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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-24 · Heft 9 (24.2.1885) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 9 (24.2.1885)
Date
1885-02-24
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 der ihm durch diesen auferlegten Satzungen und Lebensnormen die Befriedigung seines religiösen und nationalen Bewußtseins. Mit dem Falle Jerusalems, mit dem Ende des nationalen Bestandes, hörte deshalb dieser Kampf auf, indem der Sadducäismus nicht mehr als eine gegliederte Partei bestehen konnte, sondern nur noch in Auffassung und Ansicht Einzelner übrig blieb und sich dann und wann in Schriften und Handlungen kundgab. Die dogmatische und religiösgesetzliche Gegnerschaft hörte nicht auf; die Erkenntniß des Schriftwortes mit Mißachtung des Talmudismus, die Richtung auf andere Wissensgebiete batte doch keine Trennung von der jüdischen Gemeinschaft, kein Aufgeben der jüdischen Interessen und Bolksbestrebungen zur Folge, sondern wie früher Pharisäer und Sadducäer brüderlich vereint waren! in den ruhmreichen Makkabäerkämpfen, in dem Widerstreben j gegen das Christenthum, in den letzten Kämpfen gegen die, römische Weltherrschaft: so auch in der Saboräer- und ersten j Gaonenzeit (bis ca. 760), gegenüber den schweren Leiden unter den persischen Königen und den ersten Bekennern des Islam und bei den grausamen Bedrückungen im byzantinischen Reiche.') Jndeß hörten die Reibungen nicht auf, namentlich auch um die Bocalisirung und Accentuirung der h. Schrift, das sogenannte Nikkud. Auf diesem Grunde nun trat 761 Anan mit einem gegen den Talmudismus gerichj teten vollständigen System auf, das sowohl in dogmatischer! als in gesetzlicher Hinsicht und in den Cultusformen sich vom Talmudismus lossagte und eine Sekte bildete, welche! den Namen Karäer erhielt. Aber mit dieser Scheidung des! Karäerthums vom Talmudismus war auch der Sieg des letzteren entschieden, und gewann durch Sendboten und auswandernde Gelehrte in den Gemeinden selbst der entlegensten Länder die unbedingte Herrschaft. Eine Zeit lang wurden noch heftige Streitschriften zwischen den Rabbaniten und den Karäern gewechselt. Aber auch diese Polemik erlosch und jeder Zusammenhang ging verloren. — Jndeß diese dominirende Stellung, welche der Talmudismus innerhalb des Judenthums einnahm, schloß doch bedeutende Kämpfe auf seinem eigenen Boden nicht aus. Von zweien Seiten erstanden ihm Gegner aus seiner Mitte, die ihn in seiner Herrschaft bedrohten. Bon der einen Seite mußte der Drang des menschlichen Geistes nach Erkenntniß und vernunftgemäßer Vorstellungsweise bei steigender Geisteskultur sich immer wieder Bahn brechen. Es erstand die Religionsphilosophie, welche die Lehren der Religion philosophisch aufzufassen, zu systematisiren und mit der Philosophie zu vereinbaren sucht. Neuere Forschungen haben aufgedeckt, in wie weit größerm Maße als früher vermeint wurde, die 1) Bgl. Geschichte des Äarärrlhums von Julius Fürst (Leipzig Lortk, iStiZj Bd. 1. Äbjchu. 1. religionsphilosophischen Bestrebungen und Arbeiten innerhalb des Judenthums sich ausgedehnt haben. Dennoch gipfeln sie für jene Zeiten in Maimonides. Es war eine eigenthümliche Stellung, die dieser hochbegabte Mann innerhalb des Judenthums einnahm. Mitten in dem Kampfe, welchen der Islam und das Christenthum mit einander und gegen das Judenthum führten, sowie mit den eifrigen religionsphilosophischen und rationalistischen Bestrebungen, die zu seiner Zeit den Islam beherrschten, wohl vertraut, gewahrte er die Verwirrung, Zerfahrenheit und Gestaltlosigkeit, die damals im Judenthum bestanden. Er setzte sich deshalb das Ziel, ihm in gesetzlicher, dogmatischer und religionsphilosophischer Beziehung eine gewisie Festigkeit und Concentration zu schaffen. Dies führte er in halachischer Beziehung durch seine Jad hachasakah und seinen Mischna-Commentar, und in dogmatischer durch die Aufstellung von dreizehn Glaubensartikeln aus, sowie er die philosophische Bearbeitung im More Nebuchim und anderen kleineren philosophischen Schriften anstrebte. Es versteht sich von selbst, daß er in den beiden ersten Punkten sich streng an den Talmudismus hielt, während er auf dem philosophischen Wege sich freier bewegte und obschon er dem Talmud nicht widersprach, doch Pfade beschritt, die fern von demselben lagen. So großes Ansehen deshalb seine halachischen Arbeiten gewannen und sich durch die Jahrhunderte hindurch erhielten: so fühlten doch die Orthodoxen bald heraus, wie diese philosophischen Bestrebungen die höchste Gefahr für den noch unerschütterten Autoritätsglauben bargen. So erhoben sich erbitterte Kämpfe zwischen der Orthodoxie und der Religionsphilosophie, die sich in den nächsten zwei Jahrhunderten immer wieder erneueten, bis sie in der Zeit Salomo's ben Adereth zur höchsten Heftigkeit entbrannten und die förmliche Unterdrückung der Wisienschaft durch Bann und Verfolgung erwirkten (1305). Gewiß würde dieser Kampf noch lange fortgedauert haben, da ja der Orthodoxie keine weltliche Mackt zur Seite stand, wenn nicht die bald darauf eintretenden schweren Judenverfolgungen und Vertreibungen ihm ein Ende bereitet hätten. Seitdem fand der religionsphilosophische Geist nur hier und da einen vereinzelten Anhänger. — Von der anderen Seite war in der Volksseele die Phantasie regsam, durch die Agada genährt. Der! Talmudismus mit seinem Vorherrschen der halachischeu; Studien war zu einfach und nüchtern, um der Phantasie einen Spielraum zu gewähren. So ist es natürlich, daß : auch von dieser Seite das geistige Leben erwachte und sich nach und nach zu einer neuen Anschauung, in welcher der! Phantasie ein uneingeschränkter Platz eingeräumt ward, entwickelte und mit der Zeit sich zu einem gewissen System ausbildete. Es ist dies die Kabbala, die, ihrer Natur nach, sich in phantastischer Weise einen uralten Ursprung zuschrieb und bald zu einem Spiel von Phantasmagorien ausartete

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