Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-24 · Heft 9 (24.2.1885) · p. Seite 144

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 9 (24.2.1885)
Date
1885-02-24
Page
Seite 144 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227565--42433-3310989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

144 Zahl der Knabenschulen beträgt jetzt 32 mit einer Schülerzahl von 6256 Schülern und 17 Mädchenschulen mit 2624 Schülerinnen, zusammen 49 Schulen mit 8880 Zöglingen.! Dieselben erfordern jährlich Frcs. 620408, wovon die Alliance 260000 trägt. Mit diesen Schulen sind häufig Handwerkslehranstalten verbunden, und die Ackerbauschule zu Jaffa entspricht immer mehr den gehegten Erwartungen. Die Zahl der Mitglieder, welche bis jetzt fortwährend gestiegen ist, beträgt gegenwärtig 30 310, von denen fast die Hälfte Deutsche sind, nämlich 14 477; es kommen auf Preußen 8887 und auf Bayern 2522, die übrigen vertheilen sich auf die anderen Staaten des deutschen Reiches. England und seine Colonien zeigen nur 50 Mitglieder, Oesterreich 157, dagegen Ungarn 1935. Die Ursache der geringen Mitgliederzahl in England liegt wohl an dem Bestände der Anglo-Jewish Association, sowie die geringe Betheiligung in Oesterreich an dem Bestände der Wiener Allianz. Frankreich und seine Colonien zählen 4789 Mitglieder, was zum Berhältniß der jüdischen Bevölkerung recht bedeutend ist. Außerdem zeichnet sich die europäische Türkei durch 1936 Mitglieder aus. Jedenfalls geht daraus hervor, daß die Propaganda für die Alliance noch einen recht weiten Spielraum hat. Die eigentlichen Einnahmen beziffern sich gegenwärtig auf ea. Frcs. 250 000, wozu jedoch die aus den Beiträgen der Anglo-Jewish Association und der Gründung des Baron Hirsch fließende Vermehrung kommt. Diese Einnahmen sind nach dem Maßstabe der Leistungen ungenügend und würden bedeutende Deficits zu Tage treten, wenn nicht die Freigebigkeit des Baron Hirsch dieselben deckte. Um so nothwendiger ist es, daß durch das Wachsthum der Mitgliederzahl und die Erhöhung der Bei-| träge die Erfordernisse für den Bestand und die Wirksamkeit! der Alliance weit mehr gesichert werden. Mögen dies Alle j bedenken, in deren Kräften es steht, zu diesem großen Zwecke! beizutragen.! Bonn, 15. Febr. (Notizen.) Aus Wien wird uns! geschrieben: Einer der besten Hebräisten unserer Zeit, Herr Peter Smolensky, der Herausgeber der Monatsschrift „Haschachar", ist den 1. d. M. im 43. Lebensjahre in Meran gestorben. Sein dreibändiger hebräischer Romalt „Hatoeh" wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Er hinterläßt fünf unmündige Kinder in bedrängter Lage. — Aus Pest wird uns geschrieben: Rabbiner Moses Bloch, Professor am hiesigen Landes-Rabbinerseminar, feierte am 5. d. M. im Kreise seiner Familie und unter der Theilnahme seiner Professoren- Collegen und Schüler sowie seiner Freunde seinen 70. Geburtstag. — Aus Landsberg a. d. W. wird uns mitgetheilt, daß der seit 1864 daselbst fungirende Rabbiner Herr Dr. W. Klemperer einstimmig von der Gemeinde zu Bromberg zum Rabbiner gewählt worden. Sein Abgang von hier wird auch in außerjüdischen Kreisen bedauert, da er in den letzten Jahren öffentliche Vorträge über literarische und kunstgeschichtliche Gegenstände hielt, welche vielen Beifall fanden. Hamburg, im Januar. (Literarische Notizen.) Den vierten in dem Cyelus von Vorträgen zur Verbreitung der Wiffenschaft des Judenthums hielt Herr Professor Dr. Caro, Breslau, über „die Juden unter den Slaven." Durch streng historisch-kritische Behandlung des Stoffes, welche außerdem, durch eine glänzende Sprache und äußerst intereffante Darstellung unterstützt, das zahlreich erschienene Publikum fesselte, hat sich der Redner ein nicht unbedeutendes Verdienst um die Geschichte der Juden erworben und im Jutereffe dieser wäre es sehr wünschenswerth, wenn Herr Professor Caro das beregte Thema, vielleicht in Form einer Monographie behandelt, der größeren Oeffentlichkeit übergeben würde: Es ist, führte der Redner aus, eine allgemein verbreitete Meinung, daß die Ursache des so sehr zahlreichen Vorkommens von Juden in dem Gebiete des ehemaligen polnischen Reiches darin zu suchen sei, daß die religiöse Toleranz und der Großsinn der polnischen Nation dem Juden willig ein Asyl | bot in Zeiten, da germanische Herzenshärte Massenverfolgungen j der Juden in Deutschland ins Werk setzte und der verfolgte! Jude an die slavische Gutmüthigkeit des Polen nicht vergeblich appellirte. Dieser Dichtung fehlt aber die Wahrheit ebenso sehr, wie der weit verbreiteten Legende von einer Jüdin Eszterka, welche Kasimir d. Gr. zum Judenfreund gemacht haben soll und dem noch bekannteren Märchen von dem Juden Saul, welcher für die Dauer einer Nacht (als Schattenkönig) König von Poken gewesen sein soll. Die Esterkalegende taucht erst im 14. Jahrhundert auf, die zeitgenössischen Historiker wiffen nichts von ihr, und ähnlich verhält es sich mit dem Psendokönlg Saul. — Auch die zum Schutze der Juden erlaffenen Gesetze waren nicht Producte polnischen Geistes, sondern Plagiate, wie z. B. das 1334 erlaffene Judenstatut zum Schutze derselben vor Mord ein schwacher Abklatsch ähnlicher Erlaffe Friedrich des Streitbaren, König Belas von Ungarn, Heinrich II. Beleslav d. Frommen und Art. 7 Buch 3 des Sachsenspiegels. Wenn vielfach das Vorkommen poli nischer Brakteraten mit jüdischen Charakteren dafür angeführt! wird, daß die Juden sich des besonderen Wohlwollens der! Polen zu erfreuen hatten, so sagt dies weiter nichts, als daß; den Polen auch jüdische Münzmeister, wenn sie keine befferen! fanden, nicht unwillkommen waren. Nicht slavische Toleranz i veranlaßte die Anhäufung von Juden in den slavischen j Ländern, sondern die daselbst durch den Zufall herbeigeführte! Mündung zweier Bölkerströme, welche Juden mit sich führten.! Es war dies zunächst der Borstoß der Hunnen, Äraren, Cha-! zaren, Kosaken und ähnlicher interessanter Nationen, die seit Idem 4. Jahrhundert aus dem Südosten nach dem Norden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.