Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1885)
- Date
- 1885-02-24
- Page
- Seite 145 (sequence 13)
- Language
- German
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resp. Nordtoesten drängte, und die dem feudalen Druck in in Deutschland entfliehenden Deutschen, welche sämmtlich einen nicht unbedeutenden Prozentsatz Juden mit sich führten. Als Beweis, daß unter den erstgenannten Völkern sich Juden befanden, führte der gelehrte Redner an, daß es historisch feststeht, daß zu einer Zeit, da die Bulgaren, ein den Genannten verwandtes Volk, den Wein aus den Schädeln ihrer Feinde tranken, schon jüdische Sendboten als Missionäre das Land durchzogen. Aus dem 15. Jahrhundert zählte Redner mehrere hochangesehene Würdenträger des moskowitischcn Staates auf, von denen es authentisch ist, daß sie zum Judentbum bekehrte Moskowiter waren, unter diesen der Archimandrit Josimos Metrop. von Moskau i. I. 148'.», ebenso ein Solm Ivan 111., seine Schwiegertochter Helene, der Kanzler Uri sin u. s. w. — Vergebens kämpfte die Kirche gegen Ausbreitung des Judenthums, der Erzbischof Genadius wollte auf Rath des deutschen Gesandten sogar die Autodafes cinbürgcrn, doch bevor er dazu kam, ward er wegen Simonie abgesetzt. Ebenso klagt 1539 Sicgismund II. von Polen über die Zunahme von Proselyten. Aber nicht schwallweise kamen die Juden nach Polen, sondern während 4 Jahrhunderten immer einzeln. Redner führte den Nachweis, daß das Judenthum keinem Bolksgeist mit mehr Sympathie sich angeschlossen, als dem der Germanen; denn beide haben dem religiösen Trieb alle Lebenselemente untergeordnet, beide haben von Gott und Treue gleiche Begriffe, bei beiden sind Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Gewiffenhaftigkeit Nationaltugenden. Darum haben auch die Juden, als sie gezwungen wurden, Deutschland zu 145 verlassen, die Deutschen und das Deutschthum nicht verlassen. Daher wir noch heute deutsche Sitte und deutsche Sprache unter den Juden Polens finden. Wer die Verbreitung des Magdeburgischen Stadtrechts mit der Verbreitung des jübischen Volkes unter den Slaven vergleicht, wird finden, daß beide sich decken. In gleicher Weise, wie unter den Deutschen Polens, blühten Handwerk und Handel auch unter den dortigen Juden, und seit der Unterdrückung des Deutschthums in Polen, am Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts, datirt auch der Fall und Verfall der Juden, welche durch ihre (deutsche) Sprache von den geringen Culturf'ortschritten der Polen von selbst ausgeschlossen, durch strenge einschränkende Gesetze von der außerpolnischen Eultur abgeschlossen wurden. — Wenn der zur Bequemlichkeit und zum Verschwenden neigende polnische Edelmann dem Juden die Abwickelung seiner Geschäfte überließ, so fuhr der Pole dabei am besten, der Jude aber wurde durch diesen Umgang moralisch tief geschädigt. Und nur seinem strengen Glauben und seinen tief ethischen Religionssatzungen hatte der Jude es zu verdanken, daß er allein in der Mitte allgemeiner Rechtslosigkeit die strengen Formen des Rechts und gesitteter Rechtsordnung sich bewahrte. Und wenn schließlich ein großer Theil der Juden unter den Slaven dazu kam, Religion und Eultus vom Gewissen zu trennen, so hatte der Keim hierzu in den slavischen Lasterhöhlen seine Geburtsstätte. — Unter anhaltendem Applaus schloß der Redner seinen interessanten; Vortrag. Ieuil Geschichte -es Städtchens Sczybow. (Aus der Erzählung „Meier Ezofowicz" von E. P. Orzeszko, aus Dem Polnischen übers, von L. Brixcn.) (Fortsetzung.) Dies war der erste Ezofowicz, dessen Name aus dem Dunkel der Zeiten leuchtend hervortritt. Sein Geschlecht seit vordenklichen Zeiten in Polen ansässig, gehörte zu jenen, welches unter den Jagellonenkönigen, unter dem Einflüsse von Rechten und Gewohnheiten, die der ungewöhnlich hohen Aufklärung Polens in jenen Zeiten entsprangen, enge und freundschaftliche Bande mit der anderen Bevölkerung verknüpften. König Sigmund I. ernannte ihn mittelst Diplom zum Aeltesten oder Senior über alle Juden Weiß-Rußlands und Litthauens. Die bedeutendste Stelle dieses Diploms lautete wie folgt: „Wir, Siegmund, von Gottes Gnaden etc., thun der ganzen unser Land bewohnenden Judenschaft kund und zu wissen: In Berücksichtigung der großen Verdienste des zzuden 1 c t o u. Michael Ezofowicz und vorsorgend, daß Ihr in Euren Unterhandlungen mit Uns keinen Schaden und keine Ver säumniß der Rechtsprechung erleiden wöget, beschließen Wir, daß Michael Ezofowicz alle Eure Rechte vor Uns vertrete und Euch allen als Aeltester vorgesetzt sei, Ihr Euch aber nur durch seine Vermittelung an Uns zu wenden habt, ihm aber in Allem und Jedem untergeben sein müßt. Er wird über Euch herrschen und Euch richten nach Eueren Gesetzen, wird mit Unserer Genehmigung die Schuldigen strafen, je nach Verdienst." Aus den Schilderungen, mit denen die Geschichte seiner Erwähnung thut, erkennt man in dem Senior leicht den Mann von kräftigem und energischem Willen. Mit fester Hand erfaßte er die ihm anvertraute Führung seiner Glaubensgenossen, doch diejenigen, die sich ihm nicht unterwerfen wollten, insbesondere die Karaiten, that er in den Bann, der sie aussonderte aus der Gemeinschaft der Juden und ihnen 'das Recht auf gegenseitige Hilfe und Unterstützung benahm.