Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 8 (17.2.1885)
- Date
- 1885-02-17
- Page
- Seite 120 (sequence 4)
- Language
- German
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1*20 teuchs überreichte, in einer Schrift darzulegen, daß diese Ausdrücke nicht wörtlich zu verstehen seien, sondern bildlich erklärt werden müßten. Er dehnte dies sogar schon auf die Schöpfungsgeschichte aus. In dieser Richtung nun entfaltete sich die alexandrinische Auslegung und versenkte sich bald in das Allegorisiren. Sie blieb natürlich nicht bei jenen Anthropomorphismen stehen, sondern dehnte diese Methode auf alle Theile der Schrift aus, bis Philo sie in ein ganzes System brachte, in welchem die geschichtlichen Berichte der Bibel und das ganze Gesetz allegorisirt ward, um daraus die höchsten Principien der Gotteserkenntniß und der Sittlichkeit zu ziehen. Wir sagten nun oben, daß das Buch der Weisheit in dieser ganzen Literatur die Mitte einnehme, und dies bewährt sich auch hinsichtlich der eben beschriebenen Richtung. Es hält sich fast ängstlich von den Anthromorpophismen fern, von welchen es nur die unentbehrlichsten, die auch wir noch heute gebrauchen, anwendet, und ebenso wenig läßt es sich auf Allegorien ein, indem es dieser Geschmacksart seiner Zeitgenosien nur hinsichtlich der Weisheit selbst nachgiebt, die es, wenn auch schwächer als in den Sprüchen Salomonis und in dem Buche Hiob geschieht, gewissermaßen als eine Persönlichkeit behandelt. Hierin unterscheidet es sich wesentlich von Philo, den Sibyllinen u. A., welche der gnostischen Anschauung sich zuneigten.') Zu seinem Gegenstände macht es einerseits die Auseinandersetzung der Wahrheit, welche in der jüdischen Gotteslehre enthalten und mit welcher in unmittelbarer Consequenz die lauterste Sittlichkeit verbunden ist. Dem gegenüber zeigt es die Thorheiten des Götzenthums, I) Hierin begegnet sich unser Autor mit späteren Bibel-Exegeten wie Saadia. Wir nehmen deshalb Gelegenheit, hier auf eine Abhandlung desvr. M. Wolfs in Gothenburg aufmerksam zu machen: „Zur Charakteristik der Bibelexegese Saadia Alsajjumis", die in der Zeitschrift für die alttestamenlliche Exegese, Jahrg. 1884 und 1885 enthalten ist und uns in einem Separatabzuge vorliegt. Einer Erklärung bedürfen jene Stellen der h. Schrift immerhin, aber es ist hierbei die rationelle und die allegorisirende Auslegung wohl zu unterscheiden. Die erstere bedient sich der logischen Schlüffe, um den in dem figürlichen Ausdruck enthaltenen Gedanken festzustellen, während die andere willkürlich einen ihr für ihre Zwecke geeigneten Sinn h im inlegt. Unser Buch neigt sich der rationellen Erklärung zu und stimmt hierin mit Saadia überein. Wolfs sagt von diesem: „Es sind bestimmte allgemeine Grundsätze, die ihn bei seinen Erklärungen leiten und ihm als unabweisliche Forderungen wahrer Exegetik erscheinen." Zunächst sind alle Anthrohomorphismen und Anthropopathien mit dem Gottesworte unvereinbar; „Es ist daher jeder Ausdruck, sagt er im Allgemeinen, in dem Worte der Schrift, welcher der wahren Bernunftspeculation widerspricht, nothwendig als hilhhche Bezeichnung zu fassen. Nur die Erklärung kann als wahr angesehen werden, welche mit der Bernunft übercinstimmt, dagegen ist'die zu verwerfen, welche dem Vernunftwidrigen sich zuneigt. Das Festhflllen.an dem bloßen Wortlaute wird nach Saadia in vier Fällen Ermöglich gemacht: 1) wenn die sinnliche Wahrnehmung dagSMMlHrestvk; 2) wenn die Bernunft dem widerspricht; 3) wenn ein a^kM^lmer Ausspruch dem entgegen ist und 4) wenn die wahre lräoirwnelle Auffassung, d. h. also der im Dolksbewußtsein mit Recht KbSftdettBtchelffi'des Gegenstandes sich damft nicht vereinigen läßt." eUexaus. daß die rationelle Exegese kein modernes Erzeugnis tft, sondern dem Geiste des Judcnthüms in sehr alter Zeit sch-w<knkft»«dch:""f'r.. das es in seinen drei Phasen verfolgt, der Anbetung der Naturerscheinungen, der Vergötterung in Menschengestalt, namentlich dem Todtencultus, und endlich dem Thierdienste, sowie die aus diesen fließende Sittenlofigkeit und ethische Entartung, die sich der ganzen heidnischen Welt bemächtigt hatte. Unser Autor steht überall auf biblischem Boden; indeß lassen sich zwei Schattirungen bemerken. Die eine besteht in einer gewissen Sentimentalität. Außer der Erkenntniß der Dinge, welche die Weisheit verschafft, liegt ihm diese besonders in der Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit, in der feinen und zarten Sitte. Ebenso ist es nun die Allliebe und Allbarmherzigkeit, die er als die vorzüglichste Eigenschaft Gottes feiert: die Vorstellung Gottes als „Vater" aller Geschöpfe wiegt ihm durchaus vor, und von ihr aus erklärt er alle Wirksamkeit Gottes in der Schöpfung und Erhaltung der Wesen. Andrerseits hat auch die religionsphilosophische Richtung auf ihn Einfluß geübt, so daß er die Ewigkeit alles von Gott geschaffenen Seins lehrt, daß in der Welt Gottes nicht allein Alles allweise geschaffen und geordnet ist, sondern auch Nichts untergeht, so daß Verderben und Untergang in der Schöpfung Gottes nicht vorhanden. Selbstverständlich ist ihm daher auch die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ein unantastbarer Lehrsatz und die Verleugnung derselben der rechte Beweis der Thorheit und Gottlosigkeit. Von hier aus betritt er daher das Gebiet der Vergeltungslehre. Gott übt in Belohnung und in Bestrafung die vollste Gerechtigkeit, jedoch nur aus Allliebe, mit Langmuth und Schonung. Er züchtigt den sonst Gerechten ob Fehltritts, jedoch nur kurze Zeit und um ihn zur Tugend zurückzuführen; er bestraft den Gottlosen und Ungerechten, aber nicht mit schneller Vernichtung, sondern indem er ihm Zeit gewährt, sich zu bessern. Die Vergeltung geschieht aus diesen Gründen schon im irdischen Leben, vollendet sich jedoch im Jenseits. Des beharrlichen Sünders bemächtigt sich im Jenseits eine unendliche Gewissensangst und das Gefühl der tiefsten Demüthigung vor dem Gerechten, den er nun von Gott erhöht und beseligt sieht, während für ihn die „Unterwelt" bleibender Aufenthalt ist. — Auf diesem Felde geht nun der Verfasser unsres Buches auf die zweite Aufgabe ein, die er sich gestellt. Wie er im ersten Theile apologetisch und polemisch zugleich vorging: so wendet er sich nun zur tröstlichen Ermahnung seiner leidenden Glaubensgenossen, und zur Verwarnung und zur Verurtheilung ihrer Feinde, derer, die sie unterdrücken. Damals waren die Zustände in Judäa sehr düster und die Aussichten in die Zukunft trübe; die Selbständigkeit in der Nation war tief erschüttert und von allen Seiten bedroht und selbst der Cultus feindlichen Angriffen ausgesetzt und innerlich zerrüttet In Aegypten aber sahen wir die Juden von Neid, Vorurtheil und Feindseligkeit verfolgt. Zwar waren jene blutigen Aufstände gegen sie, wie sie unter dem