Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-03 · Heft 6 (3.2.1885) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 6 (3.2.1885)
Date
1885-02-03
Page
Seite 98 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227562--42384-3310931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

98 sie in den Weihnachtsfeiertagen zu besuchen, leistete Mendelssohn Folge. Am 25. Dezember Nachmittags vier Uhr kam er mit seiner Frau und seinen Töchtern zu den „unvergleichlichen Schwestern"; es wu^de so manches gesprochen. Ob Sophie den Freund noch einmal gesehen hat? Am 4. Januar 1786 schrieb sie in ihr Tagebuch: bei meinem heutigen Erwachen rechnete mein Herz auf frohen Genuß in dem Umgänge unserer hiesigen Freunde. Wir kleideten uns zeitig an, indessen schickte uns die Herzogin ein Billet, dessen erste Zeilen mein Herz erstarrten: „Unser großer, weiser Mendelssohn ist diesen Morgen entschlafen!" Welche sonderbare Revolution erregten diese wenigen Worte in meiner, bald auch in Elisens Seele! Er, den wir so zärtlich liebten, der vor wenigen Tagen froh in unserm Kreise saß — er ist so plötzlich hinausgetreten, hat so viele verwaist zurückgelassen. Die ersten Theilnehmer unseres Schmerzes waren die Herzogin, Dir. Campe 2), Stamford, Nicolai und Parihey s). Da saßen wir und verstummten, keines konnte sprechen. O wie laut sprachen unsere Thränen: „Er ist nicht mehr!" Und das mußten wir auch hier mit erleben! Welch unersetzliche Lucke hat Berlin, hat die ganze Welt erhalten! Elise, deren Befinden ohnehin schon schlecht war, litt viel. Nicolai war sehr consternirt. .. . Um vier Uhr machten wir bei Campe einen Besuch, wo wir eine große Gesellschaft antrafen. Keiner hatte den Muth, Mendelssohn's Namen zu nennen. Allgemein ist die Achtung für ihn. Morgen früh wird sein Körper in die Erde gelegt. Wie viele, viele neue Wahrheiten hat indeß sein freier Geist umfaßt. Er genießt vielleicht schon in dem nähern Umgänge mit seinem Lesfing Seligkeiten, die er hier nicht ahnte — vielleicht — armseliges Wort. „Nun ruht Moses bei seinen Vätern", schrieb sie den 5. Januar. „Um 10 Uhr morgens ist heute die Leiche, von vielen Hunderten seiner Nation begleitet, an ihre Ruhestätte gebracht worden. Er lebt nicht mehr unter uns. Theurer, unvergeßlicher Name, du stirbst nicht!" Budapest, 5. Januar 1885. vr. Kayserling. Vermischtes. Die Sekte „Neu-Jsrael". Daß mit dieser „Sekte" nichts weiter als eine Prose lytenmacheri von London aus betrieben wird, giebt fol gender Bericht öffentlicher Blätter: „In Kischenew bei Odessa erfolgte am 5. Jänner die Eröffnung der im Hause des Josef Rabinovits eingerichtete Synagoge der Sekte „Neu-Israel" unter Betheiligung des Pastors R. Faltin, des Kischenewer Polizeimeisters, des Pristaws, mehrerer christlicher Einwohner und einer großen Zahl jüdischer junger Leute. Mitten im Saale stand ein Weihnachtsbaum (es war russischer Weihnachtstag) mit diversen Gegenständen und bunten Lichtern geschmückt. Auf der einen Seite befand sich ein mit schwarzem Tuche bedeckter Tisch, auf welchem das Neue und Alte Testament, sowie andere religiöse Werke lagen. Der Gottesdienst begann mit dem Bortrage des aus der lutherischen Kirche herbeigeholten gemischten Chors, welcher einige Hymnen absang. Hierauf bestieg der neue Reformator Josef Rabinovits, der sich sichtlich in höchster Aufregung befand, die Estrade und wendete sich mit zitternder Stimme an die Anwesenden, denen er im Jargon eine Rede hielt und Psalmen Davids vorlas, die er dann ins Russische übersetzte. Indem er seine Rede durch Citate aus der Schrift bekräftigte, suchte er der Versammlung nachzuweisen, daß seine Brüder — die Juden — sehr im Jrrthume seien, wenn sie die Ankunft des Messias erwarten. Dieser Messias sei schon längst gekommen; es sei dies der Erlöser Jesus Christus. Die Juden müssen aus ihrem Irrthum heraus und in die richtige Bahn einlenken, was sie nur dadurch bewirken können, wenn sie Jesus Christus als den erhofften Messias anerkennen. Die Anwesenden lauschten! sehr aufmerksam, und nachdem die Rede beendet war, betrat Pastor Faltin die Kanzel und hielt in deutscher Sprache eine kurze, aber eindringliche Rede. „Ich bin hier bereits 25 Jahre", sagte er, „und habe mich während dieser ganzen Zeit mit den Juden gut verhalten. Ich habe allen Denjenigen geholfen, die sich an mich gewendet hatten, denn helfen ist die erste Pflicht eines jeden Christen. Ich weiß, daß alle Religionen ihren Ursprung von der jüdischen haben, und daß auch unser Heiland von Juden entstammte. Zu dieser Wahrheit gelangte selbständig, durch eigene Forschung, euer Bruder Josef Rabinovits. Daher, glaube ich, wird er euch am besten in der von euch verstandenen Sprache erklären können, wie verirrt ihr seid, und daß ihr bei euren gegenwärtigen Ansichten über die Religion nicht als wahre Juden gelten könnt." Nach dieser Rede wurden unter die versammelten jungen Leute in London gedruckte Broschüren über den Zweck und ' Nutzen der neuen Sekte vertheilt." — Die „jungen Leute" / sind offenbar zusammengeholte Zuhörer, die der „Sekte" noch / lange nicht angehören. 2) Campe war damals Erzieher der beiden Humboldt in Tegel. 3) Parihey, Hauslehrer beim Grafen Medem, nachmals Schwiegersohn Nicolai's.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.