Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 8 (17.2.1885)
- Date
- 1885-02-17
- Page
- Seite 121 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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121 römischen Statthalter Flaccus in scheußlichster Weise eintraten, noch nicht vorgekommen; unser Autor enthält von solchen keinen Zug. Aber wenn wir oben die zahlreichen Pamphlete anführten, welche gegen die Juden geschleudert wurden, so ist dies Zeugniß genug für die feindselige Stimmung, die sie umgab und die nicht ohne thatsächliche Conflikte geblieben sein konnte. Unser Autor versucht deshalb, die Juden selbst durch den Hinweis auf die göttliche Hilfe und Vergeltung, und daß ihr Leiden nur ein vorübergehendes sein werde, zu trösten, ihre Feinde hingegen durch die Gewißheit zermalmender Strafen zu schrecken und von ferneren Feindseligkeiten abzuhalten. Hierzu dienen ihm die Erinnerungen aus der Geschichte einerseits der Segnungen, welche die biblischen Gotteshelden erfuhren, so wie der Rettung und Hilfe, die Gott Israel aller Zeit gewährte, und im Gegensatz an die Strafen, welche die Aegypter erfuhren, da sie in der Unterdrückung und Mißhandlung des israelitischen Volkes nicht abließen. — Wir haben schon darauf hingewiesen, daß unser Buch nicht allein im Ausdruck oft sehr poetisch ist, ohne dem bei den Alexandrinern so gewöhnlichen Schwulst sich zu ergeben, sondern auch, daß die Composition des Ganzen eine künstlerische genannt werden muß. Die Einleitung verkündet das Lob der Weisheit; sie führt zu zwei Abschnitten, von welchen jeder einen dogmatischen und einen historischen Theil hat; in dem einen werden das Wesen und die Wirkungen der Weisheit, in dem andern die Thorheitj und die Strafen der Gottlosigkeit und des Götzenthums auseinandergesetzt und nachgewiesen. Die Sprache trägt den Charakter der alexandrinischen Ausdrucksweise, ist jedoch immer noch einfach und gemäßigt in der Eigenart, welche später die alexandrinischen Schriftsteller entstellt und schwer genießbar macht, nämlich in der Zusammensetzung sonderbarer und barokker Wörter und in der Häufung gesuchter Epitheta, wodurch sich die Alexandriner den Schein des Tiefsinns zu geben suchten und den Mangel an Geist und Originalität verdeckten. Bemerkenswerth ist bei unserm Autor, daß er eine sehr genaue Kenntniß der h. Schrift voraussetzt, da er nirgends Namen nennt und nur Andeutungen giebt, aus welchen der Kundige sie zu erkennen vermag. Die Abfaffungszeit läßt sich nicht mit Bestimmtheit angeben. Wir glauben, daß sowohl Diejenigen irren, welche sie auf das Jahr 147 vor d. gew. Ztr. setzen, als auch Die, welche sie unter Caligula verfaßt glauben. Wir haben die Gegengründe bereits erörtert und geht unser Resultat darauf hinaus, daß es in der Mitte des letzten Jahrhunderts vor der gew. Ztr. entstanden ist. Jedenfalls ist unser Buch ein Zeugniß für die Lauterkeit und Erhabenheit der Ansichten, die auch im alexandrinischen Judenthnme heimisch waren. Die »Weisheit" ist unsrem Autor das Ideal der reinsten Gotteserkenntniß und der lautersten, von Liebe erfüllten Sittlichkeit. Dennoch muß er dieses lichtvolle Ideal auf den dunkeln Hintergrund düsterer geschichtlicher Ereignisse auftragen. Und so giebt er uns in engem Rahmen ein Bild der Geschichte Israels und der ganzen Menschheit, die mühsam nach der Verwirklichung jenes Ideals ringen, ober, immer wieder zurückgeworfen, nur langsam vorwärtskommen. Aeber die Äbstammnugsverhältmsse der Juden. i. Seit einem Vierteljahrhundert, nachdem die Racentheorie der Arier und Semiten herrschend geworden, tauchte die Frage auf: ob die gegenwärttgen Juden im großen Ganzen rein semitischen Ursprungs seien, oder ob sie durch Vermischung mit anderen Stämmen in größerem oder geringerem Umfange nicht von den ursprünglichen palästinenfischen Juden abstammen? Bekanntlich ist diese Frage durch einen Vortrag Ernest Renan's vor einem Jahre populär geworden. Aber, wie auch wir nachwiesen, war die historische Begründung seiner Hypothese, nach welcher nur der geringste Theil der gegenwärtigen Juden wirklich palästinensisches Blut in seinen Adern habe, eine noch sehr schwache und konnte demnach wenig Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen. Man versucht deshalb seit einiger Zeit, diese Frage auf einem anderen Wege der Lösung zu nähern, nämlich auf anthropologischem. Wäre man im Stande anthropologisch nachzuweisen, daß der gegenwärtige Stamm der Juden aus verschiedenen Elementen bestehe, die sich ganz bestimmt als verschiedenen Stämmen angehörend erweisen, so müßte man auch ohne historische Dokumente jene Hypothese als richttg annehmen. Einen abermaligen Versuch auf diesem Gebiete finden wir im jüngsten Hefte des „Archiv's für Anthropologie" (B. 15. Viertes Bierteljahrheft, Braunschweig, Bieweg, 1884.), nämlich: »Neue Beiträge zur Anthropologie der Juden von Constantin Jkow." (S. 369 ff.). Der Berfaffer bemüht sich, die von ihm vermeintlich gefundenen anthropologischen Resultate mit historischen Beweisen übereinsttmmend zu zeigen, und es ist deshalb jedenfalls von Interesse, ihm auf diesem Wege zu folgen, obschon wir gegen seine Ergebnisse noch entschiedenen Widerspruch zu erheben haben. Jkow hat Schädelmessungen an lebenden und an ausgegrabenen Schädeln Juden vorgenommen. Schon hier müssen wir hervorheben, und der Verfasser giebt dies auch rn einer Anmerkung Seite 373 zu, daß es überall viele Anthropologen giebt, „welche der Grundform des Schädels, d. i. dem Cephalindex fast jede Bedeutung absprechen". Hiermit wäre das Ergebniß solcher Messungen so lange noch fraglich, bis die Wissenschaft selbst hierüber zu völliger Entschiedenheit gekommen, daß die Stammbestimmung durch die Schädelform