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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-03 · Heft 10 (3.3.1885) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 10 (3.3.1885)
Date
1885-03-03
Page
Seite 151 (sequence 3)
Language
German
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15t eine Dichtung vor uns, aber sie ist durch und durch wahr.' Selbst das wird uns nicht verschwiegen, daß die Civilisation in ihrer Aeußerlichkeit nicht bessert, sondern verflacht. Es wird uns eine Familie vorgeführt, die, oberflächlich gebildet, aus der „Civilisation" nichts als Prunksucht und Luxus, Hoffarth und Genußsucht gezogen hat. So bietet uns die vorliegende Dichtung ein Gegenstück zum Deronda von Eliot. Dort ein Hinausstreben aus der Nationalität, in dem englischen Roman ein Zurückstreben in dieselbe; in beiden ein Borwiegen des Mystischen, das in Deronda befördert, im Ezofowicz bekämpft wird. Aber beide enden mit einem großen Fragezeichen. Deronda geht nach Palästina, wird er hier finden, was er sucht? Meier zieht in die Welt hinaus: wird er hier finden, was er erwartet? Wird die Klamme, die durch ihn in Sczybow aufgelodert, aus Mangel an Nahrung erlöschen, oder durchdringen und den finstern Horizont des Fanatismus und der Ungewißheit durchleuchten?... Wir haben eben hier einen noch unentschiedenen Kampf im Schooße des Judenthums. Um den Standpunkt zu bezeichnen, von welchem unsre Dichtung ausgeht, wollen wir noch einige Sätze aus den einleitenden Worten Herstellen: „Auf den Höhen der Civilisation laufen zusammen und einigen sich friedlich die verschieden gestalteten Aeste des großen Baumes, Menschheit genannt. Die Aufklärung ist der beste Apostel der allgemeinen Verbrüderung. Sie glättet die äußerlichen Unebenheiten, kürzt die üppig aufschießenden Eigenthümlichkeiten, gestattet den angeborenen vielfachen Unterscheidungszeichen der verschiedenen Stämme, sich in gegenseitiger Werthschätzung nebeneinander zu entwickeln, sie reinigt von Ausgeburten, die der veränderliche Laus der Zeiten mit sich gebracht, die Glaubensbekenntnisse, und indem sie sie auf ihren einfachsten Ausdruck zurückführt, läßt sie es geschehen, daß sie ohne Widerwillen und ohne gegenseitige Schädigung neben einander bestehen." „Anders verhält es sich in jener tiefen Weltentlegenheit, der das Licht der Aufklärung fern ist. Dort stehen die Menschen heute noch auf der Stufe, auf der sie vor Jahrhunderten gestanden. Die Zeit, die sich in Grabhügeln über ihre Vorfahren erhebt, hat nicht auch Form und Inhalt zu begraben vermocht, die in immerwährender Wiedergeburt begriffen, vor den Augen der staunenden Mitmenschen unfaßbare Anachronismen Hervorbringen. Dort bestehen scharfkantige Umgrenzungen, die Alles zurückstoßen, was nicht zu ihnen gehört; dort findet sich physisches und moralisches Elend, das kaum dem Namen nach denen bekannt ist, die auf den Höhen stehen. Dort sind die Sammelstätten jener dunkeln Erscheinungen, die vor dem Lichte der übrigen Welt zurückschrecken, und gleich den Sphinxgestalten als Schützerinnen der Gräber, in verknöchertem Festhalten an Glaubensformen, Empfindungen und Gebräuchen, durch ihr Bestehen schon kund thun, daß der Geist vieler Jahrhunderte gleichzeitig auf Erden zu walten vermag." Weiterhin heißt es: „Wie erstaunt wäre beispielsweise die israelitische Gesellschaft der Hauptstädte, die aus hochgebildeten, ja gelehrten Männern, welche ihrem Berufe nach an der Spitze aller geistigen Bestrebungen stehen, und aus Frauen, die in ihren Reizen, ihrem Geschmack und ihrem Geiste den auserlesensten weiblichen Erscheinungen anderer Gemeinschaften nichts nachgeben, besteht, wie erstaunt wäre diese Gesellschaft im schwarzen Frack und seidenen Schleppkleide, wenn ihr Jemand plötzlich zu erzählen anfinge, was Sczybow ist und was in Sczybow vorgeht." Die Uebersetzung aus dem Polnischen ist lobenswerth, die typographische Ausstattung vorzüglich und 26 charakteristische, dock nirgends carrikirte Illustrationen von M. Andriolli zieren das Werk. Rückblick auf die Kampfe -es letzten halben Jahrhunderts. VI. Biel drängten sie seit meiner Jugend mich. So spreche Israel, Biel drängten sie seit meiner Jugend mich. Doch überwanden sie mich nicht. Auf meinem Rücken pflügten Pflüger Und zogen ihre Furchen lang: Der Ewige, gerecht, zerschnitt der Frevler Seile. (Psalm 129.) Mit diesen Worten eines Psalmisten, etwa aus der Mitte des fünften Jahrhunderts vor d. gew. Zeitr., können wir auch unseren Rückblick auf die zweite Periode des von uns besprochenen Zeitraumes einleiten, dessen Hauptinhalt wir als den Kampf um die Erhaltung der Gleichberechtigung bezeichneten. Ties sahen wir schon im Jahre 1849 voraus, und betitelten eine Reihe von Artikeln (von Nr. 33, 1849 an): „Der Kampf um die Wahrung der Gleichberechtigung." Diese Gleichberechtigung war in dem Jahre 1848 in vielen Ländern wie die reife Frucht vom Baume, wenn ein Windstoß durch seine Zweige geht, rasch nach einander herabgefallen — als reife Frucht, die an dem Baume der Entwickelung längst gezeitigt war. Wie immer in der Menschheit auf eine starke Bewegung ein Rückschlag, auf eine Revolution eine Reaktion folgt; so auch diesmal. Wir brauchen hier die Ursachen nicht zu erörtern. In der Natur der Reaktion lag es aber, sobald , sie genug Kräfte gesammelt zu haben glaubte, dieses neue Staatsgrundgesetz, die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen, wieder zu verdrängen, oder sei es mit Gewalt oder durch List unwirksam zu machen. Man wollte die Standesvorrechte wieder Herstellen, und da waren dieJuden das nächste io*

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