Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-17 · Heft 8 (17.2.1885) · p. Seite 128

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 8 (17.2.1885)
Date
1885-02-17
Page
Seite 128 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227564--42416-3310971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

128- Gottesgeistes, der auch da sich kundgieot, und in,mer wieder trat mir das Schriftwort ins Gedächtniß: „Vermag Waffer aus diesem Felsen zu strömen?" *) Am Sprudel zu Karlsbad sind die Kurgäste jedoch nicht in der Queue geordnet, sondern stehen in losen Gruppen. Denn an dieser Stelle scheint Alles, was im Bereiche von Karlsbad in den Tiefen geheimnißvoll thätig ist, seinen salz und Soda, daneben Kalk und Eisen durch freie Kohlensäure gelöst, und noch geringere Mengen anderer Stoffe, wie Kieselsäure, Magnesia, Lithium: das ergab sich bei allen Quellen als das dem Gewichte nach fast gleiche Resultat. Nur das Thermometer zeigte eine wesentliche, in Zahlen festzusteüende Differenz in der mehr oder minder hohen Temperatur. Aber welch' merkwürdiger Unterschied in der Wirkung Mittelpunkt zu haben, — von hier die Loosung für den! zwischen dem heißen „Sprudel", dem mildwarmen „Mühl- Dienst sämmtlicher Heilquellen auszugehen. Mit urgewaltiger Macht steigt hier ein glühender, breiter Wasserstrahl in die Höhe, keuchend ringt er sich aus der gewaltigen Tiefe los brunnen" und dem kühlen „Schloßbrunnen"! Wie geradezu wunderbar die Heilkraft dieser schwachen Salzlösungen gegen Krankheiten, die aller Kunst und Medicin der Aerzte wider- und verspritzt bei seinem Steigen und Niederfallen weithin stehen! Die heutige Naturwiffenschast, welche die Sturm-und dampfend die heiße Flüssigkeit, die von schöpfenden Mädchen, zurückspringend und aufkreischend, mittelst langer Halter in Drangperiodc des Materialismus längst überwunden hat. steht hier vor einem ungelösten Räthsel und erklärt bescheiden: „Ignorn - Gläsern aufgefangen und den Kurgästen gereicht wird. Das; was ^); wir wissen es noch nicht." Aber sie sucht in andern bereits ist der „Sprudel", dessen Wasser die höchste Wärmetempera- > näher erkannten Erscheinungen nach Analogien, um in der tur unter den Thermen Karlsbads hat und nur langsam in 1 so gegebenen Richtung vorsichtig tastend weiter zu schreiten, schwachen Zügen getrunken werden kann. Ich habe an den! In der Chemie ist neben der rohen mechanischen Gewichtsbe- Heilquellen aller Kurorte, die ich besuchte, an den Vergleich. stimmung der Elemente die Erkenntniß ihrer Form und ihres zwischen der Gotteslehre Israels und dem Wasser2 3 4) gedacht, j Ausbaues, ihre Werthigkeit oder Valenz — die ebensowenig dessen sich die Alten oft bedienten; hier am Sprudel, den ich! wie der Werth eines organisirten Individuums sich nach trank, vergegenwärtigte ich mir jenes Bild in seiner größten! Gramm allein beziffern läßt — zur Grundlage der neueren Vollständigkeit; ich meine den Vergleich mit Wasser und j Forschung geworden und hat der rein mechanischen, nur auf das Feuers.! „Atomgewicht" basirten dualistischen Anschauung ein Ende „Wie", höre ich Sie verwundert ausrufen, den „Spru-! gemacht. In der Physik und in der Physiologie hat man del" haben Sie getrunken, den nur Cyclopen von Gestalt j ferner erkannt, daß Licht und Schall je nach Zahl und und ein Ausbund von Patient trinken! Nun seien Sie unbesorgt. Allerdings befand ich mich in einer Gesellschaft von Dickbäuchern und Centnerformaten, die ich innerhalb meiner engen Körperdimensionen respektvoll anstaunte. Ebenso unterschied ich mich durch Frische und ein gewisses Wohlaussehen Gott Lob von Bielen, denen ihre Leiden den Stempel des nahen Unterganges auf die Stirn gedrückt hatte. Allein, das war eigentlich bei allen Quellen in Karlsbad der Fall, und wenn Sie das Spottbild über die Queue an einer der anderen Quellen betrachten wollen, das ich Ihnen zur Verfügung stelle: so werden Sie sich davon sofort überzeugen. Wie geht das aber zu, fragen Sie? Hat denn nicht jede Quelle ihre aparten Bestaudtheile und deshalb ihre bestimmte Heilkraft nur gegen bestimmte Krankheiten? Gestatten Sie mir darauf an der Hand von Mitcheilungen zu antworten, welche ich der Güte eines hervorragenden Chemikers, meines sehr geschätzten Freundes vr. F., verdanke. Die Chemie hat sich der Untersuchung der Karlsbader Thermen ernstlich unterzogen, sie hat diese mit den fünf Instrumenten analysirt und gemessen, hat aber nichts gefunden, was die Wirkung der Quellen ausreichend zu erklären vermöchte. Wenige Tausendstel Glaubersalz, Koch- 2) 4 B. M. 20, 10. 3) Thaanich 71; Jalkut zu Jasaias öi.i. 4) ,Daselbst. Größe der Schwingungen in verschiedenen Farben und Tönen auf unsere Sinne und durch diese auf unfern Geist wirken. Was wir endlich als Wärme bezeichnen, das erweist sich nur als Schwingung und Bewegung in anderer Form. Sollte daher nicht auch hierbei eine Scala von verschiedenen Wärmefarben und Wärmetönen bestehen, die eigenartig auf unseren Organismus wirken, ohne daß wir sie bisher mit unseren Sinnen unterscheiden können? Soll nicht ferner auch auf dem Gebiet der Wärme unseren Sinnen eine Entwickelung, wie thatsächlich auf dem Gebiete des Sehens und Hörens möglich sein, so daß wir nicht nur zwischen Hell und Dunkel, d. h. warm und kalt, sondern auch zwischen den verschiedenen Wärmefarben und Wärmetönen unterscheiden lernen? Dann werden wir vielleicht erkennen, warum die Temperatur einer Heilquelle so ganz anders auf uns wirkt, wie die dem Thermometer nach gleiche einer über unserem Feuerherd erwärmten Flüssigkeit. Sie ersehen aus dieser Darstellung, daß der Gehalt der Quellen überall fast der nämliche ist und die Kurgäste daher ohne Unterschied die eine oder die andere gebrauchen können; ferner, daß die Temperatur allein das Individuelle im Curgebrauch ausmacht, ohne daß die Wissenschaft sich das 5) Du Bois-Reymond: Ueber die Grenzen des Naturerkennens.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.