Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1885)
- Date
- 1885-02-24
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
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138 zahlreichen Gemeinden in Europa und Nordafrika überschaut, die bereits vor der Zerstörung Jerusalems bestanden ss. z. B. Apostelgeschichte^, kann diesen Worten nicht beistimmen.) „so fingen die Ueberfiedelungen in großen Mafien doch erst am Ende des ersten Jahrhunderts nach Ehr. Geb. an; späterhin verbreitete sich jedoch ein Theil derselben über Gallien, England, Holland, Deutschland und über andere Länder. Endlich fiedelte ein großer Theil der spanischen Juden im 15. Jahrhundert in Folge der Verfolgungen nach der Balkanhalbinsel über, wo sie bis jetzt noch unter dem Namen „Spanguoli" bekannt sind und sich ethnographisch und zum Theil auch in religiöser Hinsicht von den übrigen Juden der Türkei unterscheiden." (Also unterscheidet Herr Jkow doch selbst zwischen den Spaguolen und den anderen türkischen Juden — bei seinen Schädelmeffungen achtete er nicht darauf, und dock wäre dies für ihn sehr wichtig gewesen!) „Biel früher, das heißt schon im 7. Jahrhundert vor Chr. Geb., waren die Juden sehr zahlreich in Babylonien und in Kleinasien, ebenso auch im südlichen Theile Transkaukasiens (Armenienverbreitet; in den nächsten Jahrhunderten erscheinen sic in Persien, Transkaukasien, Kaukasien, daraus schon in Chasarien und überhaupt im Gebiete des Kaspischen und Schwarzen Meeres (6. und 7. Jahrhundert nach Chr. Geb.) und endlich in Kiew (10. und 11. Jahrhundert), im ganzen Südwesten und Nordwesten Rußlands, in Litthauen (12. Jahrhundert) und in Polen, wo sie im 12. bis 14. Jahrhundert mit der Bewegung der Juden aus Westeuropa Zusammentreffen. Obgleich man mit Genauigkeit, nach der Meinung des Herrn A. Harkawy, die direkte Abstammung dieser zweiten Bewegung nicht feststellen kann, so hält er dennoch die Facta für genügend, um zwei vollständig verschiedene und auch in verschiedener Zeit vorgefallene Erscheinungen der Uebersiedelung und Verbreitung der Juden in Europa festzustellen: 1. Die erste Bewegung der Juden findet aus Palästina ins Gebiet des Mittelländischen Meere» und späterhin nach Westeuropa statt (die sich am reinsten erhaltenen Nachkommen dieser sind die „Spanguoli"). 2. Die zweite — kommt augenscheinlich aus Kleinasien, Babylonien, Transkaukasien, Kaukasien — nach dem Gebiete des Kaspischen und Schwarzen Meeres und nach Rußland." — So weit die Ergebniffe des Herrn Harkawy. Wir können denselben unter gewissen Einschränkungen beistimmen. Daß von Jnnerasien aus eine Einwanderung von Juden an die Küsten des Kaspischen und des Schwarzen Meeres und in die kaukasischen Länder stattgefunden, und daß sie sich im südöstlichen Rußland verbreitet hatte, ist nach allen von ihm gesammelten Nachrichten nicht zu bezweifeln. Sie muß frühzeitig stattgefunden haben, da die betreffenden Juden ohne alle Kenntniß der Tradition geblieben, und es erst der karäischen und rabbanitischen Sendboten bedurfte, um sie um 07 nach d. gew. Zeitr. damit bekannt zu machen. Gerade dieser Umstand bezeugt aber auch, daß sie nicht allzu zahlreich gewesen sein müffen, weil sie sonst nicht so lange der Aufmerksamkeit der Rabbaniten entgangen sein würden. Mit dem Aufkommen des Chazzarenreiches haben sich diese Juden nach Nordwest wohl ausgebreitet; aber mit dem Ansturm der Russen gegen dasselbe wurden sie wieder nach Süden verdrängt, so daß sie auf die jüdische Bevölkerung der eigentlich russischen und polnischen Provinzen keinen oder nur sehr geringen Einfluß geübt haben. Denn, wenn man nach der Herkunft der russischen und polnischen Juden frägt, so kann nur ein Grund entscheidend sein, nämlich die Sprache. Wie sollte diese auch gerade hier keine Bedeutung haben? Das ganze Bauwerk der Raffenunterschiede erhebt sich auf der Unterlage der Sprachenverschiedenheit. Die Sprache entscheidet in den Fragen über die Abstammung der Völker, und auf diesem Grunde umschließt eine Völkerfamilie z. B. die Inder und die Isländer, und werden andererseits Perser und Araber als verschiedenen Stämmen entsprossen von einander getrennt. Wie sollte nun die Sprache bei den Juden kein entscheidendes Moment über ihre Herkunft ausmachen? Gerade bei den Juden hat sich eine zähe Anhänglichkeit an die Sprache, die an ihrem ersten Ansiedelungsherde gesprochen wurde, bewährt. Aus der iberischen Halbinsel wurden Juden vertrieben, solche, die unter der maurischen, und solche, die unter der castilischen Herrschaft gelebt. Die erste-- reu nahmen ihre arabische Sprache mit sich und ihre Gelehrten schrieben auch in fernen Ländern ihre Werke arabisch, wenn auch mit hebräischer Qnadratschrift, z. B. Maimonides in Egypten. Die castilischen Juden bewahrten, obschon sie sich in sehr verschiedene Länder flüchteten, die castilische Sprache. Nicht blos die Spaguolen in der Türkei; die sogenannten portugiesischen Juden in Amsterdam verfaßten noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts Schriften in spanischer Sprache, und wir sahen noch vor einigen Jahrzehnten in den Händen solcher Juden die Gebetbücher mit spanischer Uebersetzung. Sehen wir nun auf die polnischen und russischen Juden, so sprechen sie noch heute — deutsch, wenn auch im Jargon, und tragen, wenn sie auswandern, diesen ihren deutschen Dialekt mit sich nach Jerusalem wie nach Amerika, l Sie unterscheiden sich dadurch von den kaukasischen Juden! und von denen in der Krim, so weit sie dort noch wohnen.! Dies entscheidet über die Herkunft der polnischen und russi-! scheu Juden: sie sind von Westen gekommen, und gab es | bei ihrer Einwanderung noch kleine Reste solcher, die von! Südosten gekommen, so assimilirten sie dieselben. Wären die j westlichen Einwanderer geringzähliger als die ftüheren jüdi! schen Einwanderer gewesen, so würde die Scheidung sicher! sortbestanden, und die deutsche Sprache würde die Grenzlinie zwischen beiden mitten in Rußland und Litthauen bewahrt