Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 8 (17.2.1885)
- Date
- 1885-02-17
- Page
- Seite 129 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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129 n i k -? % H » bis jetzt erklären kann. Der Arzt führt daher den Patienten l —= seiner Erfahrung folgend — von Quelle zu Quelle, oder! verordnet auch den gleichzeitigen Gebrauch verschiedener. Der' korpulente und an Gewicht schwere Curgast verliert dadurch! an Umfang und Schwere, während der Patient von geringem! Körpergewicht dadurch vielleicht die entgegengesetzte Wirkung erzielt. Die Naturwissenschaft aber steht dabei bis jetzt vor einem ungelösten Räthsel. Sic sucht forschend auf Umwegen den Schleier zu lüften, und harrt der Zeit, die sie fördern werden in der Erkenntniß des Alls und der Gesetze, die darin walten. Das aber ist, wie Sie mir zngeben werden, der Punkt, an welchem die Wissenschaft mit dem Glauben zusammentrifft. Wo jene — ernst strebend — nach dem letzten Grund der Dinge sucht und immer weitere Strecken dem Verborgenen abzugewinnen trachtet, das sich endlos vor ihr ausdehnt: da zieht ein Feierklang des Glaubens in die Seele des Menschen ein von einem allwallenden Gottesgeiste, „der Großes thut, das nicht zu fassen. Wunderbares, das nicht zu zahlen." 6) Geschichte des Städtchens Sczybow. (Aus der Erzählung „Meier Ezofowicz" von E. P. Orzesz ko, aus dem Polnischen übers, von L. Brixen.') Weit, weit entfernt von jenem Schienenstrange, der Weiß-Rußland durchschneidet, fern auch von dessen Hauptfluffe, der Dwina, in einem jener entlegensten Erdenwinkel, die jetzt noch in Europa existiren mögen, mitten in der einförmigen, stillen, weit ausgebreiteten Ebene, an der Kreuzung zweier breiter sandiger Landstraßen, die aus dem bleichen Horizonte auftauchend in den Tiefen des dunklen Waldes: verschwinden, steigt aus nebelgrauer Ferne ein Gewühl kleinerer und größerer Gebäude empor, so dicht aneinander gedrängt, daß man dem Gedanken Raum geben könnte, als wären sie einst von großer Furcht bedrängt zusammen geflüchtet, um sich in so enger Gemeinschaft unter Thränen und Flüstern leichter über ihr Unglück zu verständigen. Dies ist Sczybow (sprich Schybuw), ein kleines Städtchen, ausschließlicher noch, als dies bei vielen derartigen Ortschaften der Fall zu sein pflegt, von einer durchaus jüdischen Bevölkerung bewohnt, eigentlich fast ganz jüdisch, mit Ausnahme einer einzigen Gaffe am äußersten Rande des Städtchens, wo in kleinen Hütten und Höfen eine Anzahl von verarmten Bürgern und stillen alten Pfründnern haust. Es ist dies das einzige Gäßchen, in dem Ruhe waltet, und wo im Sommer einige bescheidene Blunien blühen. 6) Hiob s, 10. 1) Wir werden diese treffliche Erzählung in einer der nächsten Nummern näher besprechen. Sie ist in zweiter Auslage bei Heinr ch Minden in Leipzig und Dresden erschienen. Anderwärts giebt es keine Blumen, dafür aber herrscht großer unausgesetzter Lärm. Dort lärmen die Leute und rühren sich unaufhörlich, im Innern der Häuser und auf den engen schmutzigen Uebergängen, die den Namen von Straßen tragen, auf dem runden, weiten Marktplatze, mitten im Orte gelegen. Rings um denselben öffnen sich die niederen Eingänge kleiner Kaufläden, dort sammelt sich die ungemessene und unermeßliche Menge von Schmutz und Unrath nach den Wochenmärkten, die in dem Orte die umliegende Landbevölkerung versammeln; diesen Platz endlich beherrscht das hohe, düstere, sonderbar gestaltete Bethaus. Es ist dies ein seltenes Denkmal der jetzt schon fast ganz verschwundenen israelitischen Baukunst. Architekten, Maler, Archäologen dürfen mit gleicher Wißbegierde auf das Gebäude blicken. Man erkennt den Tempel auf den ersten Blick, obgleich sein Aeußeres es jedem anderen derartigen Bauwerke unähnlich macht. Die vier starken schweren hohen Mauern bezeichnen die monotonen Linien eines ungeheuren Vierecks und tragen einen dunkelfarbigen Anstrich, der den Charakter der Würde, des Alters und der Traurigkeit noch erhöht. Uralte ehrwürdige Mauern scheinen es auch zu sein, denn in langen Streifen sind sie hier und dort von grünem Moose bewachsen. Ganz hoch oben durchschneidet die Mauern eine Reihe langer, schmaler, tiefsitzender Fenster, in ihrer Form an Schießscharten von Festungen erinnernd. Den ganzen Bau überwölbt ein Dach, besten drei schwere aufeinander fallende Stockwerke an drei geschwärzte dunkle Riesenpilze mahnen. Alles, was irgend ein Ansehen trägt und zum allgemeinen Wohle dient, hat sich hier dicht aneinander gereiht, und sich unter den Schutz der dunkeln Mauern und des wurmstichigen Daches des Heiligthums begeben. Hier, um die weiten Hofräume gereiht befinden sich, die Schulen, die „Cheder", und jene Orte, wo die Oberen der Wissenschaft sich versammeln. Hier auch birgt sich das niedrige, schwarze, zweifenstrige Häuschen, ein Lehmhaus, welches seit Jahrhunderten der Reihe nach die Rabbinen bewohnen, die aus dem in der Gemeinde und weit über dieselbe hinaus berühmten Geschlechte der Todros stammen: hier endlich herrscht immer musterhafte Reinlichkeit, und wenn auch anderwärts, besonders im Frühjahr und im Herbste die Leute im bodenlosen Schmutze fast versinken, so bedecken den Schulhof doch immer trockene weiße Steine. Selbst ein Strohhalm wäre daselbst schwer zu finden, denn wo einer liegen bleibt, da räumt ihn die Hand des Vorübergehenden weg, um die Schönheit des Ortes, der sich an die Stufen des Heiligthums schmiegt, besorgt. Welche Bedeutung Sczybow für die israelitische Bevölkerung Weiß-Rußlands und weiter hinaus für diejenige der ausgedehnten Ebene Litthanens besitzt, entnimmt man aus dem ziemlich verdrießlichen Borkommniffe, welches einem mehr