Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1885)
- Date
- 1885-02-24
- Page
- Seite 146 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter diesem Schicksalsschlage brach die ohnehin traurige, ärmliche und überdies thatenlose Existenz der ehemaligen Bewohner von Szybow ganz zusammen. Die Nachkommen der Chazaren, die Ketzer, bildeten in der Gemeinde eine geringfügige Minderzahl, arm und verkommen, waren sie Gegenstand des Unwillens und der Zurückhaltung; so verließen sie denn mit hartnäckigem Festhalten an der Bibel im Herzen und ihren poetischen Legenden auf den Lippen, den Ort, der ihnen zeitweiliges Unterkommen gewährt hatte. So zerstreuten sie sich in die weite, freundlose Welt und hinterließen als geringfügige Spur ihrer mehr als zweihundertjährigen Anwesenheit in dem kleinen Städchen, mitten in den Tiefen Weiß- Rußlands, einige ausdauernde Familien, die die Anhänglichkeit an die Gräber ihrer Vorfahren und die Verehrung für die Ruinen ihres Tempels, der bei der Bezwingung durch die Raböaniten zerstört worden war und dessen Trümmern den Hügel deckten, an den Ort feffelte. Die Rabbauiten eroberten Szybow und machten es sich ganz zu eigen, aber man muß ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lasten, daß sie durch ihre Thätigkeit, ihre Willfährigkeit, durch gemeinsames Vorgehen und eine geradezu unerhörte gegenseitige Hilfbereitschaft, den einst verfallenen stillen Ort voll Trauer und Armuth in eine Stätte des Lebens und Handelns, des Verkehrs und Reichthums verwandelten. Im Allgemeinen ging es den Juden unter der Leitung ihres Seniors ganz gut. Außer den materiellen Bortheilen erblühte ihnen die Hoffnung auf Befreiung aus geistiger Finsterniß und ttefer Erniedrigung. Der Senior mußte einen klaren und scharfen Verstand besitzen, daß er über Jahrhunderte alte Vorurtheile und Gewohnheiten hinweg dem Geiste seiner Zeit und den Bedürfnisten seines Volkes Rechnung zu tragen verstand. Nicht aus religiösem Fanatismus, sondern aus rein administrattven Gründen, mit weitgehenden Zielen im Auge, stieß er die Karaiten von dem Anschluste an Israel zurück. Wiewohl ein Rabbanite. und daher zu unwandelbarer Verehrung und zu vollem Glauben an die religiösen Gebräuche verpflichtet, beschlich Skepsis, dieser richtigste und vielleicht auch einzige Weg zur Klugheit, seinen Geist. In einer seiner Eingaben an den König weist er in traurigem und sogar etwas ironischem Tone die Vorwürfe zurück, mit denen man der Gerechtigkeit seiner Urtheilssprüche nahe tritt'. „Unsere heiligen Bücher schreiben gar verschiedenes vor, wir wisten oft nicht, wie wir handeln sollen, wenn Gamaliel so, und Eleazar anders befiehlt. In Babylon ist die eine, in Jerusalem die andere Wahrheit. Wir folgen dem anderen Moses und die Neueren nennen ihn einen Ketzer. Ich fordere die Gelehrten auf, so kluge Dinge zu schreiben, daß die Verständigen und die Unverständigen sie gleichmäßig befolgen können." Es war dies zur Zeit, als im Westen zwischen den in Spanien und Frankreich ansässigen. Juden sich großer Streit erhob, ob es den Bekennern des Talmud und der Bibel gestattet sei, weltliche Gelehrsamkeit zu erwerben. Die Mei. nungen schwankten, jedoch nicht lange. Diejenigen, die Israel von geistiger Arbeit im Dienste der Wistenschaft und der Theilnahme an allgemein menschlichen Zielen fern halten wollten, bildeten eine gewaltige Mehrheit. Für jegliche Gemeinschaft kommen Zeiten geistiger Blindheit und geistigen Verfalls. Es geschieht dies am öftesten, wenn Lebensfähigkeit und Energie der Völker durch vieles Dulden und Arbeiten erschöpft, durch Sttöme vergossenen Blutes entkräftet ist. Die Juden des Westens befanden sich im XVI. Jahrhundert in einer ähnlichen Zeit. Hatten sie doch Jahrhunderte lang in trostloser Furcht, in der Verbannung, zwischen Blut und Feuer gelebt. Weit hinter ihnen lagen jene Zeiten, wo aus ihrer Mitte weise Aerzte voll weltlicher Gelehrsamkeit hervorgingen, verehrt von ihren Mitmenschen, von Königen hochgeachtet; weit hinter ihnen, halb vergessen, halb verachtet, lag der weise nnd aufgeklärte Geist des Maimonides, der, ohne die schuldige Ehrfurcht gegen israelitische Rechtgläubigkeit zu verletzen, die Weisen Griechenlands hoch verehrte; der die Lehren der Bibel und des Talmuds auf mathematische und astronomische Wahrheiten zu gründen und stützen versuchte; der offen den heißen Wunsch bekannte, die 2500 Bogen des Talmud in einen Band voll Aufklärung zu vereinen, der aller religiöser Verdunklung zum Trotz frei erklärte, die Augen seien dem Menschen vorn, nicht rückwärts gegeben, damit er vor sich sehen könne, und es vorhersagte, daß vie Welt sich so mit Wisten füllen werde, wie die Tiefen des Meeres mit Wasser angefüllt sind. Vier Jahrhunderte sind dahingegangen, seitdem vom Erdboden die ehrwürdige, ernste, sanfte und durchaus sympathische Gestalt des israelitischen Denkers verschwand, welcher überdies als der bedeutendste Denker des Mittelalters bezeichnet werden kann. Dem Riesen mit dem Adlerblick und dem glühendem Herzen folgten die Zwerge voll Bitterniß und Müdigkeit, den trüben, beengten, argwöhnischen Blick auf die Welt gerichtet. „Hüte dich vor der Weisheit Griechenlands", sprach zu seinem Sohne Joseph Ezobi, denn sic ist dem Weinberge Sodoms ähnlich, sie füllt den Geist des Menschen mit Trunkenheit und Sünde." „Fremde drängen sich in die Thore Zions", ruft Abba- Maria, als er erfährt, daß die Jünglinge Israels bei andersgläubigen Weisen lernen. In voller Uebereinstimmnngbeschließen Rabbinen und Vorsteher der jüdischen Cultusgemeinden im Westen und sprechen es als Gesetz aus, daß Niemand vor zurückgelegtem 30. Lebensjahre sich der weltlichen Lehre zuwenden dürfe. „Nur derjenige", sagen sie, „der seinen Geist an der