Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1885)
- Date
- 1885-02-03
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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86 Kritik auflöste und in das erwachende Streben nach einer neu sich gestaltenden und befestigenden Ueberzeugung wandelte: so begann sich der Glaube an die Unveränderlichkeit des Gebetcyklus und des Rituals und an die strenge Verpflichtung auf diese zu lockern. Man fing an, vom Gottesdienste nicht bloß eine mechanische und stabile Ausführung des herkömmlichen Ritus, sondern Erbauung, d. h. Erregung und Erhebung der Seele, die Erfüllung des Herzens mit Andacht und Weihe, die Beschäftigung des Geistes zu verlangen, und hierzu wesentliche Veränderungen zu fordern. Allmählig bestimmten sich diese zu folgenden Punkten: 1) die Herstellung der äußeren Ordnung und einer würdigen Haltung; 2) Verkürzung der Gebete durch Ausscheiden des überflüssigen und später Hereingebrachten; o) Beseitigung veralaus. Diese liegt vielmehr darin, daß in der Mehrzahl unserer Glaubensgenoffen die Anficht von der Pflichterfüllung, die in der Uebung des Ritus und der Gebete liege, sich verloren hat und nur dem religiösen Bedürfniß und dem Verlangen nach Erbauung und Beschäftigung des Geistes mit religiösen Ideen ein Recht eingeräumt wird. Hierin liegt aber, so begründet diese Auffaffung theoretisch ist, eine Schwächung des religiösen Lebens. Dies ist zu bekämpfen. Wir müssen es uns klar machen, daß wenn das talmudisch rabbinische System es verstanden hat, über anderthalb Jahrtausend die Bekenner des Judenthums in seinem umfassenden und genau gegliederten Bau fest zu halten, so bald der Hauptpfeiler desselben, der Glaube an die unbedingte Verpflichtung, untergraben oder gebrochen war, die Geister dem Gegensätze verfielen. So ist teter, der Jetztzeit nicht mehr entsprechender Gebete, besonders | es denn nothwendig, einerseits das religiöse Bedürfniß wahrderer um Wiederherstellung des Opsercultus; 4) eine ange-§ Haft zn wecken und zu stärken, andererseits das religiöse meffene Vortragsweise mit Chor und Orgel; 5) Aufnahme. Pflichtgefühl von Neuem wurzeln zu machen. Jeder Jude, der Muttersprache in den Gebetcyclus. Es währte eine lange! der dem Bekenntniß seiner Religion ergeben ist, hat auch die Zeit, bevor sich diese Erfordernisse eines verbesserten Gottes-§ Verpflichtung, dieses Bekenntniß in sich und anderen zu erdienstes Bahn brachen. Nicht bloß die orthodoxe Partei^ halten und zu befestigen; er hat die Pflicht, ein lebendiges sondern auch die Zähigkeit der früheren Anschauungen selbst! und thätiges Glied der Gesammtheit und durch sein Beispiel bei Personen, die in ihrer eigenen Lebens- und Handlungs- | wirksam zu sein; er hat die Pflicht, sich mit seinem Gotte in weise die Uebung der Satzungen aufgegeben hatten, behinderte j innigem Zusammenhänge zu halten, was am nächsten durch einen raschen Fortschritt, und es gab noch eine lange Zeit > das Gebet geschieht, und Anderen ein Vorbild zu sein, was viele, welche Sabbath- und Speisegesetze nicht mehr hielten,! durch den gemeinsamen Gottesdienst bethätigt wird. Dahin dennoch sehr entrüstet waren, wenn sie einmal in der Synaj mit aller Kraft zu wirken, ist unsere Aufgabe, goge, z. B. am Jom-Kippur, erschienen und irgend einen alten Nigun an der gewohnten Stelle vermißten. Auch war es natürlich, daß dir aufgrsühltr» Bedürfnisse und Wünsche °i- Rückblick auf die Kämpfe des letzte« Halde« Zahlner längeren Zeit bedurften, um eine bestimmte Gestalt zu gewinnen und dem umgeänderten Ritus eine gewisse Dauer- - ' Hastigkeit zu gewähren. Auf diesem Wege sehen wir die jü-! IV. dischen Gemeinden bereits seit sechs Jahrzehnten meist miP Im Anfang des Jahres 1846 wurde die Aufmerksamungewissen Schritten wandeln. Jede Gemeinde, die nicht: feit besonders auf die russischen Juden gezogen. Es lastete stabil geblieben, hat gewissermaßen eine eigene Geschichte ihrer i aus ihnen ein trauriges Geschick, denn neu erflossene Ge- Reform; denn nicht selten wurden die gewählten Formen,; setze und Befehle beschränkten sie noch mehr auf die wenigen weil sie sich nicht einbürgern konnten, oder den wirklichen Provinzen, in welchen sie geduldet wurden, wollten sie Verhältnissen nicht entsprachen, wieder verlassen, und erst: 50 Werste von jeder Grenze entfernt halten und verordneten nach langer Zeit wurden neue Versuche angestellt. In der Ausnahmebestimmungen für die Rekrutirung unter ihnen, die jüngsten Zeit haben sich wohl die gottesdienstlichen Reformen bei längerer Geltung fast zur Ausrottung der Juden führen in den wesentlichsten Punkten fester normirt; allein man kann mußten. Wir veröffentlichten darüber ein Memoire in Nr. 5, nicht verkennen, daß das Ziel noch nicht erreicht ist. Die welches in die größten französischen und englischen Zeitungen Unthätigkeit der Gemeinde bei der jetzt obwaltenden Gestal- — diesmal ohne unser Zuthun—Eingang fand, und das noch tung des Gottesdienstes und die Ueberwucherung des Chor-; heute lesenswerth ist, da sich zwar die Verhältnisse der russigesangs und des musikalischen Theiles überhaupt, sowie bisschen Juden trotz Allem seitdem gebessert haben, die allge- Unsicherheit, in wieweit man der Muttersprache inmitten der meine Lage aber heute noch dieselbe ist. Wir wiesen darin hebräischen Gebete einen Platz einzuräumen habe, und einige | nach, daß diese Behandlung der Juden nicht aus persönlichem andere Punkte machen es glaubhaft, daß man bei der jetzigen Hasse, sondern aus dem politischen Prinzip, das damals un- Gestalt nicht werde stehen bleiben können. Jndeß macht dies > bedingt verfolgt wurde, erfloß, nämlich aus dem Prinzips der nicht die Hauptdifferenz zwischen dem Ehemals und dem Jetztj Russifizirung aller Nationalitäten und der Ueberführung in