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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-24 · Heft 9 (24.2.1885) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 9 (24.2.1885)
Date
1885-02-24
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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135 Versuche einiger Eiferer scheiterten stets an dem gesunden Sinn der jüdischen Masse. — welches die jüdische Religionslehre völlig entstellte, insgeheim , gründeten Institutionen sind auch für die Reform soweit dem Talmudismus allen Werth entzog, ebenso jeder vernünf-: fundamental, als sie mit den Bedürfnissen der Zeit und mit tigen Anschauung Hohn sprach und schließlich auch in Zauberdem Wesen der Religion übereinstimmen. Der Kampf dreht formeln und praktischer Wunderthuerei das Heil suchte, sich hier also um die Frage: ob überhaupt und inwieweit Trotzdem die strenggläubigen Talmudisten in diesem Verderbeine Verbindlichkeit auf die talmudischen Satzungen bestehe? lichen Aberglauben einen gefährlichen Feind erblicken mußten ob und in wieweit diese einen integrirenden Theil des Ju- und deshalb den Trägern der Kabbala namentlich in ihren denthums ausmachen? Dieser Streitpunkt wird bald heftispäteren Ausläufern den Krieg erklärten, so fanden sich doch ger, bald mäßiger ventilirt und hat in einigen Orten eine unter ihnen viele, welche Talmud und Sohar, da sie auch Spaltung der Gemeinden hervorgerufen, ohne jedoch die jüdiesen für alte Ueberlieferung hielten, neben einander bedische Gemeinschaft in Frage zu stellen. Die desfallsigen stehen ließen und sich ruhig mit beiden beschäftigten. Der Kampf erneuete sich aber durch das Auftreten des Sabbathai Zwi, bis er in dem bekannten Streite zwischen Jonathan Eibenschütz und Jakob Emden, in welchem selbst die weltliche Macht beansprucht wurde, seinen Ausgang fand. Doch nur in den civilisirten Ländern war es, wo die bald hereiubrechende Geifiescultur den kabbalistischen Unsinn in den Hintergrund und in Vergessenheit brachte. Anders in den östlichen Ländern, wo die Kabbala der chassidischen Sekte den Ursprung gab, die sich mit finstern: Wunder- und Aberglauben eines großen Theils der jüdischen Bevölkerung bemächtigte und, ohne sie ganz dem Talmudismus oder der Gemeinschaft zu entziehen, doch zu eigenartigem Ritual und schlimmen Sitten verleitet. Der Talmudismus allein kann sich in jenen Gegenden des Chassidismus nicht erwehren. Heilung können hier nur ein befferer Volksunterricht und geistige Bildung herbeiführen. In vielen einzelnen Geistern vollzog sich auch dort dieser harte Kampf, konnte jedoch nicht aufkommen. Wer ihn in seiner Brust hegte, mußte entweder still ausharren oder, trat er damit hervor, wurde er unterdrück: und ausgestoßen. Aus diese Reihe von Kämpfen blicken wir heute von: Standpunkte der Reform des Judenthums zurück. Der Kampf gegen die unbedingte Herrschaft des Talmudisiuus über das ganze jüdische geistige, wie materielle Leben hat sich erneut. Aber wenn einst daS Volk selbst für den Pharisäismus gegen das Sadducäerthum und Karäerthum entschied: so hatte es gegenwärtig denselben Gang gegen den Talmudismus eingeschlagen. Nicht von den modernen Lehrern des Judenthums ging die Negation aus, und Mendelssohn nahm unlleder die Abkarnmuugsverhältuilse der Juden, ii. Die zahlreichen und wichtigen Entdeckungen und Erfindungen, die in der neueren Zeit gemacht worden, sowie die Ausbildung der Kritik haben die Sucht hervorgebracht, überall die bisherigen Ansichten und Annahmen zu beseitigen und durch neue zu ersetzen. In der That ist es auch auf dem Gebiete der Geschichte gelungen, durch Ausschließung und Benutzung bisher unbekannter Quellen, Urkunden und Denkmäler, durch gründlichere Sprachkenntniß und glückliche Combination viele Berichtigungen, der Wahrheit gemäßere Vorstellungen und Urtheile zu schaffen, den Zusammenhang der Ereignisse klarer nachzuweisen und eine Menge überlieferter Fabeln zu verdrängen. Aber gerade diese glücklichen Resultate riefen eine Hypothesensucht hervor, einen allzu starken Wettlauf nach entgegengesetzten Anschauungen zu den bisher giltigen, nach abenteuerlichen „Rettungen", und man gewöhnte sich allzu sehr, neue Combinationen, selbst wenn nur scheinbare Gründe dafür anzuführen waren, als allein richtig und fest begründet auszugeben. Dies mahnt zur Vorsicht. Vor offenbaren und gründlich erwiesenen Thatsachen die Augen darum zu verschließen, weil sie alt überlieferten und zum Theil lieb gewordenen Ansichten widersprechen, wäre ebenso unfruchtbar wie thöricht. Andrerseits aber gilt cs, gefähr dieselbe Stellung ein, wie einst Maimonides ohne an! jede neuere Behauptung eifrig zu untersuchen und die Mvdiesen an Geist und Leistungen hinanzureichen: sondern im! mente, die für oder gegen sie sprechen, gründlich zu erörtern. Volke selbst, in immerfort sich mehrenden Individuen ging l Ties hat auch den guten Erfolg, daß derartige neue Andie Lossagung von den talmudischen Satzungen vor sich. Als j nahmen noch einmal und abermal selbst von ihren Urhebern Beweis hierfür dient. daß die osficielle Reform zuerst im! und Anhängern geprüft und vertheidigt werden müssen, und Cultus auftrat und man lange Zeit die abgeschlagenen! erst auf diesem Wege kann man der Wahrheit näher kommen Neuerungen in ihrer Zulässigkeit aus dem Talmud selbst zu demonstriren suchte. Bon einer Rückkehr zu dem sadducäischen und karaitischen Standpunkte kann nicht die Rede sein. Der Talmudismus bleibt auch für die Reform das unentbehrliche historische Mittelglied und die von diesen: ge- Bon diesem Standpunkte aus mögen wir auch den historischen Theil der Jkow'schen Abhandlung „NeueBeiträge zur Anthropologie der Juden" etwas näher ins Auge fassen. Fuhren wir zunächst seine immerhin intereffante Darstellung wörtlich an.

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