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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-03 · Heft 6 (3.2.1885) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 6 (3.2.1885)
Date
1885-02-03
Page
Seite 89 (sequence 9)
Language
German
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89 lich anständigem Weise vorgestern fort. Auch er kann es! dem „Juden und Kaufmann" Wahrmann nicht verzeihen, I daß er das Referat über das Handelsbudget übernommen! und daß er in seiner Programmrede vor seinen Leopoldstädter Wählern die den Antisemiten geheiligte Person des Justizministers Paula angegriffen habe. Wahrmann blieb die Antwort nicht schuldig; er erwiderte sofort in einer glänzenden, geistreichen Improvisation, welche von der Majorität des Hauses mit lebhaften Beifallsäußerungen ausgenommen wurde. Zum Schluffe der vorgestrigen Sitzung erhob sich noch der antisemitische Pfarrer Zimandy, der in immer größer werdenden Zomesausbrüchen wieder über die Juden herfiel. Er schimpfte auf die Talmudjuden, auf die Freimaurer und die liberalen Jntransiganten, erklärte, daß die Partei des Redners, die neugeborene christliche Partei, sich die Durchführung der christlichen Dogmen zum Ziele gesetzt habe und die wieder zum Durchbmch gelangte Judenfrage nicht mit Hilfe der Knütteln, sondern in Frieden und mit christlicher Liebe lösen wolle. Schließlich bemerkte auch er, daß nach seiner Ansicht Wahrmann nicht das Recht habe, sich unter die vornehm denkenden Personen zu rechnen. Trotz der Komik, welche diesem immer salbungsvoll schimpfenden und schreienden Priester! innewohnt und trotz der Heiterkeit, mit welcher das Haus sein sinnloses Gepolter aufnimmt, war doch die ganze Scene von einem äußerst widrigen Charakter. Gestern ließ sich noch der Aelteste der antisemitischen Zunft, der ehemalige Profeffor Nendtwich, in bekannter Weise vernehmen. Er las dem Hause einen Artikel vor, welchen der Cultusminister Trefort im Jahre 1862 veröffentlicht hat, und wies nach, daß Trefort der erste Antisemit des Landes sei. Ohne damit etwas Neues zu sagen, hat er aber wohlweislich verschwiegen, das; damals die bedeutendsten ungarij schen Staatsmänner und unter diesen insbesondere Franz Deak, der Weise der Nation, Baron Joseph Eötvös u. A. gegen diesen publicistischen Versuch des gegenwärtigen Cultusministers Front gemacht, und daß jene Auslassungen allgemeine Entrüstung hervorgerufen haben. Das zu bemerken, paßte dem Herrn Professor natürlich nicht in seinen antij semitischen Kram. %ei li/ivxq| Mactc Xc'vx Deutschland. I Berlin, 22. Januar. (Privatmitth.) Nachdem die Conj servativen Berlins mit den Antisemiten so viel Unglück gehabt,! und Stöcker, Wagner, Cremer und Brecher durchfallen sahen,! auch in den übrigen Theilen des Landes sich in dieser Ten-! denz desavouirt fanden, faßten sie den Entschluß, dem Antisemitismus, der seine Befähigung als Wahlhebel so schlecht bewährt hat, zu entsagen. Das „Berl. Tageblatt" von gestern berichtet hierüber: „Die Neuconstituirung der conservativen Partei hat sich in Berlin vollzogen. Der Bruch mit der Stöcker'schen Richtung ist damit perfect geworden, eine Thaffache, die übrigens vorauszusehen war, nachdem Herr Prediger Hapke vom C. C. C. wegen widerrechtlicher Retention einer Wählerliste allen Ernstes mit einer Klage beim Consistorium und bei der Staatsanwaltschaft bedroht war. Dem neuen conseroativen Vereine, dessen geschäftliche Leitung in die Hand des 0. 6.6. gelegt ist, sollen vor Allein die antisemitischen Belleitäten des Stöcker'schen Conservatismus fern gehalten werden. Auf Verluste an Parteimitgliedern macht mau sich aus diesem Grunde für die erste Zeit gefaßt. Aber man hofft, durch ein Zusammengehen mit den gemäßigt Liberalen, die sich auch in diesen Tagen definitiv conftituirt haben, den Verlust für die Wahlen ersetzen zu können. Verhandlungen in diesem Sinne werden demnächst zwischen beiden Parteigruppen stattstnden. Da die neue Parteibildung der Conseroativen sich unter Zustimmung der conseroativen Parteien im Parlamente vollzogen hat und ihre Spitze gegen die Herren Stöcker, Wagner und Cremer kehrt, so darf man auf das weitere Verhalten dieser Herren zu der Partei, von der ihnen gewissermaßen ein Mißtrauensvotum ertheilt ist, gespannt sein." — Verhält cs sich so, wie in diesem Berichte mitgetheilt ist, so geben die Conseroativen überhaupt den Antisemitismus auf und hiermit ist diesem die Pulsader durchschnitten. Er wird fortan als ein verfehltes Experiment angesehen werden müssen, das natürlich seine schädigenden Folgen noch längere Zeit fühlbar machen wird, sich jedoch, wenigstens in Deutschland, als ziel- und erfolglos erwiesen hat. — Einstweilen sucht Prof. Wagner, der bekanntlich noch Vertreter von „Osthavelland" im Abgeordnetenhause ist, während er in demselben Wahlkreise bei der jüngsten Reichstagswahl durchgefalleu, seinem Aerger dadurch Lust zu machen, daß er keine Rede hält — bekanntlich hält er viele und lange Reden — in welcher er nicht das Wort „jüdisch" anbringt und mit besonderem Nachdruck ausspricht. Abg. Rickert ertheilte ihm in der vorgestrigen Sitzung deshalb eine ausreichende Rüge. Er wollte sogar die Wahl seines Gegencandidaten Ludwig Löwe nur durch die Hülfe der katholischen Wähler zu Stande gebracht wissen. Bei einem solchen Herrn hilft nur eine Correctur äußerst wenig. — Mit Vergnügen bemerkte man, daß in der Liste der Spenden für die Verunglückten in Spanien sich sehr viele Juden befinden, e

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