Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1885)
- Date
- 1885-02-10
- Page
- Seite 105 (sequence 5)
- Language
- German
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105 Die Weisheit Salomorns. 2o<pla 2cc?xofttov. III. Wie im zweiten Abschnitt das Wesen und der Segen der Weisheit gerühmt und an geschichtlichen Beispielen erwiesen wird: so behandelt der dritte Abschnitt die Thorheit und die Strafe des Götzendienstes und bezeugt diese durch einen großen geschichtlichen Vorgang. Wir ersehen hieraus, daß das ganze Buch eine künstlerisch geordnete Composition hat, in welcher es sich mit einfacher Symmetrie aufbaut. — Der Verfasser wendet sich zuerst gegen diejenigen, welche irgend eine große Naturerscheinung, wie das Feuer oder den Wind oder die Sterne u. s. w. „für die weltregierenden Götter hielten." Sie sind alle „thöricht"; denn wenn sie wegen deren Schönheit sie für Götter hielten, so mußten sie einsehen, um wie viel bester der Urheber dieser Schönheit sei. Staunten sie aber über die Kraft und Wirksamkeit derselben, um wie viel mächtiger muß ihr Schöpfer sein. Denn aus der Betrachtung der Dinge erkennt man die Größe und Schönheit des Schöpfers. Unser Autor übersieht hier von seinem Standpunkte aus, daß die Schwierigkeit für die menschliche Erkenntniß darin lag, jene großen Naturerscheinungen nicht als selbstthätige Ursachen, sondern als Wirkungen der höchsten Ursache, als Werke der Gottheit anzusehen, und aus jenen erst auf diesen zu schließen. Viel eher könnte jetzt, wo die Gotteserkenntniß allgemein verbreitet ist, vom Verfaster der Vorwurf gegen die gegenwärtigen wistenschaftlichen Materialisten gerichtet werden, den er (13, 9) ausspricht: „Konnten sie mit ihrer Einsicht soweit kommen, daß sie die Welt zu erforschen wissen: warum haben sie nicht noch eher den Werkmeister derselben gefunden?"—Aber viel „unseliger" erscheinen ihm die Götzendiener, welche Werke ihrer eigenen Hände als Götter anbeten. Hier paraphrasirt der Verfasser die Stelle Jesajas 44, 9 ff., indem er noch einige einzelne Züge über die Bereitungsweise der Götzenbilder hinzufügt, z. B. das Bestreichen mit Mennig. Gegenüber dieser Bearbeitung niedrigen Stoffes stellt er nun den Anbeter dieser Götzen indem dieser „für seine Güter, Ehe und Kinder betet." „Er rufet das Schwache um Gesundheit an, bittet das Todte um Leben, das Unvermögendste fleht er um Hilfe an, das, was nicht gehen kann, um glückliche Reise; und für Erwerb und Geschäft und glückliche Handtirung bittet er um Kraft das, was ganz kraftlos von Händen ist." In der That muß demjenigen, der Gott als unkörperlichen Weltgeist erkannt hatte und anbetete, nichts thörichter und unsinniger erscheinen als diese Anbetung von hölzernen oder metallenen Bildern, und es mußte ihm der Contrast um so unerklärlicher sein, wenn er die sonstigen großen Schöpfungen derselben Menschen in Betracht zog. Geht es uns doch in ähnlichem Falle noch heute so. Daraus schöpfte, nebenbei bemerkt, der Bekenner des Judenthums auch die Verachtung der Kunst, die unser Autor hier und da verräth, weil sie ihm eben nur im Dienste der Götzenanbetung erschien. Um noch mehr die Thorheit des Götzendienstes zu zeigen, hebt unser Autor hervor (14, 1.): „Auch wer eine Seereise unternimmt und durch die wilden Fluchen zu fahren gedenkt, ruft ein Holz an, das viel gebrechlicher ist, als das Schiff, das ihn trägt", während es doch nur die Vorsehung Gottes ist, die uns einen „sicheren Pfad durch die Wellen gestattet". Er beruft sich hierbei insonders auf das Holz (die Arche), auf welches bei der Sisttfluth „die Hoffnung der Welt geflohen, und das von Gottes Hand gesteuert wurde." Z lieber die Götzenbilder aber wird das Strafgericht ebenso wie über die Götzenanbeter kommen, jene weil sie „ein Aergerniß für die Seelen der Menschen und ein Fallstrick für die Füße der Thoren sind." Wie wir in der Anmerkung bemerkt haben, ist dieses Strafgericht über -die Götzen eine biblische Anschauung, und in der That, wer bedenkt, wie einige Jahrhunderte später zahllose Götterbilder, darunter die größten Meisterwerke der Kunst, zertrümmert, zum Theil zu Metallklumpen oder Kalk umgegosten, ihre zerschlagenen Reste von der Erde bedeckt wurden und daß dieses Schicksal ihnen eben als Götzenbildern bereitet ward, kann diesem Gedanken die Wahrheit nicht absprechen. — Der Verfasser frägt sich, wodurch die Menschen zur Götzenbildnerei und Götzenanbetung gekommen seien? Nach ihm gab es zwei Ursachen: das Unglück und die Herrschergewalt (14, 21). Er meint: „ein durch frühzeitiges Leid gebeugter Vater machte sich ein Bild des schnell entrissenen Kindes, verehrte nun den todten Menschen als Gott und überlieferte nun den Seinigen einen geheimen Gottesdienst und Opfer." Wir erkennen hier den in Aegypten Lebenven, wo die Verehrung der Todten und der Todtenopfer-Cultus einen großen Raum einnahm, äußerst ausgebildet und von den Priestern aufrecht erhalten wurde. Dieser Todtencultus verschlang — selbstverständlich hauptsächlich zum Besten der Priester — einen großen Theil 1) Der folgende Bers 7 lautet: „Tenn gesegnet ist (si/.oyqxcu) das Holz, durch welches Gerechtigkeit geschieht." Grätz (Geschichte d. Juden. Bd. III. S. 494) will auch diesen Bers als „christliche Glosse" beseitigt haben. „Beim Worte Holz, sagt er, dachte ein christlicher Copist sofort an „Kreuz" und an die Sündenvergebung durch Rechtfertigung". Wir können ihm durchaus nicht beistimmcn. Zunächst wird der Bers 7 durch Bers 8 unentbehrlich, wo es heißt: „das von Menschenhänden aber zu einem Götzen bereitete Holz ist verflucht zniy.azÜQaxov, es selbst und der es bereitet hat." Dieses „verflucht" erfordert im Vorhergehenden ein „gesegnet". Aber auch der Sinn ist im Zusammenhänge klar. Das Holz, durch welches etwas Gerechtes geschieht, wie die eben angeführte Arche Noah's, ist gesegnet, hingegen das Holz, das zum Götzendienste verwendet wird, ist verflucht. Denn auch über dieses wird göttliche Strafe kommen, wie der Verfasser weiter ausführl, und mitwelchem Gedanken er sich ganz auf biblischem Boden befindet, z. B. Mos. 12, 12: „Und an allen Göttern Aegyptens werde ich Strafgericht üben", oder Jesajas 2,20, wo die Götzenbilder „den Maulwurfsraiten und den Feldmäusen hingeworfen werden."