Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1885)
- Date
- 1885-02-10
- Page
- Seite 112 (sequence 12)
- Language
- German
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112 Welchen Einfluß üben auf die gesellschaftliche und staatliche Gestaltung Juden aus, welche an der Tagesliteratur, als Redacteure und Verleger von Organen der russischen Presse Antheil nehmen? — Auch berichten mehrere Zeitungen, daß die sog. „Judencommission" bald ihre Arbeiten abschließen werde. (?) Jedes Mitglied soll ein Referat übernommen haben. Diese die Mitte haltenden Beschlüsse werden dem Minister Grafen Tolstoi überreicht, der sie — dem geheimen Staatsrathe unterbreitet. — lieber die vor Kurzem in Kischinew aufgetauchte neue jüdische Sekte mit dem Namen „Biblische Brüderschaft" bringt das bekannte antisemitische Blatt „Nowoje Wremja" (Neuzeit) eine neue und zugleich kuriose Lüge, nämlich die ganz aus der Luft gegriffene Nachimmer weniger werden. Deshalb erinnert er in einem Erlasse daran, daß Juden nur auf eigenem Grund und Boden Schenken haben, sich in Dörfern nicht neu niederlassen und nach Ablauf ihres Pachtvertrages nicht länger im Dorfe bleiben dürften. — Am IG. Dezember veranstalteten die jüdischen Studenten zu Petersburg einen Ball, dessen Ertrag armen Commilitonen zu Gute kommt. In dem gutbesetzten Saale waren fast nur Juden anwesend. Bedeutende jüdische Künstler traten auf; der Reinertrag beträgt ca. 2000 Rubel. — Am 16. d. wurde der Rechenschaftsbericht der kaiserlichen Kunstakademie zu Petersburg verkündet. Bon jüdischen Schülern erhielten der Bildhauer Günzberg. die Maler: M. Maimon, Jakob Goldblatt, Benzion Kroner die große silberne richt, welche zugleich in allen inländischen und ausländischen I Medaille, der Maler Israel Fluß den Titel: Klassischer Künst- Blättern Nachahmung fand, daß die sog. Sekte dieser Tage i ler II. Klasse, die Bildhauer Moses Aedlick, Isaak Goldmann beschlossen hat, in Kischinew eine Synagoge auf den Namen! und Avigdar Somatisch denselben III. Klasse. — Der Kaiser des „Messias Jesus Christus" zu erbauen, und der Minister! hat ausnahmsweise die Aufnahme des in Odessa studircn des Innern Graf D. Tolstoi, an welchen sich der Vertreter der! den Juden Freiemann in den russischen Unterthahnenverband „Sekte", Josef Rabinowitsch, um Bewilligung dieses Baues gestattet. Söhne in Rußland wohnender jüdischer Ausländer gewendet hat, nicht nur die Erlaubniß der bezeichneten Syna-! dürfen sonst zu keinem Examen, zu keinem Amte zugelassen goge in Kischinew gestattet, sondern auch die Sekte als be-! werden. — Am 23. November v. I. feierte der Metropolit sondere Religionsgenossenschaft anerkannt hat. — Einer der Isidor zu Petersburg das 50 jährige Jubiläum als „Archiere" Lehrsätze der „Biblischen Brüderschaft" lautet: „Daß wir alle! Erzbischof). Der 83jährige Greis empfing Deputationen der andern bestehenden Religionen gleich wie den „Judaismus" j hohen wie der niederen Geistlichkeit. Aber auch die Juden achten und „Jesum Christum" als den Verbreiter der Wahrhatten den residenzlichen Kronrabbiner Dr. Drabkin entsandt, heit und den Stifter des Guten verehren und daher als den den der Kirchensürst fteundlichst und huldreich aufnahm, wowahren „Messias" anerkennen." Da wir ganz genau wissen,! bei er auf die Aufgabe aller Geistlichkeit hinwies, im Volke daß in Rußland noch von Nikolaus her jede religiöse Be- Israel Liebe und Eintracht und Mitleid zu pflegen. — In wcgung aufs Strengste verboten ist, kommen wir auf diesen! ähnlicher Weise hat der Metropolit von Kijew, Platin, sich neuesten Bekehrungsschwindel zurück. — Auffällig werden die in Tünaburg der Deputation der israelitischen Gemeinde ge- Jnden in Nowo Alexandrowsk von dem Geschworenendienste genüber geäußert: Wir sind alle Brüder — Juden und ausgeschlossen. — Aber ist es Zeit, gegen Ehrverletzung auf- Christen sind wir alle Diener eines einzigen Gottes, denn zutreten, wo das Leben, der Wohnsitz, die Unlerrichtsberechein Gott hat uns geschaffen und einen Vater haben wir Alle, tigung gefährdet sind? — Freilich das Urtheil des Kriegs- Nur die von den Vätern ererbten Sitten, Bräuche und die gerichts in Nyschnij-Nowgorod über den Judcnkrawall hat Weihe der Gottesverehrung trennt uns, und wir sind nicht doch in vielen Kreisen die Meinung, daß die Juden „vogelfrei" berechtigt, zu entscheiden, wer darin Recht hat. Wie Brüder seien, vernichtet und damit für einige Zeit eine Schutzwehr eines Vaters sollen wir bei einander wohnen." Er verhieß aufgerichtet. — Als Verteidigerin der Juden hat sich in feine Fürsprache bei den Mächtigen, daß sie die Juden Südrußland die Sekte der „Schudna" hervorgethan. Zu - schützen und schonen und ermahnt die Juden besonders beihrcn Glaubenspflichten gehört die Bertheidigung der Schwa- < hutsam zu sein und die Wuth des Volkes nicht zu reizen, chen. In einem Falle haben sie eine Judenhetze im Beginne j Ebenso hat der humane Erzbischof in Kischinew bei einer erstickt. — Aus Warschau wird geschrieben: Das Haupt- Versammlung, welche die Gründung eines Armenspitals für antisemitenblatt hier geht in den Fußtapfen der Pariser; Angehörige aller Confessionen bezweckte, zu Humanität, Einigl'Antisemitique und Antiprussien. Wie jene unsauberen Ge-; feit und Zusammenhaltung der Bekenner aller Religionen sellen, schnüffelt auch der „edle Pole" umher, wo Juden in j ermahnt. — Die Volksküche Nr. 1 für die nothleidenden einem christlichen Geschäfte angestellt seien. Diese Firmen ' Juden zu Lodz wird nach wie vor von der Verwaltung gut werden mit dem Bann belegt und so beschimpft, daß mancher! gepflegt, es bezifferte sich die Zahl der verabreichten unent- Prinzipal, um Ruhe zu haben, seine jüdischen Angestellten ent- > geltlichen Portionen auf täglich 200. Ungeachtet in dieser lassen hat. — Der Gouverneur von Kijew hat mit Mißfallen Küche durchschnittlich täglich 30 bis 40 christliche Armen gegesehen, taß die Austreibungen der Juden aus den Dörfern; speist werden, trägt doch die israelitische Bevölkerung, die