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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-03 · Heft 6 (3.2.1885) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 6 (3.2.1885)
Date
1885-02-03
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 und zwar meist mit recht ansehnlichen Gaben. Unsere Gegner könnten, wenn sie wollten, auch hieraus ersehen, daß in j den Herzen der Juden die Erinnerung an die schrecklichsten Verfolgungen aus früherer Zeit keine Nachwirkung übt und von Gefühlen des Haffes bei uns keine Spur vorhanden. Gemeine Seelen können dies nicht begreifen und setzen deshalb bei uns voraus, was sie selbst fühlen oder fühlen würden!" — Hier in Berlin giebt es auch einen evangelischen „Jerusalems-Verein", an welchem viele hochgestellte Personen theilnehmen. Dieser Verein hat den Zweck, die evangelischen Gemeinden und Missionen in Palästina und Aegypten mit Geistlichen zu versorgen. Im vorigen Jahre vereinnahmte er M. 20,694, verausgabte dagegen M. 26,340, so daß er über 5006 M. von seinem eisernen Fond entnehmen mußte. Ich erwähne dies nur. weil es Leute giebt, die viel Geschrei erheben, wenn sie von einem jüdischen Vereine hören, der für die Armen und Waisen in Jerusalem thätig ist, und darin ein Zeichen erblicken wollen, daß die Juden immer noch an die Wiederherstellung ihres Reiches im heil. Lande denken und damit ihre antideutsche Gesinnung bekundeten. Man will eben den Juden verargen, was Protestanten und Katholiken thun. Leipzig, 23. Januar. (Privatmitth.) Es ist eine allbekannte Sache, daß in Sachsen der alte Judenhaß von jeher Wurzeln geschlagen hat, und war dies immer um so bemerkcnswerther als die sächsische Industrie seit Jahrhunderten einen großen Theil ihres Flors den Juden, nämlich den zur Leipziger Messe strömenden, zu verdanken hatte. Wenn in früheren Zeiten die Juden aus Polen und Jaffy nicht zur Messe kamen, etwa zu Kriegszeiten, so gab es so gut wie keine Messe und die sächsischen Fabrikanten sahen sich dem Untergange nahe. Doch verhehlten die Sachsen niemals ihre Gesinnungen gegen die Juden. Kamen sie zur Meffe, so waren sie sehr willkommen; aber mit dem Ende derselben wurde mit der größten Härte auch nicht ein einziger Jude auf sächsischem Boden geduldet, mit Ausnahme der nicht großen Zahl von Familien, die seit langer Zeit in Dresden unter den drückendsten Beschränkungen ansässig waren. Diese Gesinnung bekundete man in Sachsen auch in der jüngsten Zeit. Dresden war ein Hauptherd der Antisemiten, wo sie auch ihre internationalen Congresse hielten, und noch eben sandten die Dresdener ihren Hartwig in den deutschen Reichstag. In kleinen Dingen verrathen sich aber die Gesinnungen oft mehr, als in größeren Vorkommniffen. Da existirt in Leipzig das Geschäft von Mey & Edlich in baumwollenen und leinenen Waaren, ein Geschäft, das nur mit Privatpersonen betrieben wird und jährlich seine Kataloge mehrere Male versendet. Dem jüngsten Kalalog lag nun eine gedruckte Erklärung bei, worin es heißt: „daß sowohl unser Herr Ernst Mey, wie auch unser Herr Bernhard Edlich sich zu der christlichen Religion bekennen und von christlichen Eltern abfiammen, daß auch die sämmtlichen Angestellten unserer verschiedenen Etabliffements in Plagwitz, Leipzig, Berlin, Hamburg, Zürich, London und Paris, gegen 1000 Personen zusammen, Christen sind." — Aus welchen Gründen und mit welcher Absicht geben die Herren diese Erklärung? Entweder glauben sie, daß sie Schaden erlitten, wenn man sie für Juden hält, oder daß sie Nutzen erzielen, wenn man sie Christen weiß, oder beides zusammen. Da nun bekanntlich es ebenso gut unsolide Händler unter den Christen wie unter den Juden giebt, so müffen jene auf antisemitische Gesinnungen bei ihren Kunden rechnen, und dann fragt es sich, mit welchem Rechte sie ihre Kataloge Juden zuschicken? Denn so gut wie sie von ihren Comptoiren und Arbeitern Juden fernhalten, müßten sie dies doch auch von ihren Kunden. Den Juden aber, die sie mit Zusendung ihrer Kataloge behelligen, und dies find nicht wenige, rathen wir, die letzteren einfach zurückgehen zu lassen. Posen, 2L Jan. (Pos. Z.) Der verstorbene Commerzienrath Samuel Jaffs (vgl. w. u. „Nottzen") hat in seinem Testamente ausgesetzt: 100,uOO M. für die städttsche Armenkasse, wovon jährlich an seinem Sterbetage die Zinsen zur Hälfte an christliche, zur Hälfte an jüdische Arme vertheilt werden sollen, je 3000 M. für die beiden israelittschen Krankenverpflegungsvereine, 3000 M. für die Diaconissen- Krankenanstalt, je 3000 M. für die Jacob'sche und die jüdische Waisenmädchen-Erziehungsanstalt, 6000 M. für die jüdische Waisenknaben-Anstalt, zu deren Direction der Verstorbene gehört hat, 300o M. für das Kinderhospital in der Petristraße, 600 M. für den Verein junger Kaufleute; es sind dies also im Ganzen 124,600 M. Außerdem hat die Hinterbliebene Wittwe des Berstorbenen circa 8000 M. theils der städttschen Armenkasse, theils verschiedenen wohlthättgen Vereinen zum Beerdigungstage behufs Bertheilung an die Armen überwiesen, sodaß also im Ganzen 132,600 M. aus Anlaß des Ablebens des Commerzienraths S. Fasse den Armen unserer Stadt, resp. der städtischen Armenkasse und verschiedenen mildthätigen Instituten zu Theil geworden find. Oppeln, 19. Januar. (Privatmitth.) Da liegt vor mir ein großes Sensation erregendes Buch: „Briefe christlicher Zeitgenossen über die Judenftage", herausgegeben von I. Singer. Diese Briefe enthalten die Aeußerungen von mehr als 60 hervorragenden christlichen Literaten über ein anderes Buch des Herausgebers, das sich betitelt: „Sollen die Juden Christen werden?" Dies letztere habe ich nicht gelesen, ich habe also gar kein Ilrtheil darüber. Wie aber aus den Briefen zu ersehen, plaidirt Herr Singer dafür, daß wir Juden das specifisch jüdisch Religiöse, das uns von denChristen trennt, fahren und unser individuelles Judenthum nur in unserer bevorzugten providenttellen Nattonalität gravittren lassen. Daß dies das Verkehrteste in der Welt ist, daß um

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