Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1885)
- Date
- 1885-02-10
- Page
- Seite 106 (sequence 6)
- Language
- German
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alles Erwerbes des Volkes. Er fährt fort: „Hernach ward j diese mit der Zeit befestigte gottlose Sitte wie ein Gesetz be-! obachtet, und auf Befehl der Herrscher wurden geschnitzte j Bilder göttlich verehrt." Daß sich die weltliche mit der! geistlichen Macht verband, um dem Volke die Uebung des; Cultus mit Strenge aufzuerlegen, geschah vor Allem wieder in Aegypten. Jede Verletzung eines abergläubischen Brauches wurde mit dem Tode bestraft, was z. B. ein römischer Soldat, als er in Unkenntniß der ägyptischen Satzung, eine Katze getödtet, durch die Wuth des Volkes schwer empfand. Nun kommt der Verfaffer auf die Verehrung der Könige als Götter in Statuen. Er meint, daß diejenigen, welche ferne wohnten, ein kenntliches Bild des Königs haben wollten, um ihm zu huldigen. Die Künstler strengten sich an, um das Bild des Herrschers so ähnlich und schön wie möglich zu machen, und das Volk hielt nun den kurz zuvor als Mensch Geehrten für einen Gegenstand der Anbetung. Man weiß, wie frühzeitig in Aegypten die Anbetung der Könige als Göttersöhne und darum als Götter selbst stattfand. Die Monumente und die Inschriften geben schon aus ältester Zeit hierfür unzählige Belege *). — Aus dem Götzendienste leitet nun der Verfasser die ganze sittliche Entartung, die furchtbare Unfittlichkeit her. welche in der That zu seiner Zeit in der gesammten civilisirten Welt außerordentlich verbreitet war. Er giebt hier eine Schilderung, welche bei aller Gedrängtheit ein schauerliches Bild herstellt, in welchem kein Verbrechen, kein Laster fehlt, besonders auch nicht der Meineid, bei welchem er längere Zeit verweilt, da dieser unmittelbar an die Hohlheit des Götzenglaubens sich anlehnt1 2). Hierbei wallt dem Verfasser das Herz auf, und er ruft aus: „Du aber, unser Gott, bist gütig und treu, langmüthig und regierest Alles mit Barmherzigkeit. Und wenn wir auch sündigen, so sind wir doch dein und kennen deine Macht; es ist nicht unsere Absicht zu sündigen, weil wir wissen, daß wir zu den Deinigen gerechnet werden. Uns verführet nicht arger Menschenkunst Erfindung, noch der Maler unnütze Arbeit, ein Bild mit bunten Farben bemalt, dessen Anblick den Thoren zur Schande gereicht, indem man an der leblosen Gestalt eines todten Bildes Lust hat." Es werden also hier die sittlichen Zustände in Israel denen in der Heidenwelt gegenüber- 1) Einige Kritiker haben aus dieser Stelle (1-1, 17—20) den Schluß gezogen, daß der Verfasser unseres Buches ein Zeitgenosie des römischen Kaisers Caligula gewesen, weil dieser zuerst die Völker zwang, ihm als Imperator göttliche Ehre zu erweisen und seine Statue auf Altären aufzustellen. Allein hiermit stimmen die Ausdrücke des Berfasiers nicht überein, der nicht den Zwang, sondern eine sich entwickelnde Sitte als Ursache angiebt. Vielmehr hatte er die alte Anscbauung und den alten Brauch der Aegypter, ihren Pharaonen göttliche Ehren zu bezeugen, vor Augen. — 2) Fast mit denselben Worten macht Paulus im Römerbrief (l, 18 ff) eine gleiche Schilderung der herrschenden Lasterhaftigkeit, wie sie aus dem Götzendienst hervorgegangen. Nun, die alte Welt ist ja darüber in Trümmer gegangen. gestellt, und die größere Reinheit der ersteren aus der reinen Gotteserkenntniß hergeleitet. Denn, sagt der Verfasser, „von dir wissen, ist vollkommene Gerechtigkeit und deine Macht kennen, ist die Wurzel der Unsterblichkeit." Die Verachtung der Lust an Erzeugnissen der Kunst entspricht ganz und gar dem damaligen jüdischen Volksgeiste. Wir erinnern nur an die blutigen Scenen, welche in den palästinensischen Städten, schon bei Anbringung von Thiergestalten als Verzierung der Paläste oder durch das Erscheinen der römischen Standarten mit ihren Adlern und anderen Thieren verursacht wurden. Der Verfasser kehrt aber noch einmal zu seinem Gegenstände zurück und verhöhnt insonders diejenigen, welche Götterbilder aus Thon verfertigen und anbeten. Denn, sagt er, „er verkennet den, der ihn bildete, der ihm eine wirksame Seele einhauchte, und den Lebensgeist einblies. Halten sie doch unser Leben für einen Scherz und das Leben für einen gewinnreichen Jahrmarkt, auf dem man, woher immer, wenn auch voin Bösen, Vortheil ziehen müsse." — Aber am Schlimmsten sind „die Feinde deines Volkes, die es unterdrückten". Denn sic sind es, welche Thiere und selbst die feindseligsten verehren. Daß er hiermit die Aegypter, allerdings jetzt mit Griechen und Asiaten gemischt, meint, ist einsichtlich. Denn nirgends war Thierdienst mehr verbreitet, als in Aegypten, und sie sind es denn auch, die er als Unterdrücker der Juden bezeichnet. Deshalb ist es erklärlich, daß er die ganzen drei letzten Capitel seines Buches den Erinnerungen an die zehn Plagen, welche die Aegypter trafen, und den Untergang derselben im rothen Meere widmet, und diesen die Wohlthaten gegenüberstellt, welche Gott den Israeliten in Aegypten und der Wüste gewährt hat, wobei es nicht an Anspielungen fehlt, welche auf die zeitgenössische Feindseligkeit gegen die Juden deuten. Der Verfasser will offenbar die Judenfeinde seiner Zeit verwarnen und seine Glaubensgenossen ermuntern, ruhig das Geschick zu ertragen, da es durch die Fügung Gottes nicht lange andauern wird. Darum die Ausführlichkeit und das öftere Zurückkommen namentlich auf die dreitägige Finsterniß, die ihm zu nachdrücklichen Schilderungen und Anspielungen Gelegenheit gewährte. Darum aber auch die mehrmalige Ausführung des Gedankens, daß auch Israel in der Wüste von Strafen und Plagen, z. B. Krankheit und Schlangen heimgesucht wurde, immer aber bald durch Gottes Willen die Heilung eintrat, so daß die Plage nur zur Warnung dienen sollte und um die irregegangenen Israeliten zurückzuführen. Dies währte stets nur kurze Zeit, während die Strafen der gottlosen Feinde bis zu ihrem Untergänge führten. So sagt er: „Zur Warnung wurden sie (die Israeliten) auf kurze Zeit erschreckt und erhielten ein Zeichen der Rettung (die eherne Schlange) zur Erinnerung an das Gebot deines Gesetzes." (16, 6.) „Nicht durch das, was er ansah, wurde er gerettet, sondern durch dich, den Retter Aller." Durch die