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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-03 · Heft 10 (3.3.1885) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 10 (3.3.1885)
Date
1885-03-03
Page
Seite 155 (sequence 7)
Language
German
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155 Herr Weiß wirkt auch praktisch als Lcctor im Beth hamidrasch und war es ihm vergönnt, tüchtige Jünger heran-! zubilden. Im Interesse der Sache ist es jedoch zu bedauern,' daß es ihm nicht vergönnt ist, an einer Hochschule für die! Wissenschaft des Judenthums oder an einer jüdisch - theolo-! gischen Lehranstalt zu wirken. Wahrlich Weiß und sein College M. Friedemann wären Zierden derartiger Anstalten. Herr ' Prediger Dr. Jellinek, der Gründer und Schöpfer des Beth hamidrasch, hat sich leider aus Gesundheitsrücksichten veran-! laßt gesehen, seine Vorlesungen vorläufig zu sistiren, aber er! würde seinen Ruhm mehren, wenn er Schritte machen i würde, die genannte Anstalt nach der einen oder andern Richtung hin in angegebener Weise zu erweitern. Wie sie heute besteht, ist sie, wie man zu sagen pflegt, weder Fisch noch Fleisch. Wir glaubten, im Interesse der guten Sache diesen Wunsch, den wir bereits vor Jahren in Löw's Ben Chananja ausgesprochen, hier neuerdings Vorbringen zu sollen. Und nun wollen wir wieder zu unserem Jubilar zurüakehren. Möge es ihm vergönnt sein, ad meah schanah (bis hundert Jahre) und darüber hinaus rüstig an Leib und Geist die jüdische Wissenschaft und ihre Jünger zu fördern, zu seiner Ehre und zum Ruhme Aller, die sich Israel nennen.') G. Wolf. Pest, den 15. Februar. Äus Lew ungarischen Abgeor-ueteuhause. in. Die Debatte über die Oberhausreform-Borlage, welche seit mehreren Tagen an der Tagesordnung ist, würde den antisemittschen Abgeordneten schwerlich Gelegenheit bieten, ihre Wuthaustzmche gegen die Juden laut werden zu lassen, wenn nach der Vorlage nicht auch ein jüdisches Mitglied Sitz und Stimme im Oberhause finden sollte. Das allein genügt den Anttsemiten, der Reihe nach ihr bekanntes Steckenpferd zu reiten. Den Reigen erössnete diesesmal Geza Onody, der nun auch Redacteur eines neuen antisemitischen Blattes wird. Onody wünscht selbst die protestantische Kirche nicht im Oberhause zu sehen, damit diese — man höre! — „dem verjudeten Oberhause nicht dienstbar gemacht werde, weil seiner Ansicht nach die Möglichkeit nicht ausgeschlosien ist, daß auch zum Präsidenten oder Bicepräsidenten des Oberhauses ein Jude eingesetzt werde. Nachdem das Oberhaus das Mischehegesetz nicht angenommen hatte, verheirathet jetzt der Minister-Präsident die Magnaten mit den Juden. Denn nach Verwerfung 1) Soeben kommt uns.eine sehr lesenswerthe, interessante Fest schrist zn: -p-tj ‘■n o;rnn7 kt: cn TD^n." nvnx 7> von afo VXD CDr. M. Friedemann.^ Die Gründe, die hier erörtert werden, sin> sehr zutreffend. Redakt. des Ehegesetzes beschloß der Minister-Präsident, ein solches Oberhaus zu schaffen, welches seinen Zwecken entspricht. Man müsse sich dagegen verwahren, daß gelegentlich der Reform des Oberhauses die Juden in Rechnung kommen, weil dieselben nach G.-A. XVII: 1867 bei Umgestaltung staatlicher Verhältnisse nicht in Betracht gezogen werden können." Zum Schluffe reicht er einen Beschlußantrag ein in dem Sinne, daß, nachdem die beabsichttgte Oberhausreform den Rechten und Wünschen der christlichen Welt nicht entspricht, diese auch im Allgemeinen zu verwerfen sei. Maßvoll begann und rabiat endete der junge Antisemit Andor Baduay seine Rede, die ganz gegen die Juden gemünzt war, welche der Präsident des Hauses sogar einmal unter seine Obhut nehmen zu sollen glaubte. Auch Vaduay! ist dagegen, daß die protestantischen Kirchenhäupter ins Oberj haus berufen werden. Dann fragt er: Was will die Regierung mit der Berufung eines jüdischen Rabbiners ins Oberhaus; erreichen? Will sie damit den Antisemitismus im Lande ■ verbreiten helfen, so ist dies eine überflüssige Mühe! dieses Geschäft werden schon die Antisemiten besorgen. Oder will l die Regierung durch diese Verfügung eine neue Wurzel schaf-! fen, mit der die Juden in diesem Lande haften sollen? Merkt! sie denn nicht, daß durch solche Schritte im Volke am sicher-! sten die Ueberzeugung genährt wird, daß die Lösung der! Judenfrage nur in der Bertteibung der Juden aus dem Lande gefunden werden kann? (Zustimmung unter den Anttsemiten. Lebhafte Bewegung rechts.) Präsident (läutet): Ich bin genöthigt, den Herrn Abgeordneten aufzufordern, daß er Rücksicht darauf nehme, in welchem Tone man von 600 000 Bürgern Ungarns sprechen; darf. (Beifall rechts.)! Andor Vaduay erklärt, er bettachte die Vertreibung der Juden als ultima ratio (Heiterkeit rechts) und unterstützt den Beschlußantrag Onody's. Es gereicht dem jungen Mk. Földvary zur Ehre, daß er diesen Antisemiten gegenüber die Principien der Rechts-! gleichheit betonte. Er ist überzeugt, daß dem Stteben, den Antisemitismus im Lande zu verbreiten, die allezeit bekundete weise Toleranz der ungarischen Nation gegen alle Confesfionen und Stämme Widerstand leisten werde, weil die Natton überzeugt ist. daß das ungarische Element wie bisher so auch i künftig als dominirendes aufrecht erhalten wird. Heute ließ sich Baron G. Andreanßky vernehmen. Er i behauptet, daß das Geld, das die Magnaten mit der Juden-! ehe von sich weisen, künftig zur Oberhaus-Mitgliedschaft berechtigen solle, er erklärt sich gleich Onody und Vaduay gegen die Berufung eines israelitischen Kirchenhauptes und macht die Ansicht geltend, daß nun auch ohne Rabbiner das Oberhaus zu einem Judenmarkt werden wird, in welchem die Börsenagenten die Obergespane ersetzen.

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