-03-03
- Page
- Seite 161 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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'161 jedoch verbreitet den Samen der Bäume und Niemand fragt, woher der herrlichste Baum erstanden, warum sollte nicht auch aus uns die Ceder des Libanon, anstatt des Dornenstrauches erblühen können? Der Mann, unter dessen Einfluß jener Aufruf geschrieben ward, der die Juden Polens anrief, ihr Antlitz dem Lichte und der Zukunft zuzuwenden, begegnete Aug' in Auge einem anderen Manne, dessen Blick in die Vergangenheit und Verfinsterung gerichtet war. Es war dies der eben aus Spanien nach Polen ein gewanderte und in Sczybow ansässig gewordene Nehemias Todros, ein Abkömmling jenes berühmten Todros Abulafsia Halevi, der durch eine Zeitlang in talmudischer Klugheit und Rechtgläubigkeit glänzte, sich jedoch später der Mystik der Kabbala ergab, und, indem er sie durch seine eigene Bedeutung hob, wesentlich dazu beitrug, in Israel jene schreckliche Verblendung großzuziehen, der der Geist eines Volkes verfallen kann. Die Sage erzählt, daß dieser Nehemia Todros, der den Titel eines Fürsten (Nafsi) trug, der erste war, der nach Polen das Buch Sohar brachte, das in sich die Auslegung, oder besser gesagt, die Quintessenz jener verderblichen Doktrin enthält, und daß von jener Zeit sich in Polen die Vermischung der talmudischen und der kabbalistischen Lehre datirt, welche immer allgemeiner und verderblicher auf den Geist und das Leben der polnischen Juden wirken sollte. Tie Geschichte schweigt von den Kämpfen und Zerwürfnissen, die diese Neuerung innerhalb des Volkes hervorbrachtc, das auf dem besten Wege der Aufklärung einherschritt; allein mündliche Ueberlieferungen, die sich innerhalb der Familien erhielten, erzählen von den langanhaltenden erbitterten Kämpfen zwischen Michael Ezofowicz, dem von Alters her in Polen ansässigen Juden, und Nehemias Todros, dem spanischen Einwanderer, bei denen der Letztere Sieger blieb. Gebrochen von Kummer über den Anblick seines Volkes, das auf Abwegen wandelte,: von Jntriguen verfolgt, die sein mächtiger Gegner hervorries, starb Michael Ezofowicz in der Vollkraft seiner Lehre. Sein Name erhielt sich bei den Ezofowicz in weihevoller Erinnerung von Geschlecht zu Geschlecht. Sie rühmten sich dieser Erinnerungen, wenn auch im Laufe der Zeiten das Verständniß für ihren wahren Werth immer mehr verloren ging. Seit jener Zeit datirt auch die große Bedeutung der Todros und das allmähliche Erlöschen des geistigen und moralischen Einflusses der Ezofowicz. Verdrängt von dem weiten Felde gemeinnütziger Thätigkeit, wandten sie ihre ganzen Kräfte und Fähigkeiten einem Arbeitsfelde zu, das den materiellen Gewinn zum Ziele hatte. Die schissbaren Flüsse bedeckten sich alljährlich mit Schiffen, die ihr Eigenthum waren, und die den fernen Häfen in ungemessencn Mengen die verschiedenartigsten Handelsprodukte zuführten; ihr Haus, in der Mitte des kleinen Städtchens gelegen, wurde immer mehr und mehr der Mittelpunkt aller Landes- und Handelsinteressen; an sie, wie an die Rothschild's unserer Zeit, wandten sich alle Diejenigen, die zur Unterstützung ihrer Angelegenheiten des goldenen Hintergrundes bedurften. Die Ezofowicz waren sehr stolz auf diese ihre Bedeutung, und gaben es mit der Zeit ganz auf, sich um jene moralische und geistige Führung ihres Volkes zu bewerben, die ihr Ahnherr besessen hatte, und die, wie es schien, für alle Zeiten des Todros ihnen entrissen hatten. Jene Todros, ewig verarmt, Bettlern gleich, bewohnten die unscheinbare, am Fuße des Tempels gelegene Lehmhütte, verachteten Alles, was den Anschein des Reichthums, der Schönheit und des Behagens trug, und leuchteten dennoch weit ins Land hinaus. Alles was Frömmigkeit, Andacht und Glaubenssehnsucht in sich trug, andächtig an sich ziehend. Nur einmal noch im Laufe zweier Jahrhunderte kümmerte sich einer der Ezofowicz nicht allein um materielles, sondern auch um geistiges Wohlergehen seines Volkes. Dies geschah zu Ende des vorigen Jahrhunderts. In Warschau tagte der große vierjährige Reichstag, j Das Echo der dortigen Verhandlungen drang bis in das i unscheinbare russische Städtchen. Tie Einwohnerschaft spitzte ' neugierig die Lhren, horchte und harrte. Die Nachrichten voll Hoffnung und Besorgniß flogen von Mund zu Mund: , Man beräth dort auch über die Juden. Was spricht man dort über uns? Was schreibt man dort über uns? Dies waren die Fragen, die die langbärtigen Bewohner der engen Gaffen Sczybow», in lange Kaftans gekleidet, die hohen Pelzmützen auf dem Kopfe, einander vorlegten. Die Neugierde wuchs so sehr mit jedem Tage, daß sic in unerhörtem Grade hemmend sogar auf die Handelsinteressen wirkten. Einzelne traten sogar die weite und beschwerliche Reise nach Warschau an, um der Quelle aller Nachrichten näher zu sein, und einmal dort, schrieben sie lange Briefe an ihre Mitbrüder in dem fernen weißrussischen Städtchen, sandten ihnen schmutzige und zerdrückte Zeitungen und einzelne Blätter aus Broschüren und Büchern. Unter denen, die im Orte zurückgeblieben waren, befanden sich zwei Männer, die am gierigsten und am unruhigsten auf die Neuigkeiten horchten: Nochim Todros, der Rabbi, und Hersch Ezofowicz, der reiche Kaufmann. Das Verhältnis dieser beiden Männer zu einander war das des dumpfen geheimen gegenseitigen Hasses. Dem äußeren Anscheine nach hielten sie Frieden, aber bei jeder wich! tigeren Gelegenheit brach stürmisch der Gegensatz der Gesinnungen hervor, der zwischen dem Urenkel des Michael Senior, dem Schüler des Maimonides, und dem Nachkommen des Nehemias Todros, des Fanatikers der Kabbala, bestand. Endlich gelangte aus Warschau nach Sczybow ein von der langen