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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-03 · Heft 10 (3.3.1885) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 10 (3.3.1885)
Date
1885-03-03
Page
Seite 162 (sequence 14)
Language
German
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162 Reise vergilbtes und zerknittertes Blatt, auf dem folgende Sätze zu lesen standen: »Alle bestehenden Unterschiede in der Kleidung, der Sprache und den Gewohnheiten der Juden, die sie von den anderen Bürgern kennen, sind aufzuheben. Alles, was ihre Religion betrifft, bleibt unangetastet. Selbst die einzelnen Sekten sind zu dulden, wenn ihr moralischer Einfluß kein schädlicher ist. Kein Jude ist vor zurückgelegtem zwanzigsten Lebensjahre zur Taufe zuzulassen. Das Recht, Grundbesitz zu erwerben, ist den Juden zu gewähren, und Diejenigen, die sich mit dem Ackerbau beschäftigen wollen, sollen eine fünfjährige Steuerfreiheit genießen und mit Ackergeräthen versehen werden. Das Schließen von Ehen ist Männern nicht vor dem zwanzigsten, Jungfrauen nicht vor dem acht» zehnten Jahre zu gestatten." Dieses Blatt wurde auf Straßen, Plätzen und in den Häusern herumgetragen, wurde hundertfach gelesen, man hielt Sie werden uns an den Pflug spannen und wir werden das Land der Gefangenschaft bebauen, schrie Rab Nochim. Sie öffnen vor uns die Schätze der Erde und befehlen ihr, unser Vaterland zu werden! rief Hersch. Sie werden uns hindern, koscher zu bleiben und werden aus Israel ein Volk von Chasereffern (Schweinefleischessern) machen! Für unsere Kinder werden sie Schulen bauen und aus Israel eine Ceder des Libanon machen, anstatt des Dornenstrauches. Unsere Söhne werden bärtig werden, bevor es ihnen gestattet sein wird, ein Weib zu nehmen! Aber wenn sie heirathen, wird der Verstand in ihren Köpfen und die Kraft in ihren Händen erstarkt sein. Sie werden uns befehlen, uns an der fremden Flamme zu wärmen und aus den Weinbergen Sodoms zu trinken! Sie bringen uns näher das Fest der Freude, Jobel-hacs bald als Zeichen der Freude, bald als Zeichen der Trauer, j Gadol, wo das Lamm ruhig neben dem Tiger weilen darf, wehend in die Lüste, bis es unter den zahllosen ungeduldi-! Hersch Ezofowicz! Hersch Ezofowicz! Aus deinem Munde gen zitternden Händen in Staub zersiel und verschwand.! spricht die Seele deines Urahnen, der alle Juden an das Ein Urtheil jedoch über das, was gelesen worden war,! fremde Feuer führen wollte, gab die Bevölkerung Sczybows nicht sogleich. Eine kleine? Reb Nochim! Reb Nochim.! Aus deinen Augen blickt die Minderzahl wandte den fragenden Blick auf Hersch, die große j Seele deines Vorfahren, welcher alle Juden in ttefer Finster« Mehrheit blickte auf Rabbi Nochim.! niß ertränkte! Rab Nochim trat vor die Schwelle seiner Lehmhütte, So mitten in der allgemeinen tiefen Stille, fern von hob die mageren Hände zum Zeichen der Trauer und des Schmerzes über den von grauen Haaren bedeckten Kopf empor und rief zu wiederholten Malen: Assybe! Assybe! Dajgo! einander stehend, sprachen zu einander die beiden Männer. Die Sttmme Nochims wurde immer dünner und schärfer, die des Hersch klang in immer kräfttgeren, tieferen Tönen. Die vergilbten Wangen des alten Rabbi bedeckten sich mit röth« Unglück! Unglück! Wehe! rief, seinem Beispiele folgend, > lichen Flecken, Ezofowicz erblaßte. Der Rabbi rang die die Menge, welche an jenem Tage den Hof des Heiligthums! dürren Arme über dem Kopfe, warf die Gestalt nach vor« füllte. Doch in demselben Augenblick legte Hersch Ezofowicz,! und rückwärts und der silbergraue Bart flog nach allen welcher in der Thüre des Bethauses stand, die eine weiße! Seiten. Der Kaufmann stand gerade und aufrecht, aus sei« Hand auf dem breiten Gurt seines Atlaskaftans, strich mit i uen Augen blitzte spöttischer Aerger und die Hand, die hinter der anderen bedächtig den langen, weichen, röthlichen Bart, j dem Gurte steckte, stach durch ihre Blässe gewaltig von der hob hoch den mit einer kostbaren Bibermütze bedeckten Kopf,! Schwärze des Atlas ab. und nicht weniger vernehmlich, als der Rabbi, doch mit ganz! Mehrere hundert Augen flogen mit raschen Blicken von anderem Tone rief er: i dem Antlitze des einen Führers zu dem des anderen, meh- Ofenung! Ofenung! Frehd!?rere hundert Lippen zitterten, doch - sie schwiegen. Hoffnung! Hoffnung! Freude! wiederholte unsicher und j Endlich erscholl auf dem Hofe des Heiligthums die leise mit einem Seitenblick auf den Rabbi das kleine Häuf-! Lüfte durchschneidend der scharfe langgedehnte Schrei Reb lein seiner Freunde. Nochim's: Allein der alte Rabbi hatte ein gutes Gehör. Er horchte I Assybe! Assybe! Dajge! rief er aus stöhnender Brust auf. Sein weißer Bart erzitterte und die schwarzen Augen j und mit über dem Kopfe gerungenen Händen, warfen funkelnde Blicke nach der Seite hin, wo Hersch stand. 1 Ofenung! Ofenung! Frehd! rief, die weiße Hand empor- Man wird uns befehlen, den Bart zu scheeren und die hebend, mit vor Freude bebender Stimme Hersch. Kleider zu kürzen! rief er voll Trauer und Zorn. (Fortsetzung folgt.) Unser Verstand wird größer werden und das Herz in der Brust wird sich erweitern, antwortete ihm von der Pforte des Tempels die weittragende Sttmme des Hersch.

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