Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-03-03 · Heft 10 (3.3.1885) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 10 (3.3.1885)
Date
1885-03-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227566--42439-3310996
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Allgemeine Zeitung des Audmthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. KXpeöition: Leipzig, Woßptcrtz 18. I» redaclioncllen Anqeleuenheiren wende man sich an Dr.L.Pknlivxs^n in Bonn direct, in allen übrigen an die BerlaaShandiung. Beilagen (Gebühr »2 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. Diese Heilung erscheint wöchentlich. Preis vrerteljahrig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Rr. lll) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. 49. Jahrgang. Leipzig, den 3. März 1885. JVo. 10. Inhalt. Leitende Artikel: Die Kämpfe in Israel. II. — Rückblick auf die Kämpfe des letzten halben Jahrhunderts. VI. — I. H. Weiß (zu dessen 70. Geburtstage). — Aus dem ungarischen Abgeordnetenhaus. III. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Fürth, Marienwerder. - Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Odessa. Turek. — Rumänien: Botuschan. — Bonn: Notizen. — Bonn, Turek: Literarische Notizen. — Feuilleton: Geschichte des Städtchens Sczybow. S-eitctvDe Gifitict. i Bonn, 25. Februar. Die Kampfe in Israel. ii. Wir haben im vorigen Artikel kurz erwähnt, daß in den mittel- und westeuropäischen Ländern der Talmudismus die Kabbala besiegle, während er in den Ostländern ihr zu einem bedeutenden Theile unterlag und aus ihr der Chassidismus entsprang. Es ist leicht zu erklären, aus welchen Ursachen dieses entgegengesetzte Resultat bewirkt wurde. Die stärkere Berstandcsentwickelung in den Juden der ersteren Länder, die sie umgebende Civilisation und die auch in ihre Masse eindringende Schulbildung schnitten der Kabbala die Wurzeln ab, so daß sie immer noch in einer gewissen Achtung, jedoch ohne Einwirkung auf das wirkliche und religiöse Leben bestand. Als nun erst die wissenschaftliche Forschung begonnen, wurde der Kabbala die Maske des vermeintlichen Alterthums abgerissen und hiermit blieb sie nur noch ein literarisches und kulturhistorisches Objekt der Gelehrsamkeit. In der That wird es jeder seines Judenthums bewußte Bekenner, wenn er sich mit der kabbalistischen Lehre bekannt macht, als ein Phänomen betrachten, daß sich einst die besten Köpfe in diesen Irrgarten versenkten und verloren. Anders aber lagen die Bedingungen bei unsren Glaubensgenossen im Osten. Trotz des Scharfsinns und des Witzes, mit welchem sie begabt waren, waren sie von lebhafter Phantasie, dabei umringt von uncivilisirten Völkerschaften, die dem Aberglauben und der krassesten Unwissenheit ebenso ergeben waren, wie sie, und dabei lebten sie zum großen Theile in weltentlegenen Gegenden, und meist in Städten und Städtchen, wo sie die Mehrheit ausmacbten. Ter Talmudismus war in ihnen erstarrt und gab ihrer bewegten Einbildungskraft keine Nahrung, kein Leben. Da wirkte die Kabbala fast wie erlösend aus sie und erössnete ihnen mit ihren grotesken Phantasmagorien, mit ihrer Hinneigung zum Wunder- und Zauberglauben eine neue geistige Welt. Dies wurde nun von ebenso fanatischen wie volkskundigen Köpfen für das Volk verarbeitet und zum Chassidismus umgestaltet. Es war dies eine populäre Entartung der Kabbala, die von der ticfgesunkenen Bolksmasse begierig ausgegriffen, ebenso weil geheimnisvoll und unverständlich verehrt, wie als Trost- und Hilfsmittel in den schweren Nöthen, die sie bedrückten, in dem großen Elend, in welchem sie schmachteten. Wie einst der Talmudismus die h. Schrift, indem er sie hoch und heilig hielt, doch überwand und aus dem Bewußtsein des Volkes verdrängte: so sieht der Chassidismus iurmer noch auf dem Boden des Talmudismus, hat ihn jedoch überwunden und verdrängt. In der chassidischen Sekte ist die Kabbala zu einem plumpen, realistischen Ding geworden, zu einer vollständigen Entstellung des Monotheismus, durch welche jeder ihrer Rebbe's ein Dalai-Lama ward, der durch seine Wunderthäterei und Weissagungen, durch seine schlauen Rathschläge, Talismane und Gebete das leidende Volk beherrscht, seine Sitten verdirbt, cs zum Genuß des Alkohol antreibt und großen Gewinn für sich daraus zieht. — Hier liegt dem Judenthume noch eine große Aufgabe vor, den Chassidismus aus dem Geiste der Millionen, die ihm in Rußland, Polen. Galizien und selbst in einem Theile von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.