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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-03 · Heft 6 (3.2.1885) · p. Seite 97

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 6 (3.2.1885)
Date
1885-02-03
Page
Seite 97 (sequence 17)
Language
German
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97 drichsfelde, in der Nähe Berlins, Hof hielt, war, eilte Sophie zu Nicolai, bei dem sie meistens die Abende zubrachte und in deffen Hause sie auch Mendelssohn kennen lernte. Am 29. September kam die Herzogin von Kurland nach Berlin zum Besuche ihrer Schwester; bald darauf kam auch Mendelssohn. Das Gespräch wurde sehr intereffant und „es war mir", schreibt Sophie, „eine rechte Augenweide, den liebenswürdigen Philosophen mit dem Judenbarte im Gespräche mit ein Paar reizenden Weibern zu sehen. Die Hauptgespräche waren über die Unsterblichkeit der Seele, ob es ein angeborenes Gefühl zwischen Eltern und Kindern giebt, und von Todesstrafen." Mendelssohn rieth der Herzogin, sich nicht durch gelehrte Geschwätze über die Unsterblichkeit ihre natürliche warme Ueberzeugung davon zu rauben. Zwei Tage später, den 1. October, fuhr Elise mit Sophie und Nicolai zu Mendelssohn. „Wir brachten ein paar sehr schöne Stunden mit dem liebenswürdigen Philosophen zu", heißt es in dem Tagebuche. „Er hat drei sehr artige Töchter, davon die mittelste ein recht schönes Mädchen ist, und drei Söhne, denen man den Geist aus den Augen sieht. Dem ältesten hat Mendelssohn sein neues Buch über das Dasein Gottes zugeeignet. In einem Gespräche, das Nicolai führte, wurde er dadurch gestört, daß Mendelssohn das Zeug seiner Unterkleider scharf ansah und ein paar Mal mit der Hand drüber fuhr. „Nun was wollen Sie denn mit der Aufmerksamkeit auf das Zeug?" „Ich sah und fühlte jetzt als Fabrikant", war Mendelssohn's Antwort." Den 10. October statteten die beiden Kurländerinnen wiederum einen Besuch bei Mendelssohn ab, dieses Mal sahen sie auch seine' Frau, die Sophien sehr gut gefiel und ein „Weib von vielem wissenschaftlichem Verstände" zu sein schien. Es wurde viel über Lesfing gesprochen und zwar durch Veranlassung der gerade erschienenen Briefe des Geheimraths Jacobi an Mendelssohn, in welchen er den Spinozismus widerlegt und zugleich beweist, daß ihm Lessing zugethan gewesen. Mendelssohn und Nicolai, welche Lessing's Seele und Grundsätze genau gekannt haben, sahen dies für ein Komplott der Lavatersschen Partei an. Den 15. October verließen die Freundinnen Berlin, um sich nach Hamburg zu begeben. Abends zuvor sprach Mendelssohn zu einem kurzen Abschiedsbesuche bei ihnen vor und traf mit dem Herzoge und der Herzogin von Kurland zusammen. Nach fünfwöchentlichem Aufenhalte in Hamburg, wo sie auch den gelehrten Moses Wessely, der „nicht das durchaus Liebevolle und Sanfte Mendelssohn's hatte", kennen lernten, kehrten sie nach Berlin zurück. Den 24. November hatten sie wieder die Freude, ihren geliebten Mendelssohn in seinem Hause zu besuchen. Sein Willkommen zeugte von innerer Freude, sie wiederzusehen. Drei Tage später, den 27. November, erwiderte er ihren Besuch. Ihre Unterhaltung drehte sich um die Schrift Jacobi's. Hören wir, was Sophie darüber berichtet: Jacobi's Schrift, welche so gern wieder Alles auf den bloßen Glauben zurückführen will und die Vernunft als eine Jrrführerin vorstellt, hat Mendelssohn beinahe zu dem Entschlüsse gebracht, den Unterschied der alten Theologie von der neuern zu zeigen und darzuthun, wie die ersten Kirchenväter die Vernunft zur Prüfung des Christenthums empfohlen und nur die sogenannten Geheimnisse der Religion über dieselbe, aber mit Nichten wider dieselbe hiellen, und wie die neueren die Bernunftmäßigkeit des Christenthums herabwürdigen, indem sie dieselbe gar nicht achten; allein Nicolai hat ihn als seiner Ruhe Freund davon ernstlich abgehalten. Elise erzählte ihm heute, was Spalding zum Behufe der geheimen Gesellschaften und der Schwärmerei gepredigt hatte, und forderte ihn auf, zum Besten der Wahrheit Dasjenige wenigstens nach seinem Tode zu hinterlassen, was ihm jetzt die Sorge für sich und seine Familie untersagte. „Ach", sagte er, „was soll ich schon für Christen sorgen, da mein eigener Herd so schlecht bestellt ist. Das wahre Judenthum ist nirgends mehr, Schwärmerei unv Aberglauben ist bei uns in der größten Abscheulichkeit . . . ." Wir sprachen hierauf davon, daß man in dem Religionsunterrichte der lutherischen Kinder ihnen Das stets einprägte, daß die Wunder seit Christus Zeiten aufgehört hätten, und wie man die Nation der Juden in ihrem verachteten Zustande als den redendsten Beweis der christlichen Religion aufstellte. „Das erste", sagte Moses, der in unserer Kirchengeschichte und Religion völlig bekannt ist, „das erste steht aber nicht in ihrem Katechismus." Bei dem zweiten Punkte lachte er und sagte: „Ja, ja, ihr sehet uns als lebendige Documente eures Glaubens an, und Dank sei dieser Einfall eines gewissen Bischofs, dessen Name ich mich nicht besinne, daß er unsere Nation zum Beweise brauchte, sonst hätten uns die Christen lange ganz vertilgt." Nun wollte ich ihn weiter fragen, worin denn eigentlich der Grund dieser beständigen Absonderung von allem Andern läge, und ob die Philosophen derselben nicht allmählich diese durch Vorurtheil festgesetzte Barriere wegrücken sollten — aber da trat Nicolai herein und die Unterredung nahm eine andere Wendung. Den 17. Dezember fuhren Elise und Sophie wieder zu Mendelssohn und brachten zwei Stunden der angenehmsten Unterhaltung bei ihm zu. Diesmal betraf ihr Gespräch die Musik und zwar hauptsächlich die Gluck'sche. Mendelssohn war für den simpeln Gesang und verwarf Coloraturen, welche Nicolai vertheidigte. Zwischen dem 17. und 25. Dezember wechselten Mendelssohn und Sophie die Briefe, welche in Mendelssohn's Gesammelten Schriften ') abgedruckt sind. Sophien's Einladung, 1) V. 642— 647. 6

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