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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-10 · Heft 7 (10.2.1885) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 7 (10.2.1885)
Date
1885-02-10
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 „ Inmitten aller trüben Erscheinungen -er letzten Jahre erscheint es als ein Licht- und Wendepunkt, daß gerade jetzt die conservative Partei bei ihrer Neubildung Stöcker und Luckhardt ausschließt und daß man gleichzeitig den Vorsitzenden der ersten jüdischen Gemeinde Deutschlands als solchen zu einem nationalen Werke heranzieht. Wie gering diese Anfänge einer besieren Zeit auch sein mögen, sie verdienen, wie ich meine, vollste Beachtung, und unsere Glaubensgenossen würden nach meiner Ansicht sehr unrecht thun, wenn sie sich schmollend zurückziehen und nicht nach ihren Kräften zum Gelingen der beabsichtigten Feier beitragen würden." — — Soweit die gesch. Zuschrift. Wir schließen uns den oben ausgesprochenen Ansichten vollständig an. Fürst Bismarck war der Mann, welcher den Gedanken der nationalen Einigung, den Gedanken des deutschen Reiches mit Kaiser und Parlament aus der Acht erlöste, in welche ihn die Altconservativen aller deutschen Staaten gebannt hatten und in der sie die Träger jenes Gedankens verfolgten, und ihn an die Spitze der mit dem Schwerte ausgeführten Politik stellte; er war es, der der Ausführung der nationalen Idee die Wege ebnete, auf welchen sie sich verwirklichte. Mit allen seinen Kräften trat er dafür ein und widmete unermüdlich sein Leben diesem Gedanken. Auf diesen Standpunkt, über alle Parteiung hinweg, muffen wir uns stellen. Die Persönlichkeit Bismarcks hat sich mit der nationalen Idee Deutschlands identifizirt, und wenn daher die Gelegenheit geboten ist, jener in dankbarer Anerkennung eine Huldigung darzubringen, so gilt dies im Grunde dieser, der Errichtung und Fortentwickelung des deutschen Reiches. Wir werden deshalb als deutsche Juden das ganze Gewicht des Ereignisses Mitempfinden und unser deutsches Nationalgefühl durch die volle und thätige Theilnahme erweisen. Thäten wir dies nicht, so würden wir jenen Gegnern Recht geben, welche — wir wissen in welcher fälschlichen Weise — behaupten, daß in uns das Bewußtsein und Gefühl als Deutsche von dem als Juden verdrängt werde. — Aber auch als Juden dürfen wir nicht vergeffen, daß das Reichsgesetz vom 3. Juli 1869, welches die Gleichberechtigung aller Confessionen für alle deutschen Staaten zum Gesetz erhob, unter den Auspicien des Reichskanzlers sanktionirt und in der Thronrede vom 22. Juni verkündet wurde. Wir dürfen nicht vergeffen, daß unter seinem Vorsitz der Berliner Congreß die Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Religionen als integrirenden Grundsatz des europäischen Staatsrechtes erklärte, eine Erklärung von hoher Bedeutung, wenn auch bis jetzt die Ausführung noch weit hinter ihr zurückblieb. ') Vor solchen tatsächlichen Verdiensten muß jede In der Sitzung des Congreffes vom 28. Juni 1878 erklärte Fürst Bismarck „qiie l'assentiment de V AUemagne est toujours ucquis a teute motion ia\oral»le ä la libeite religieuse“, Deutschzeitweise Verstimmmung zurückweichen, müssen wir uns an der nationalen Anerkennung und Dankesbezeugung mit ganzem Herzen betheiligen. Die Redaktion. (Beiträge nimmt auch Herr Justizrath Meyer, Vorsitzender des Vorstandes der jüdischen Gemeinde und Mitglied des geschästsführenden Ausschusses des Festcomites, Berlin, Spandauerstraße 63, an). Rückblick auf die Kampfe -es letzten Halden Jahrhunderts. v. Das Jahr 1848, das stürmischeste der neueren Zeit! Wir stehen noch zu sehr mitten im Parteikampfe, um bereits eine vorurtheilslose Ansicht, ein unparteiisches llrtheil über dieses Jahr abgeben zu können, das von der einen Seite noch immer glorificirt, von der anderen aufs Schärfste verurtheilt wird. Wenn man jedoch die seitdem eingetretenen Ereignisse und die mit diesen verbundene Entwickelung beobachtet, so kommt man wohl zu der Meinung, daß die Männer jener Zeit ihrer Ziele sich klar bewußt, aber in den Mitteln, zu diesen Zielen zu gelangen, sich unreif ununfähig erwiesen, und darum nothwendig irre- und sehlgehen mußten. Daß sie ihre Ziele erkannt hatten, ersieht man daraus, daß die Gedanken, die sie bewegten, im Laufe der Zeit sich dennoch meist verwirklicht haben, wenn auch auf ganz anderen Wegen, als jene vermeinten. Als die beiden unmittelbar erreichten Erfolge können betrachtet werden: die Umwandlung des absolutistischen Staates, wo er noch bestand — natürlich mit Ausnahme des östlichen Europas — in den constitutionellen; der absolutistische Staat hatte seine letzte Schlacht geschlagen und sie verloren. Zweitens aber die Anerkennung des Princips der Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze als des Fundamentalprincipes des Rechtsstaates. Das letztere bedeutete nun auch die Gleichberechtigung der Juden in den mitteleuropäischen Staaten, in welchen sie bis dahin noch nicht zur Geltung gekommen, lleberall gehörte diese zu den Forderungen, welche innerhalb der eingetretenen Bewegung vom Volke und dessen Vertretern aufgestellt wurden. Ueberall erfolgte auch deshalb die verfassungsmäßige Annahme dieser Gleichberechtigung, und die Proklamirung derselben trat in rascher Folge von einem Lande zum andern ein. Wie aber dieses Jahr neben- und nacheinander die grellsten Gegensätze zum Vorschein brachte, so erlebte man von der einen Seite die Befreiung der Juden aus anderthalb Jahrtausend allen Banden, von der anderen land werde jedem Anträge zustlmmcn, welche der Religionsfreiheit günstig ist." (S. Jahrg 1878 S. 549.)

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