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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-03 · Heft 10 (3.3.1885) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 10 (3.3.1885)
Date
1885-03-03
Page
Seite 154 (sequence 6)
Language
German
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154 war. aber von praktischen Folgen war er augenblicklich nicht, da die Staatsregierung offen erklärte, sich an den Art. 12 der Berfaffungsurkunde nicht zu kehren. Immer aber konnte doch ein nachfolgendes Ministerium von gerechterem Auffaffen der von der Verfassung geschaffenen Pflichten diesem Zustande ein Ende machen, ohne erst die Wiederherstellung des Art. 12 bewirken zu müssen. Wir haben aber hiermit der Zeit etwas vorgegriffen.! Unterdeß hat stch unter den europäischen Großmächten die! orientalische Frage von Neuem erhoben, und an dieser waren! auch unsere orientalischen Glaubensgenossen betheiligt. Wenden wir uns diesen zu. (Fortsetzung folgt.) Wien, 12. Februar 1885. 3. H. Weiß (zu deffen 70. Geburtstage). Die Thora wird dem Waffer verglichen; der Talmud hingegen dem Meere. Das Gleichniß ist zutreffend. Die Thora ist erquickend, erfrischend, Segen bringend, wie das Waffer; der Talmud hingegen, wo die Meinungen und Ansichten auf- und abwogen, wo .die Geister auseinanderplatzen", ist bewegt wie das Meer. Es zeugt von der maßlosesten Unwissenheit, wenn man den Talmud als lichtscheu rc. hinstellen will. Für den Talmud ist die Bibel und speciell der Pentateuch das geoffenbarte Wort Gottes. Für ihn galt jedoch nicht der Satz: .Das Wort, sie sollen es lassen stah'n"; sondern, da wo das Wort der Schrift im Widerspruche mit den Verhältnissen und Anschauungen stand, hat er demselben eine Deutung und Auslegung gegeben, die dasselbe geradezu! außer Kraft setzen. Wir erinnern beispielsweise an die Aus-' legung der Gesetze in Betreff der verbannten Stadt, Deuteron., 13; 13—19, des ungerathenen Sohnes, Deuteron. 21; 18—. 21, die in Folge der talmudischen Interpretation nie zur Ausführung gelangten. Oder kann man der freien Forschung eine größere Berechtigung zuerkennen, als wenn ausgesprochen wird: .Die Einen verbieten und die Andern erlauben, beides sind Aussprüche des ewig lebenden Gottes?" Seien wir jedoch aufrichtig, auch wir Juden haben uns hart und schwer gegen den Talmud versündigt. Jahrhunderte lang diente er uns dazu, um den Scharfsinn und Witz zu üben, Haarspaltereien zu treiben und der Scholastik zu fröhnen. Oder sollen wir daran erinnern, wie man einen .herben" Rambam auf vielfache Arten sanft gemacht? oder daß Pharao wie R. Akiba und Haman wie R. Tarphon rc. „gelernt" haben?— Es war das eine trübe und traurige Zeit, die heute noch nicht überall ganz überstanden ist, die von der wissenschaftlichen Bedeutung des Talmud und des mit ihm in Verbindung stehenden Midrasch, so wie der Literatur, die diese ins Leben gerufen, keine Anhnung hatte. Um zu wissen, wie es in der Beziehung noch am Ende des vorigen Jahrhunderts bestellt war. braucht man bloß die unter den Auspicien Mendelssohn's entstandene berühmte Zeitschrift „Hameassef" (der Sammler) zur Hand zu nehmen, in welcher man nur höchst selten wissenschaftliche Artikel trifft. Zunz, Rappaport, Nachman Krochmal, S. D. Luzzato rc., diese haben die jüdische Wissenschaft unserer Zeit geschaffen und einer der gründlichsten und bedeutendsten Förderer derselben in unfern Tagen ist Herr I. H. Weiß, Lector am Beth hamidrasch, welcher am 14. d. M. seinen siebzigsten Geburtstag begeht. Wie wenige ist er auf dem Meere des Talmuds und der talmudischen Literatur bekannt und vertraut, bis auf die tiefften Tiefen hat er dieses Meer durchforscht. In der alten Schule großgezogen, hat er sich die moderne Methode angeeignet, mit kritischem Forscherfinn die Dinge zu prüfen und hat Resultate zu Tage gefördert, welche das jüdisch-wissenschaftliche Gebiet erweitern und neue Gesichtspunkte eröffnen. Zu schweigen von seinen Editionen des Sisre und der Mechilta; abgesehen von mehreren kritischen Untersuchungen, hat er sich durch das Werk: .Die Geschichte der jüdischen Tradition", von welcher bisher 3 Bände erschienen find, die bis zur Zeit des Abschlusses des Talmuds reichen, einen bleibenden Namen erworben. Herr Weiß schreibt seine Werke in hebräischer Sprache. Er schreibt klar, durchsichtig, verständlich und bietet die wissenschaftlichen Resultate in ansprechender Form. So sehr wir alles dieses in vollem Maße anerkennen und würdigen, so müssen wir doch in gewissem Sinne sagen, Herr Weiß schreibt seine Werke leider in hebräischer Sprache, und macht sie dadurch einem sehr großen Theile der Gelehrtenwelt unzugänglich. Wir möchten ein Moment hervorheben, welches bei den jetzigen Zeitläufen gewissermaßen ein actuelles Interesse hat. In Folge der antisemitischen Bewegung sind mehrere Männer, die Herz und Sinn für Juden und Judenthum haben, auf den Gedanken gekommen, eine Ethik des Judenthums abfassen zu lassen, um dadurch die Erhabenheit der jüdischen Religion nachzuweisen, und durch dieselbe - die ungerechten Anklagen und Verleumdungen unserer Feinde! und Gegner zu entkräften und diese eines Bessern zu belehren. Wir werden gewiß ein derartiges Werk, von wissenschaftlichem Geiste getragen, auf das Freudigste begrüßen, j Einen praktischen Erfolg versprechen wir uns jedoch, aufrichtig! gestanden, nicht; da mit verschwindend wenigen Ausnahmen j unsere Widersacher sich nicht belehren lassen wollen. Hin! gegen bietet Weiß im 24. Capitel des 3. Bandes der Ge-! schichte der jüdischen Tradition S. 297 eine Abhandlung über I Ethik des Judenthums, die an Klarheit und Knappheit nichts j zu wünschen übrig läßt.

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