Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1885)
- Date
- 1885-03-03
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227566--42440-3310997- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
150 Ungarn unbedingt anhängen, zu verdrängen und sie dem eigentlichen Judenthume wieder zuzuführen. Man sieht also, daß die Kämpfe im Schoße Israels selbst noch nicht zu Ende sind. Wir haben durch die Feder eines trefflichen Corresspondenten, des später in Bukarest zu so hohem Ansehen, zu einer so segensreichen Wirksamkeit gelangten sel. vr. Barasch, im Jahrg. 1839 und 1840 (von Nr. 109, 1839 an) in, einer Reihe von Artikeln das Wesen, die Wirkungen und den! ganzen Habitus des Chassidismus charakterisirt erhalten. Wir! müsien diejenigen, die sich darüber unterrichten wollen, darauf verweisen. Es mag seitdem in der äußeren Ausdehnung : der Herrschaft des Chassidismus sich Manches verändert haben. Dafür zeugen die verhältnißmäßig bedeutenden Zahlen der jüdischen Knaben und Jünglinge, welche auch im Osten die höheren Lehranstalten besuchen. Aber in den eigentlichen Heerden dieser geistig und materiell tief gesunkenen Sekte geht es noch heute wie vordem zu. Als ein beredtes Zeugniß, als eine treffliche Schilderung haben wir die vor Kurzem erschienene Erzählung zu betrachten: „Meier Ezofowicz. Erzählung aus dem Leben der Juden von E. P. Orzeszko. Einzig autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Leon hard Brixen. Mit 26 Illustrationen von M. Andriolli. Zweite Anflage. Dresden und Leipzig. H. Minden." — Die Erzählung versetzt uns in ein weltentlegenes Städtchen Sczybow, das fast nur von Juden bewohnt ist, und deffen Geschichte im ersten Kapitel erzählt wird, das wir in unserem Feuilleton wiedergeben. In diesem Städtchen standen sich seit Jahrhunderten zwei Familien gegenüber: die Ezofowicz und die Todros. Die erstere repräsentirt das weltliche Leben der Juden, Handel und Berkehr, Reichthum und jüdische Gesittung mit strenger Frömmigkeit verbunden, das patriarchalische Familienleben. Ihnen gegenüber stehen die chassidischen Rebbe's aus der Familie Todros, aus welcher in langer Reihe der Sohn nach dem Vater mit gleichem Glanze der Gelehrsamkeit und Askese den Rabbinersluhl von Sczybow einnahm. Diese repräsentiren die kabbalistische, dann chassidische Richtung mit ihnem heftigsten Fanatismus, mit all' ihrem Wahn- und Aberglauben, mit ihrer unerbittlichen Feindseligkeit gegen Alles, was nicht zu ihrer religiösen Fahne schwört. Diese Trodos waren vor alter Zeit aus Spanien eingewandert. Sie waren die Nachkommen jenes Meier den Todros Halevi Abulafia (1.180—1244), der noch bei Lebzeiten Maimunis heftig gegen diesen, besten Lehre und Schriften auftrat, und seines Neffen Todros den Joseph Halevi Abulafia (1234—1304) der so viel zur Verbreitung der Kabbala unter den spanischen und französischen Juden beigetragen. Ein Urahn der.Ezofowicz. Michael, der von Siegmund I. zum Aeltesten und Vorsteheraller Juden Weißrußlands und Litthauens ernannt worden, hatte den Gedanken gefaßt, seine Glaubensgenossen durch Anlegung von Schulen, Annäherung an die Civilisation und an das Volk, unter dem sie wohnen, aus den Banden der Finsterniß und des Elends zu befreien. Aber die Todros widersetzten sich ihm, und da sie die Maste beherrschten, mußte jener sein Bestreben aufgeben und legte seine Gedanken in einer Schrift nieder, die er in seinem Bücherschrank verbarg. Ein Enkel, Hersch Ezofowicz. desselben Geistes, fand sie aus, aber scheiterte ebenfalls an dem Widerspruch der Todros. Dessen Enkel Meier ist der Held der Erzählung. Er gehört der Gegenwart an. In diesem Jüngling, einem tüchtigen Talmudisten, erstand ein unwiderstehliches Verlangen nach Wissen und Erkenntniß, nach Bildung und Aufklärung. Der More Maimuni's war die Quelle, aus der er schöpfte. Um ihn schaarten sich einige Jünglinge von gleicher Gesinnung. Seine Sehnsucht ging dahin, die Masse seiner Glaubensgenossen über das wahre Judenthum, über ihr rechtes Heil und ein ganz anderes anzubahnendes Berhältniß zur übrigen Welt aufzuklären und sie dafür zu gewinnen. Ausgerüstet mit der Schrift seines Ahnen, tritt er vor die versammelte Gemeinde und redet zu ihr mit feuriger Begeisterung. Aber auch er fällt vor der unüberwindlichen Macht des Aberglaubens und des Fanatismus. Der Bann wird über ihn verhängt; er wird ausgestoßen und muß hinausziehen in die Welt, nach welcher er so viel Verlangen getragen. Wie' ein Gletscher fremde Körper, die in seine Spalten gefallen, ausstößt und fortträgt: so der Chassidismus den Jüngling, der ihn verabscheut. Doch der Sieg des Todros umschloß dennoch eine Niederlage. Das Volk war doch bei der Rede des Meier schwankend geworden; die Jünglinge, die Meier anhingen und ihn vor Mißhandlungen schützten, ohne es zu wagen, öffentlich auf seine Seite zu treten, waren zurückgeblieben. Das ausgestreute Samenkorn konnte unter günstigen Umständen keimen und aufschießen. Isaak Todros fühlte dies wohl und schwermüthig empfand er. daß seine Herrschaft erschüttert war. — Dies ist das Bild,-welches uns die treffliche Erzählung entwickelt. Die Figuren, die Sitten und Situationen werden ganz realistisch nach dem Leben gezeichnet und doch wird das Ganze vom höchsten idealen Geiste durchweht. Eine für einen christlichen Verfasser staunenswerthe Kenntniß des jüdischen Schriftthums, bei welcher wir jüdische Mithülfe voraussetzen wüsten, belebt die Schilderungen und läßt nur selten kleine Jrrthümer Vorkommen. Die Tragik in der Erzählung ist ergreifend, und wir bleiben bis zum Ende von Scene zu Scene gespannt. So trübe und düster das ganze Gemälde ausfallen mußte, so feblt doch der mildernde Geist nicht, und es herrscht eine j wohwollende, humane Gesinnung für Judenthum und Juden! vor. Die starken und die schwachen Seiten in dem Wesen! und Charakter dieser Masten und der in ihr hervortretenden j Figuren werden mit gerechtem Maße bemessen. Wir haben