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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-17 · Heft 8 (17.2.1885) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 8 (17.2.1885)
Date
1885-02-17
Page
Seite 130 (sequence 14)
Language
German
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130 übermüthigen als klugen Edelmanne im Gespräch mit einem jüdischen Unterhändler begegnete, der allerdings mehr witzig als unterthänig war. Der Jude stand an die Thür des herrschaftlichen Arbeitszimmers gelehnt, den Körper gegen den Herrn etwas vorgeneigt, lächelnd, jeden Augenblick zum elastischen Sprunge im Dienste desselben bereit, und mit dem Witzworte, bestimmt, dessen gute Laune zu erwecken, auf den Lippen. Der Herr war guter Laune und scherzte mit dem Juden. „Chaimku — sprach er — warst du jemals in Krakau?" „Nein, gnädiger Herr!" „Daun bist du, mein Lieber, eigentlich recht dumm!" Chaimek verbeugte sich. „Chaimuk, warst du jemals in Rom?" „Rein, gnädiger Herr!" „Dann, mein Lieber, bist du sehr dumm!" Chaimek verbeugte sich abermals, doch trat er zugleich dem Herrn um zwei Schritte näher. Um seine Lippen spielte eines jener Lächeln, Leuten seines Stammes so eigen, geistvoll. blitzartig, von dem man nie mit Gewißheit sagen kann, ob sich Demuth oder geheimer Triumph darin malt, Schmeichelei — oder Schadenfreude. „Ich bitte den gnädigen Herrn unterthänig um Berzeihung — sagte er leise — waren der gnädige Herr jemals in Sczybow?" Scybow war von dem Orte, an dem das Gespräch geführt wurde, einige zwanzig Meilen entfernt. Der Edelmann erwiderte: „Rein, ich bin nie dort gewesen." „Run, und was weiter?" flüsterte noch leiser Chaimek. Die Geschichte verschweigt, was der lustige Edelmann auf diese heikle Frage erwiderte. Aber aus dem Umstande, daß sich Chaimek des Ortes Sczybow als Argument bediente, um die chm so nahetretenden Zweifel an seiner Klugheit zu widerlegen, daß er ihn direkt entgegenstellte, geht hervor, daß ihm Sczybow war, was dem Edelmann Krakau und Rom, der Ort, in dem fich für ihn alle staatlichen und religiösen Würden vereinigten. Wenn zu jener Zeit Jemand den Juden gefragt hätte, was dem kleinen verfallenen Orte in der einförmigen Ebene eine so große Bedeutung verlecht, so hätte er aller Wahrscheinlichkeit nach nur zwei Namen genannt, die Namen zweier seit Jahrhunderten in Sczybow ansässiger Geschlechter: Ezosowicz und Todros. Zwischen diesen beiden Geschlechtern herrscht große Verschiedenheit und hatte fich eine tiefe Spaltung herausgebildet. Die Ezosowicz verkörperten in fich bis zur höchsten Stufe weltliche Bedeutung und Größe, als da ist eine zahlreiche Nachkommenschaft und Verbreitung, große Reichthümer, Geschicklichkeit in der Führung bedeutender Geschäfte und in der Vermehrung des Besitzes; die Todros dagegen waren die Träger alles geistigen Lebens, der Frömmigkeit, religiöser Gelehrtheit und rauher, fast asketischer Lebensführung. Es ist nicht unmöglich, daß Chaimek, um die Ursachen der dem kleinen Orte beigelegten Bedeutung befragt, die Ezofowicz zu nennen vergesien haben würde; obgleich die Juden auf Meilen in der Runde fich der Reichthümer und Verbindungen dieses Geschlechtes rühmten, so erblaßte ihr weltlicher Glanz neben dem Strahlenkränze fast göttlicher Heiligkeit, von dem seit undenklichen Zeiten der Name der Todros umgeben war. Die Todros waren seit Urzeiten von der ganzen jüdischen Bevölkerung Weiß-Rußlands und Litthauens als das vollendete Muster und der unantastbare Hort religiöser Rechtgläubigkeit angesehen worden. Ob dem wirklich so war? Hier und da gab es gelehrte Talmudisten, die bei Erwähnung talmudischer Rechtgläubigkeit der Todros sonderbar lächelten, und wenn sie zusammenkamen, gar Trauriges darüber zischelten. Unendlich viel gab jenen gelehrten Talmudisten die so hochgerühmte talmudische Rechtgläubigkeit der Todros zu denken. Sie bildeten jedoch die sehr geringe Minderzahl; ein kleines Häuflein Zweifler gegen die große Menge der Gläubigen. Die Menge war gläubig und strömte von anbetender Bewunderung erfüllt nach Sczybow, als dem geweihten Orte, wo sie Lehren, Rath, Trost und Befriedigung fand. Nicht immer jedoch hatte Sczybow diesen Ruf der Rechtgläubigkeit beseffen. Im Gegentheil, die Gründer des Ortes waren Abtrünnige, Karaiten, Vertreter der Opposition und der Absonderung in Israel. Bor urdenklichen Zeiten hatten sie die Bevölkerung der gold- und weinreichen Ebenen von Cherson zu ihrem Glauben bekehrt und fich zu ihren Herrschern aufgeworfen. Dann waren sie mit den Erinnerungen an diese Herrlichkeit, und ihrem einzigen für Religions- und Gesetzesfragen maßgebendem Buche, der Bibel, als zwiefach Verbannte aus Palästina und der Krim in die weite Welt gewandert. Ein Häuflein von ihnen war durch den litthauischen Herzog Witold in sein Land gebracht worden, von wo es bis Weiß Rußland vorrückte, und daselbst jene Gemeinschaft von Häusern und Hütten gründete, welche Sczybow benannt wird. Zu jenen Zeiten herrschte in dem Oertchen an den Freitag, und Sonnabend-Abenden tiefe Stille und Finsterniß, denn die Karaiten, entgegen den Talmudisten, feierten den heiligen Sabbath nicht mit blendendem Lichte, reichen Mahlzeiten und heiterer Geselligkeit, sondern sie begingen ihn in tiefer Finfierniß, im Schweigen, in Trauer und Nachdenken über den Verfall der Heiligkeit, der Bedeutung und der Kraft des Glaubens. Damals erklangen aus dem dunklen Innern der Häuser, hinter de» kleinen trüben Fensterscheiben'

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